Die Schweiz im Jahr 2030
Von Martin Ebel. Aktualisiert am 04.08.2011 4 Kommentare
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Studie
Die komplette Studie kann bei Swissfuture für 50 Franken bestellt werden.
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Prognosen, so ein altes Witzwort, sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Was macht also ein Institut, das die Zukunft erforscht, aber genauso wenig wie jeder andere wissen kann, wie diese aussehen wird? Es entwickelt mehrere Zukünfte. Eine davon wird mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eintreffen. Wenn es nicht doch ganz anders kommt.
Swissfuture heisst die «Schweizer Vereinigung für Zukunftsforschung», ihre neue Studie «Wertewandel in der Schweiz 2030». Diese führt eine ähnliche Untersuchung aus dem Jahr 2004 weiter. Vor einigen Wochen wurde die Studie vorgestellt, man kann sie kaufen, die Zusammenfassung im Internet lesen.
Das Forschungsteam unter der Leitung des Luzerners Georges T. Roos hat vier Szenarien für die Schweiz des Jahres 2030 entwickelt und sie «Ego», «Clash», «Balance» und «Biocontrol» genannt. Wie in einer Matrix kreuzen sich jeweils zwei Hauptfaktoren: Wirtschaftsaufschwung oder Wirtschaftskrise; starker oder schwacher Staat beziehungsweise Dominanz des Individuellen oder der Gemeinschaft.
-Im Szenario «Ego» wachsen Wirtschaft und Wohlstand, Einwohnerzahl (auf 9,5 Millionen) und Individualismus. Der Staat zieht sich bewusst zurück und überlässt der Wirtschaft das Feld. Extreme Konkurrenz und Flexibilität bestimmen das Berufsleben, das sich mit dem Privatleben verwischt.
-«Clash» geht dagegen von einer lang anhaltenden Rezession aus. Die Schweiz hat sich in die EU gerettet und wird von hoher Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst geprägt. Der Staat erweist sich als hilflos, die Gesellschaft zerfällt in Gruppen, die sich befehden – ideologisch, politisch, religiös.
-«Balance» ist das schönste Szenario: Wohlstand und Wachstum, ein reformierter Sozialstaat, der Einzel- und Gemeinschaftsinteressen in ein gesundes Gleichgewicht bringt. Wirtschaft und Gesellschaft orientieren sich ökologischnachhaltig. Solidarität und Toleranz allerorten.
-«Biocontrol» bezeichnet eine verarmte Schweiz, die wirtschaftlich isoliert ist und mit starker staatlicher Regulierung auf alle Probleme reagiert. Nationalismus, Nostalgie und Kontrollwahn beherrschen das Land, forcierter Gemeinsinn führt zu Intoleranz.
Das sind zwei abschreckende («Clash» und «Biocontrol»), eine erträgliche («Ego») und nur eine wirklich wünschbare («Balance») Zukunft. Verwirrend ist, dass sie alle gleichermassen plausibel klingen – und wie wenig das Land und seine Bürger darauf einwirken können, welche davon eintritt. Wobei die Untersuchung die wohl entscheidenden externen Faktoren stark vernachlässigt: Klimaerwärmung, Umweltzerstörung und Ressourcenerschöpfung. Sie werden, diese Prognose ist nicht gewagt, die ärmeren Länder katastrophal treffen und in Form von Kriegen, Flüchtlingsströmen und Terrorismus auch den reichen Norden erreichen.
Literatur von Teams
Was bedeuten die jeweiligen Szenarien für Kunst und Literatur? Dieser Frage widmet sich eine der vier «Vertiefungsstudien», die Swissfuture zusätzlich hat anfertigen lassen (die anderen gelten den Themen Arbeitswelt, Sicherheit und Siedlungsentwicklung).
-«Ego»: Hier kommt die Kultur vollends unter die Räder der Ökonomisierung. Der Hochkultur ist nur noch eine kleine Nische geblieben, das Geschehen bestimmen Entertainment und Starkult. «In der Kunstausbildung nimmt das Selbstmarketing bereits ein Drittel der Ausbildungszeit in Anspruch.» (Unterhaltungs-)Literatur wird zunehmend von Teams herausgebracht, in denen «Spezialisten für Marktanalyse, Storyboard, Scripting, Editing, Charakterentwicklung, Recherche und Vokabularkonsistenzprüfung» zusammenarbeiten. Leser können Anteile von Verlagen erwerben und auf Künstler und Programm Einfluss nehmen. Der Staat hat die Kulturförderung an die Wirtschaft abgegeben, die sie ihren eigenen Interessen unterwirft. Kulturkritik ist überflüssig, die vermittelnden Instanzen dienen allein der Verkaufsförderung. Kurz: Die Kultur gehorcht voll und ganz der Marktlogik und ihr allein.
-«Clash»: In einer in Gruppen zerfallenden Gesellschaft wird die Kultur funktionalisiert: Sie dient den jeweiligen Gruppeninteressen. Hochkultur ist nur noch eine Sache der Eliten, die dominierende Stimmung ist bildungsfeindlich und antiintellektuell. Kulturförderung wird auf Volkstümliches reduziert, jede Teilgesellschaft entwickelt eigene Fördersysteme. Als Reaktion entsteht eine lebendige Subkultur.
-«Balance»: Das gesellschaftliche Wunschszenario zeigt blühende kulturelle Landschaften. Kultur gilt als «zentraler Innovationsmotor», sie durchzieht alle Bereiche der Gesellschaft. Die Qualitätsmedien erleben eine Renaissance als Träger der Diskurskultur, das Buch ist hoch angesehen, «es gilt als sinnlich, entschleunigend und reflexiv». Es gibt ein hoch entwickeltes und einfallsreiches Förderwesen. Junge Künstler erhalten Stipendien, die sie später in Form von Kunstwerken oder Unterricht zurückzahlen können. Gegen diese alles tolerierende «Kuschelkultur» regt sich aber auch Widerstand, das Verlangen nach Reibung und Opposition – das sich natürlich auch wieder in Kunstwerken artikuliert.
-«Biocontrol» ist ein antimodernes Szenario. Entsprechend erinnert das kulturelle Leben an früher – aber ein Früher, das es so nie gab: Ein offizieller «eidgenössischer Kanon» aus vorbildlichen Kunstwerken wird gelehrt, Volkskultur gefördert, natürlich besonders der Dialekt (auch schriftlich!). Kunst entsteht vielfach auf Auftrag und mit staatspolitischen, moralischen Zielen. Sie ist affirmativ und intolerant. Kritiker legen sie «richtig» und didaktisch aus. Als Reaktion auf diese paternalistische Kultur entstehen vitale, subversive, ästhetisch interessante Untergrundströmungen.
Repression macht kreativ
Ausgerechnet das repressive «Biocontrol»-Szenario, meinen die Verfasser in ihrer Bilanz, könnte das «künstlerisch progressivste» sein – eben weil sich Kultur nicht planen und in Dienst nehmen lasse. Unabhängig von den Szenarien sieht die Studie eine weitere Zunahme kultureller Produktion voraus (noch mehr Bücher, aber in immer kleineren Auflagen) und eine stärkere Partizipation durch die technische Entwicklung. Analog zu den Blogs wird «sich die Zahl der Autoren derjenigen der Leser annähern» – und das ist, bei der Schwierigkeit allen Prognostizierens, etwas, was wir uns auf keinen Fall wünschen können. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.08.2011, 10:03 Uhr
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4 Kommentare
Die grosse Frage wird sein, ob es 2030 noch die derzeitige politische Landkarte geben wird. Wenn die politische und wirtschaftliche Macht sich in Richtung Osten verlagert haben wird, die USA sich nur noch militärisch artikulieren, wird es ziemlich egal sein, was die Schweiz macht. Antworten
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