Die Wahrheit über Sex, Drugs & Rock'n'Roll
Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 23.10.2009
Reiste wochenlang mit den Rockstars mit: Hannes Schmid.
Ausstellung und Buch
Hannes Schmid, Rockstars, Galerie Nicola von Senger, Zürich 27. Oktober bis 24. Dezember 2009. Danach im Brooklyn Museum, New York. Katalog/Buch bei Edition Patrick Frey.
www.nicolavonsenger.com
Der Fotokünstler
In den 70er-Jahren reiste Hannes Schmid durch Afrika und Südostasien und fotografierte Landschaften und Menschen. 1977 bis 1984 begleitete er die grössten Rockstars jener Zeit auf ihren Tourneen. Danach war er für Modezeitschriften tätig, fotografierte den Marlboro-Man oder auch die Formel 1. Heute fotografiert Schmid nicht mehr, er bewegt sich im Bereich der bildenden Kunst. Dabei malt er seine Marlboro-Bilder fotorealistisch mit Öl auf Leinwand ab. Auch die Aufarbeitung und Neupräsentation seiner Rockstar-Bilder versteht Schmid als ein Kunstprojekt.
www.hannesschmid.ch
Als Fotograf mit grossen Bands mitzureisen, das tönt wie ein Traumjob. Wie kamen Sie dazu?
Ein Freund aus der Plattenindustrie nahm mich in den 70er-Jahren mit an ein Nachtessen mit Status Quo. Als die Musiker hörten, ich sei ein Fotograf, spürte ich gleich eine gewisse Ablehnung. Mein Freund erzählte ihnen dann, dass ich in Irian Jaya Kannibalen fotografiert hatte. Was auch stimmte. Da war ich für die Bandmitglieder nicht mehr ein Fotograf, sondern ein interessanter Kerl, den sie plötzlich akzeptierten.
Es heisst, Sie seien mit Bands wie Status Quo, Van Halen oder Genesis befreundet gewesen. Wie fassten diese Vertrauen?
Von Freundschaft zu reden ist übertrieben. Ich war jeweils mehrere Wochen mit den Bands unterwegs und gehörte damit einfach zur Crew. Durch die enge Zusammenarbeit und die Reisetätigkeit entstand jeweils so etwas wie eine Familie auf Zeit. Meine Art zu arbeiten war ganz eigen. Das gefiel den Musikern. Viele Bands wollten, dass ich mit ihnen mitreise. Gegenüber Fotografen und Journalisten hegten sie ein grosses Misstrauen. Man muss bedenken: Damals gab es noch kein MTV. Nicht das Fernsehen, sondern die Musikzeitschriften entschieden über Erfolg und Misserfolg von Bands oder konnten gar ganze Bands kreieren. Zu mir hatten sie Vertrauen.
Sie waren auch bei vielen Stars zu Hause, Mike Ratherford von Genesis zeigen Sie mit seiner Tochter.
Ja, es war klar, dass die Musiker mich und auch andere Crewmitglieder immer mal wieder zu sich einluden. Zu begleiten, wie normale Menschen mit einem Schritt auf die Bühne zu Stars werden, war das Spannende an meiner Arbeit. Diesen Wandel wollte ich porträtieren. Die Musik interessierte mich nicht. Eine solche intensive Begleitung wäre heute kaum mehr möglich. Auch damals war ich wahrscheinlich der einzige Fotograf, der kurz vor den Auftritten dabei sein durfte, selbst auf der Bühne. Wie sich da eine Spannung aufbaut, hat mich sehr fasziniert.
Besonders offenkundig wird dies bei den Bildern von Kiss kurz vor dem Auftritt.
Ja. Auf einem Bild erkennt man, dass die Hand nicht geschminkt ist, dass noch etwas Menschliches da ist. Es findet eine Verwandlung statt: Kaum treten die Musiker auf die Bühne, ist eine ganz andere Energie da. Da reicht eine Armbewegung und 10'000 Leute im Publikum heben ihren Arm ebenfalls.
Ihre Bilder wirken oft, als wären sie spontan entstanden. War das eine bewusste Entscheidung?
Mich interessiert die Geschichte zum Bild. Als Schnappschüsse würde ich die Bilder aber nicht bezeichnen. Viele Bilder sind inszeniert, aber natürlich niemals so, wie in einem Studio.
Sie waren so nahe dran an den grossen Stars des Pop und Rock der 70er- und 80er-Jahre wie kaum jemand sonst. Wie war das nun wirklich mit Sex, Drugs and Rock'n'Roll?
Nicht so, wie man sich es vorstellt. Die Tourneen waren unglaublich streng. Der Konzertrhythmus war sehr hoch, kaum war ein Konzert vorüber ging es mit dem Bus zum nächsten. Für grosse Ausschweifungen blieb wenig Zeit, sicherlich weniger, als man sich das vorstellt.
Wenn Sie nach 30 Jahren an diese Zeit zurückdenken, was waren die eindrücklichsten Momente?
Ich weiss nicht, es waren so viele! Aber an Nina Hagen erinnere ich mich besonders gerne, die war so verrückt. Sie hatte einmal eine Phase, bei der sie behauptete, sie sei ein Vampir. Ich hatte dann mit ihr ein Fotoshooting in London, wir gingen einfach irgendwo auf die Strasse. Plötzlich legte sie sich auf den Boden und rührte sich nicht mehr. Nach einiger Zeit rief ich die Ambulanz. Als die Sanitäter da waren, schimpfte Nina Hagen mit mir, ich hätte doch wissen sollen, dass ein Vampir einmal täglich stirbt – und sie sei eben gestorben gewesen.
Nach acht Jahren hörten Sie mit der Rock/Pop-Szene auf und fotografierten für Modezeitschriften. Weshalb?
Ich wollte etwas Neues machen. Und wie gesagt, ich war ja kein Fan der Musik. Modezeitschriften sind auf mich zugekommen, man suchte nach einem neuen Stil. Meine Arbeit entsprach dem Zeitgeist. Aber ich wurde nie zu einem Modefotografen, sondern machte Kunst, die dann auch von Modezeitschriften abgedruckt wurden. Eine gewisse Zeit lang war ich einer der gefragtesten Fotografen und hätte wie andere Starfotografen 20'000 pro Tag verdienen können. Das interessierte mich aber nicht, Geld war nie mein Antrieb. Ich wollte einfach so fotografieren, wie ich wollte und tat das mit sehr viel Passion und Begeisterung. Deshalb haben Models bei mir auch Sachen gemacht, die sie sonst nie machen würden.
Sie haben später den Marlboro-Man fotografiert und in seiner Bildwelt geprägt. Durch ihn kamen Sie in den letzten Jahren in die Schlagzeilen.
Bis 2008 wusste niemand, dass ich die Bilder gemacht hatte. Dann entdeckte ich, dass der grosse US-Künstler Richard Prince meine Marlboro-Man-Bilder abfotografierte und unter seinem Namen für Millionen von Dollar verkaufte. Prince hat mich dann inspiriert, in meiner künstlerischen Arbeit einen Schritt weiterzugehen: Ich habe meine eigenen Marlboro-Bilder in Öl auf Leinwand reproduziert. In den USA wurden diese Bilder bereits ausgestellt. Bei dieser Ausstellungstätigkeit kam die Idee zu dem Buch und der Ausstellung mit den Rockstar-Bildern. Und so holte ich die Dias nach 30 Jahren aus meinem Keller hervor. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.10.2009, 14:56 Uhr
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