Porträt

Die Meisterin des Chaos

Die Zürcher Künstlerin Chrissy Angliker zog mit 16 nach New York. Nun ist sie wieder zurück an ihrem Geburtsort – von ihren Anfängen hat sie sich aber weit abgesetzt, finanziell und künstlerisch.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn Chrissy Angliker redet, dann in zwei Sprachen gleichzeitig. Ihre Sätze beginnt die 30-Jährige in Englisch, um sie in Deutsch zu beenden, oder umgekehrt. Der Singsang wiederspiegelt ihren Lebenslauf. Die gebürtige Zürcherin ist als Teenager in die Staaten ausgewandert, um Malerin zu sein. 15 Jahre später erhält sie ihre erste Soloshow in der Heimat: Anglikers neusten Werke werden derzeit in einer Galerie im Seefeld ausgestellt.

Die Entscheidung, ins Ausland zu gehen, fällte Angliker mit 16. In der Schweiz sah sie keinen Weg, ihren Berufswunsch zu erfüllen: «Ich wollte Künstlerin werden, doch niemand nahm mich ernst. Meine Lehrer sagten mir, ich solle halt eine Lehre als Grafikerin machen – das sei auch kreativ.» Doch für Angliker, die schon als kleines Kind angefangen hatte zu malen, war das keine Alternative. Die schweizerisch-amerikanische Doppelbürgerin schrieb sich am Kunstinternat Wallnut Hill School in Massachussetts ein, liess Familie und Freunde hinter sich und reiste allein nach Übersee. «Ich bin nicht weggegangen, weil ich wollte, sondern weil ich musste», sagt sie heute.

Als sie in der Highschool angekommen sei, habe es sich dann angefühlt wie eine Befreiung: «Endlich konnte ich so sein, wie ich war. Ich stürzte mich Kopf voran in die Arbeit.» Doch leicht war es für die junge Künstlerin nie: Die Eltern fehlten ihr, sie war einsam. «Damals lernte ich, über meine Bilder nachzudenken: Jedes Mal, wenn ich Heimweh hatte, schaute ich sie mir ganz genau an, um mir in Erinnerung zu rufen, warum es keinen anderen Weg für mich gibt.»

2013 und der Umbruch

Bis jetzt ist sie diesen Weg erfolgreich gegangen. Nach der Highschool zog Angliker weiter nach New York, machte einen Abstecher ins Möbel- und Produktedesign, kehrte aber schnell wieder zur Kunst zurück. Im November 2011 präsentierte sie ihre Arbeit zum ersten Mal einem breiten Schweizer Publikum: Sie nahm an einer Show für Nachwuchskünstler teil – und verkaufte ausserordentlich gut, «so wie bei allen Ausstellungen, die ich in der Schweiz bis jetzt hatte». In New York bestritt sie im Herbst 2013 ihre erste Soloshow, die Galerie William Bennet Modern, die hauptsächlich mit Bildern von Salvador Dalí und Pablo Picasso handelt, vertreibt eine Auswahl ihrer Werke. Angliker ist somit eine von wenigen Schweizer Jungkünstlern, die den Sprung in die Professionalität geschafft haben.

Zum zweiten Mal in die Heimat gebracht hat die Künstlerin nun ebenfalls eine Soloausstellung. Die Show «Hey, it's ok» im Zürcher Seefeld besteht aus Werken, die im letzten Jahr entstanden sind. «2013 war eines meiner intensivsten Jahre, im Guten wie im Schlechten», sagt Angliker. Es war geprägt von einer Ausstellung im thurgauischen Diessenhofen: Im letzten Herbst hingen dort einige von Anglikers Werken gemeinsam mit Bildern des russischen Künstlers Juri Borodatchev.

Der Mentor und seine Schülerin

Borodatchev war es, der die 13-jährige Angliker als Erster im Malen unterrichtete. Dies, ohne mehr als ein paar Brocken Deutsch zu sprechen. «Wir kommunizierten nicht mit Worten, sondern über die Kunst», erzählt Angliker. «Juri war der Erste, der mir zeigte, dass Kunst eine Sprache ist. Zuvor hatte ich mich immer unverstanden gefühlt.» Die beiden verband eine tiefe Freundschaft, bis zu Borodatchevs Tod im Januar 2011.

Zwei Jahre lang verdrängte die Künstlerin den Verlust ihres Mentors. «Als ich für unsere gemeinsame Ausstellung zu malen begann, holte der Schmerz mich ein. Ich fühlte mich nackt, schutzlos.» In ihrem Atelier im Norden Brooklyns versuchte sie zunächst, mit dem ihr eigenen Drip-Stil weiterzuarbeiten: Angliker liess dicke Farbtropfen über ihre Motive laufen, machte sie dadurch vollkommen und gab sie gleichzeitig ein Stück weit der Zerstörung preis. Sie vereinte die Kontrolle mit dem Chaos, «so wie es das richtige Leben tut». Jahrelang hatte sie diesen Stil weiterentwickelt und sich in der Szene damit einen Namen gemacht.

«So nackt, wie ich mich fühlte»

Das erste Motiv, das sie malte, war eine nackte Frau, auf einem Fels im Meer sitzend. «Sie sollte so nackt sein, wie ich mich zu diesem Zeitpunkt fühlte.» Angliker schraubte tagelang an der Farbkomposition, variierte den Hintergrund, tauchte das Bild in düsteres Schwarz, dann wieder in helles Blau. Nichts passte. 80-mal übermalte sie die «Bubblegum Nude», wie sie das Gemälde taufte, und erschuf sie wieder neu (siehe Video), bis sie zufrieden war. «Da wusste ich: Diese Technik ist erschöpft, ich kann mich mit ihr nicht mehr ausdrücken.»

Die Künstlerin musste sich entscheiden: Entweder sie malte trotzdem im Drip-Stil weiter. Und erschuf Bilder, die zwar Abnehmer finden würden, aber nicht darstellten, was sie empfand. Oder sie vollzog einen Stilwechsel und ging damit das Risiko ein, ihre Promoter und Käufer vor den Kopf zu stossen. «Ich entschied mich für Letzteres. Weil ich mir zu Beginn meiner Karriere geschworen habe, immer ehrlich zu bleiben.» Und Ehrlichkeit bedeutete in dieser Situation für Angliker, sich einzugestehen, dass sie nicht mehr weiter weiss. «Ich sagte mir: Hey, das ist okay – hey, it's okay» – daher der Name der Zürcher Ausstellung.

Sie begann zu experimentieren. Malte Porträts, Menschenmassen, Stillleben, Abstraktes, alles wild durcheinander. Nach wochenlangem Ausprobieren bildete sich ein neuer Stil heraus: Sie verzog die Motive noch immer, aber nicht mehr durch tropfende Farbe, sondern durch dicke Pinselstriche. Ihre Kunst war dreidimensionaler und abstrakter geworden, «doch es geht noch immer um Kontrolle und Chaos».

Sehnsucht nach der Heimat

In New York hängen die ersten neuen Angliker-Werke schon in den Galerien. Mehrere Exemplare wurden bereits verkauft, für durchschnittlich etwa 4000 Franken pro Bild. Vor zweieinhalb Jahren kosteten ihre Bilder noch um die 500 Franken. Wie die neuen Werke beim Schweizer Publikum ankommen, weiss sie noch nicht, die Ausstellung in Zürich wird es zeigen. Die Künstlerin würde in Zukunft jedenfalls gerne öfters in der Schweiz arbeiten, obwohl ihre Eltern mittlerweile in die Staaten ausgewandert sind, die Schwester auf den Malediven lebt. «Was mich mit der Schweiz verbindet, geht über Familienbande hinaus. Hier sind meine Wurzeln, hier verstehe ich die Codes, kann mühelos kommunizieren und mich einfügen.»

Die 30-Jährige kann heute von ihrer Kunst leben, auch wenn es unsichere Phasen gibt. «Letztes Jahr, als ich acht Monate lang nur gemalt habe, musste ich eisern sparen. Aber es hat sich gelohnt.» Denn sie hat nicht nur ihren Stil weiterentwickelt, sondern ist auch sich selbst ein Stück näher gekommen. «Es war schmerzhaft, mich so intensiv mit dem Tod von Juri auseinanderzusetzen – und dadurch mit mir selbst und meiner Entwicklung als Künstlerin. Da waren viele Ängste im Spiel, nicht nur im Hinblick auf den kommerziellen Erfolg.» Doch mit der Angst habe sie zu leben gelernt. «Sie ist ohnehin mein ständiger Begleiter, seit ich als Teenager meine Familie verliess.» Manchmal werde die Furcht übermächtig, «dann denke ich: Fuck, ich kann nicht mehr malen». Bis jetzt hat sie jedes Mal einen Weg gefunden, dieses Gefühl in Kunst zu übersetzen, statt sich von ihm lähmen zu lassen. «Und solange ich das schaffe, werde ich weitermachen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.02.2014, 17:05 Uhr

«Hier sind meine Wurzeln, hier kann ich mühelos kommunizieren und mich einfügen»: Chrissy Angliker in ihrem Heimatort Zürich. (Bild: Adrian Guntli)

80 Farbschichten: Die Entstehung der «Bubblegum Nude» im Zeitraffer.

«Hey, it's ok» in der Galerie Art Seefeld

Vom 21. Februar bis 28. März werden Bilder von Chrissy Angliker in der Galerie Art Seefeld in Zürich ausgestellt.

Am Sonntag, 2. März, findet von 11 bis 13 Uhr eine Art Brunch mit Angliker statt. Die Künstlerin wird selbst durch die Ausstellung führen. Anmeldung unter info@artseefeld.com.


Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14 bis 18 Uhr, Samstag 12 bis 18 Uhr

www.artseefeld.com

Chrissy Angliker

Die 30-jährige schweizerisch-amerikanische Doppelbürgerin lebt seit 15 Jahren in den USA. Mit 16 zog sie nach Massachusetts, um Fine Art zu studieren, ein Master in Industrial Design in New York folgte. Angliker arbeitete danach einige Jahre als Möbel- und Produktdesignerin, bevor es sie wieder ganz in die Kunst zog.

Seit 2011 widmet sie sich ausschliesslich ihrer eigenen Arbeit und macht immer wieder halt in Galerien in der Schweiz und Europa. Die renommierte Galerie William Bennett Modern arbeitet seit kurzem mit ihren neusten Werken.

Angliker malt repräsentative sowie abstrakte Bilder und wendet dabei Tropftechniken an, die sie 2013 zu dimensionalen Pinselstrichen weiterentwickelt hat. Eines ihrer Vorbilder ist der 2012 verstorbene niederländische Künstler Bram Bogart. Mithilfe von Zement, dicken Farbschichten und anderen Hilfsmitteln erschuf er abstrakte, dreidimensionale Gemälde.

Artikel zum Thema

«Der Beginn einer Liebesgeschichte»

Interview Die Winterthurerin Chrissy Angliker wanderte mit 16 aus, um Künstlerin zu werden. Jetzt verdreht sie New York den Kopf. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Kommentare

Abo

Digitale Abos

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Neu ab 18.- CHF pro Monat

Die Welt in Bildern

Grusel, Grusel: Taranteln krabbeln den Arm einer Frau in Kambodscha hoch, nachdem sie diese eingefangen hat 21. Juni 2017).
(Bild: Samrang Pring) Mehr...