Die Kunst des Folterns
Von Rico Bandle. Aktualisiert am 26.10.2009
Guantánamo-Verhöre als Rollenspiel: Die Künstlergruppe Uebermorgen.com im Cabaret Voltaire. (Video: Rico Bandle)
Konzeptkunst von Uebermorgen.com
Die Künstlergruppe bestehend aus dem Schweizer Hans Bernhard und seiner österreichischen Partnerin, die sich Lizvlx nennt, hat sich virtuellen Interventionen verschrieben. Zu ihren bekannteren Projekten gehören die Wahlstimmen-Versteigerung bei den US-Präsidentschaftswahlen 2000, damals schaffte es Bernhard sogar zu einem Auftritt auf CNN. In einem anderen Projekt versuchte die Gruppe, den Online-Buchhändler Amazon auszurauben. Weitere Projekte auf www.uebermorgen.com
Die Suche erwies sich als schwierig. «Freiwillige Folteropfer» sollen sich beim Cabaret Voltaire melden, so der Aufruf. Drei Personen kamen ihm nach, darunter auch solche, deren Motiv nicht den Vorstellungen der Künstlergruppe Uebermorgen.com entsprach. Fast hätte der Direktor Philipp Meier persönlich einspringen müssen, da konnten noch eine geeignete Frau und ein Mann gefunden werden.
Ausgangspunkt für das Projekt sei der Begriff «Enhanced Interrogation», was etwa mit «verschärfter Befragung» übersetzt werden könnte. «Da wurde ein neuer Begriff für die Folter geschaffen», so die Künstler. Eineinhalb Jahre haben sie sich daraufhin mit dem Thema befasst, haben einen Monat lang mit einem ehemaligen Guantánamo-Wärter zusammengelebt und mit dem deutschen Häftling Murat Kurnaz gesprochen. Ihre Erkenntnisse haben sie im Projekt «Superhenced» filmisch und mit Fotografien umgesetzt und ein Computerprogramm entwickelt, das das Verhör automatisiert. Zudem stellen sie mit Freiwilligen Verhörsituationen nach. Im Cabaret Voltaire zeigten sie die Performance nicht zum ersten mal, sie war schon in Linz und zuletzt im japanischen Yokohama zu sehen.
Ohrfeige und Wasserdusche
Nur etwa ein Dutzend Zuschauer wollten sich das Live-Foltern am Sonntag zumuten. Doch die, die da waren, beobachten das Geschehen höchst konzentriert, die Sache wurde mit grossem Ernst angegangen – man hätte nach der Ankündigung durchaus auch einen ironischen Ansatz vorstellen können. Mit harschem Ton, zum Teil gelangweilt und immer misstrauisch befragten die beiden Künstler ihre Opfer. «Bist du Vegetarier, Veganer, Allergiker oder Muslim?» oder «Was ist wichtiger, das System oder die Person?», sind nur zwei von unzähligen Fragen, mit denen die gefesselten und zum Teil mit einer schwarzen Stofftüte über dem Kopf versehenen Opfer eingeschüchtert wurden. Über 90 Prozent der Fragen seien Originalfragen, wie sie in richtigen Verhören vorkommen.
Einem Opfer wurde eine Kanne Wasser über den Kopf geschüttet, es musste zudem eine Ohrfeige einstecken. Sonst beschränkte sich die Folter, falls man das Wort bei diesem Spiel überhaupt in den Mund nehmen darf, auf psychische Massnahmen. Auch bei richtigen «Enhanced Interrogations» seien die körperlichen Massnahmen zwar schlimm, noch schlimmer sei aber die psychische Belastung der Isolation, nicht zu wissen, ob man am nächsten Tag freigelassen oder exekutiert werde, erklärten später die Peiniger. Und: Verhöre seien extrem langweilig, da sie sich über viele Stunden hinzögen und die selben Fragen häufig dauernd wiederholt würden.
Untaugliche Methoden
Zwischen den Verhören zeigten die Künstler Dokumente ihrer Recherche. Originalpapiere der Regierung Bush oder auch einen Film, in denen die Methoden viel ausgiebiger nachgestellt wurden als in dem Live-Rollenspiel. Nach der Performance stellten sie sich den Fragen des Publikums.
Die von den Amerikanern praktizierten Verhörmethoden seien untauglich, um zu neue Informationen zu gelangen, so die Künstler. Die Unterschriften unter die von den Amerikanern vorverfassten «Geständnisse» taugten einzig zu PR-Zwecken. Ein Verdikt, dem von anderer Seite wohl heftig widersprochen würde. Die Künstler beteuern jedoch, keine Politik machen zu wollen, sondern sich der Recherche verschrieben zu haben. In einer solchen Angelegenheit ist es jedoch gar nicht möglich, keine Politik zu machen. Ist man sich dessen bewusst, ist die Auseinandersetzung von Uebermorgen.com mit der Thematik aber durchaus ein Gewinn. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 26.10.2009, 12:49 Uhr
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