Kultur

Die Tristesse des Glamours

Von Ingo Arend, Berlin. Aktualisiert am 02.12.2010 1 Kommentar

Fotografien aus der Halbwelt der Subkultur und der Mode: Zwei neue Berliner Ausstellungen zeigen Werke von Nan Goldin und Peter Lindbergh.

1/8 Berlin-Bilder von Nan Goldin
Bea with the blue drink, O-Bar, West-Berlin, 1984.
© Nan Goldin / Court. M. Marks Gallery, NY

   

Ikone und alternde Frau in der gleichen Fotografie: Peter Lindberghs Jahrhundertbild von Jeanne Moreau. (Bild: Peter Lindbergh)

Ausstellungen

Nan Goldin: Berlinische Galerie, bis 28. März 2011.
www.berlinischegalerie.de

Peter Lindbergh: C/0 Berlin, bis 9. Januar 2011.
www.co-berlin.info

Stichworte

«Ich fotografiere nur Menschen, die ich liebe.» Das ist so ein echter Nan-GoldinSatz. Dieser Ton der Unbedingtheit, der Hingabe und der Obsession. Doch man nimmt es ihr ab, wenn man jetzt in der Berlinischen Galerie ihre Bilder aus den 80ern wiedersieht: Niko Utermöhlen von der Tödlichen Doris mit seinem Freund Oli am Tresen im legendären Club Dschungel, Käthe Kruse nackt unter der Dusche in Nans Bad in Kreuzberg, ihre langjährige Geliebte Siobhan liegend in der Badewanne. Diese Bilder sind keine distanzierten soziologischen Studien. Es sind fotografische Liebeserklärungen.

Berlin war für ein paar entscheidende Jahre die Wahlheimat der 1953 in Boston geborenen Fotografin. Im Kino Arsenal hatte sie 1984 ihre Diashow «Die Ballade von der sexuellen Abhängigkeit» gezeigt, in der sie das exzessive Leben in der New Yorker Subkultur der 70erJahre verarbeitet hatte: Fixer, DragQueens, Transvestiten, Homosexuelle.

Auch in der Berliner Boheme der Vorwendezeit fand sie schnell Freunde – und blieb. Ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes ermöglichte ihr dann 1991, diese fotografische Erkundung fortzusetzen. Zur Eröffnung ihrer neuen Ausstellung nannte die Künstlerin, die heute in Paris lebt, diese Zeit sichtlich bewegt «the best years of my life».

Dokumentarfotografin mit Schnappschuss-Ästhetik und Porträtistin einer Generation – diese Vokabeln heften wie Kletten an Goldin. Doch das Ungestellte und «kompromisslos Ehrliche», das damit meist unterstellt wird, verfehlt haarscharf den Kern ihrer Kunst. Gewiss scheint man mit ihren Bildern zum direkten Zeugen von Sexualität, Begierde, Gewalt, Krankheit, Trauer und Tod dieser Halbwelt zu werden. Doch nicht nur die mit Blitzlicht beleuchteten Aufnahmen in Clubs, Bordellen und Nachtbars zeugen von ihrem konzeptuellen Vorgehen.

Ihr berühmtes «Selbstporträt in meinem blauen Bad» (1991), auf dem sich die schöne Rothaarige durch den Klappspiegel eines Toilettenschranks skeptisch selbst beobachtet, ist ein Muster an Reflektiertheit. Mögen die Museen der Welt noch so oft lieb gewordene GoldinKlischees nachdrucken wie ihr Zitat: «Bilder zu machen, ist für mich eine Art, jemanden zu berühren – eine Form von Zärtlichkeit.» Bei dem für Goldins Arbeit zentralen Utensil fühlt man sich eher an Martin Bubers Dialog-Philosophie erinnert. Nicht zufällig hiess ihre erste Ausstellung 1996 im New Yorker Whitney Museum «I’ll Be Your Mirror».

Emotionale Nähe

Mit dieser Mischung aus Empathie und Selbstbefragung ist sie ihrem Kollegen Peter Lindbergh näher, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Der 1944 geborene Künstler, von dem jetzt eine Retrospektive im Fotografieforum C/O zu sehen ist, wurde durch seine Modefotos weltberühmt. Ein Genre, von dem sich auch die junge Goldin inspiriert fühlte: Tristesse und Glamour sind in ihren Bildern zwei Seiten derselben Medaille. Auch Lindbergh setzt auf seine Art auf emotionale Nähe zu seinen Porträtierten. Sharon Stone, Kate Moss oder Milla Jovovich sind bei ihm immer die Stars; zugleich eignet ihren Porträts etwas Unprätentiöses, Privates, das jede Attitüde dieses Genres konterkariert.

Das Sexuelle, Körperliche, das einen bei Goldin förmlich anspringt, erscheint bei Lindbergh, trotz gereckter Frauenbeine, weniger unvermittelt. Die grösstmögliche Erfüllung fand sein Balanceakt zwischen Sinnlichkeit und Inszenierung in dem 2003 entstandenen Porträt der französischen Schauspielerin Jeanne Moreau. Die Aufnahme mit den geöffneten Lippen, auf der aber auch die Narbe einer Schönheitsoperation zu sehen ist, zeigt die cineastische Ikone und die verletzliche, alternde Frau. In diesem atemberaubenden Jahrhundertbild ist Lindbergh Goldin am nächsten.

Trotzdem darf man seine Arbeit nicht mit irgendeinem Realismus verwechseln. Selbst wenn eine Serie «On Street» heisst: Wer genau hinschaut, entdeckt in den New Yorker Strassenszenen immer wieder diese schmalen Frauenfiguren, die sich ihrer Umgebung scheinbar vollkommen anverwandeln – wenn da nicht der entrückte Blick, die minimalistische Garderobe, die steife Pose wären. Lindberghs Verismus ist trügerisch: Er dient vor allem dazu, die schmale Grenze von Realität zu Inszenierung auf einen kaum noch erkennbaren Rest zu minimieren.

Mit Nan Goldin blickt das neue Berlin auf eine versunkene Zeit zurück: Auf die ummauerte Insel Westberlin zwischen den Blöcken, auf der ein kleiner Stamm namens Subkultur hauste: hochpolitisch, hocherotisch, mystisch aufgeladen. Nicht dass man diese verwunschene Zeit unbedingt zurückhaben will. Aber wer Goldins «Berlin Works» – 53 von 80 Bildern wurden noch nie gezeigt – Revue passieren lässt, ahnt, was sich verändert hat.

Für die schrägen Vögel aus aller Welt, denen auch ihre Liebe galt, ist die Stadt nicht weniger attraktiv geworden. Und das Flüchtige, Unfertige, das Lindbergh in seinen Berlin-Bildern aus den Jahren nach dem Mauerfall im Club Tresor, am Brandenburger Tor oder am Alexanderplatz eingefangen hat, ist zu einem neuen Mythos geworden. Heute wird die Stadt, bis auf ein paar Kreuzberger und Neuköllner Biotope, aber eher von der Coolness der Kreativwirtschaft regiert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.12.2010, 11:26 Uhr

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1 Kommentar

John Appleton

03.12.2010, 19:08 Uhr
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Zitat: "Heute wird die Stadt, bis auf ein paar Kreuzberger und Neuköllner Biotope, aber eher von der Coolness der Kreativwirtschaft regiert." Unsinn, lieber Ingo Arend, fahr mal nach Berlin, aber du weißt wahrscheinlich nicht wohin, wenn du da bist. Antworten




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