Die Wundertüte der Sphinx

Am Samstag startet die Documenta 14 – in Athen. Das Programm von Kurator Adam Szymczyk, Ex-Chef der Basler Kunsthalle, könnte anstrengend oder aber konsequent punkig werden.

Adam Szymczyk will dem Publikum nichts vorsetzen, was es schon kennt. Foto: Dimitris Vlaikos

Adam Szymczyk will dem Publikum nichts vorsetzen, was es schon kennt. Foto: Dimitris Vlaikos

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«Merkel, du Schlampe, was auch immer du vorhast – unser Wetter kannst du uns nicht wegnehmen!», skandiert ein Graffito an einer Mauer nahe der Akropolis. So viel zur Stimmung in Athen, wo in wenigen Tagen die Documenta, einer der wichtigsten Kunstevents Europas, starten wird. Ein Event, wohlgemerkt, der aus Deutschland nach Griechenland exportiert wird: die Documenta, die seit 1955 alle fünf Jahre über die Bühne geht (siehe Box), tut dies traditionell in Kassel. Bis jetzt. Bis Adam Szymczyk (sprich: «Schimtschik»), künstlerischer Leiter der diesjährigen Ausgabe, sie in einem Akt des kuratorischen Rebellentums kurzerhand zweigeteilt und die eine Hälfte der Schau aus der hessischen Behäbigkeit mitten ins prekäre Herz von Finanz-, Unions- und Flüchtlingskrise verpflanzt hat.

«Von Athen lernen»: Die Kunst hat ein anderes Motto als die Politik. Foto: Petros Giannakouris/Keystone

«Learning from Athens», von Athen lernen, hat Szymczyk das Projekt betitelt – und damit Schäubles Forderung, die Griechen sollten «ihre Hausaufgaben machen», Paroli geboten. Ein cleverer Schachzug in einer Zeit, da alles in Überfülle vorhanden ist: (Fake-)News, Bilder, und eben auch Kunst. Da muss sich auch eine Superschau wie die Documenta etwas einfallen lassen, um die zunehmend flüchtige Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen.

Der Einbezug Athens ist aber mehr als ein blosser Marketing-Gag. Denn die Stadt, seit Jahrzehnten in einer Dauerkrise, funktioniere wie ein Gegenstück zu Kassel, meinte Szymczyk (wie immer mit geheimnisvollem Lächeln und sonorem polnischem Akzent) unlängst in einem TV-Interview. Als Paar erzählten die beiden Documenta-Spielstätten von unserem Verständnis von Nord und Süd – wobei der Norden für Fortschritt stehe und der Süden für Stillstand. Er will diese Hierarchie nun infrage stellen.

Viele Besucher, ein Organismus

Hinterfragt werden sollen von Szymczyk und den rund 150 eingeladenen Kunstschaffenden ferner: die Hegemonie, der Neoliberalismus, ja die ganze Moderne, die, wenn es nach den im Vorfeld der Documenta erschienenen Einstimmungspublikationen geht, hier als Synonym steht für einen destruktiven Kapitalismus. Eine Kostprobe davon, wie dieser Ansatz in Kunst übersetzt aussehen könnte, gaben die «34 Freiheitsübungen», die Szymczyk im Rahmen des schon im Herbst in Athen angelaufenen Aufwärmprogramms auftischte: Zehn Tage lang umkreisten Performancekünstler Themen wie persönliche Traumata, speziellste sexuelle Vorlieben und Spätfolgen von Folter. Die Reaktionen reichten von fasziniert bis schockiert; Letzteres vor allem bei den Athener Tourismusverantwortlichen.

Aber so läuft das halt bei der Documenta: Der Kurator – der von einer Jury eingeladen wird, bewerben kann man sich nicht – geniesst totale künstlerische Freiheit. Und wer einen Mann wie Szymczyk einlädt, der wählt nun einmal das Radikale. Der 1970 in Polen geborene, von der rauen Welt hinter dem Eisernen Vorhang geprägte Kurator leitete zehn Jahre lang die Kunsthalle Basel, wo er mit seinem konsequent experimentellen, intellektuellen Programm «selbst Kunstgewohnte herausforderte», wie es die «TagesWoche» bei seinem Abgang 2014 formulierte. «Sphinx» nannte ihn die deutsche Presse, nachdem sich Szymczyk in Medienkonferenzen immer wieder hinter Foucault-Zitaten verschanzt hatte und sich in Sachen Documenta-Programm nicht in die Karten hatte schauen lassen wollen.

Er wünsche sich eine Documenta «als Erfahrung ohne vorgespurte Erwartungen», meinte Szymczyk bei einer dieser Veranstaltungen. Und die Menschen, die in Kassel und Athen zusammenkommen – man rechnet mit insgesamt einer Million – als «denkenden Organismus», der versucht, die Welt zu verstehen, die ihn umgibt. Es gehe ums Lernen, ums Sich-Weiterentwickeln, nicht um Ergebnisse. Deshalb – so viel verriet Szymczyk dann doch – würde er den Leuten nichts vorsetzen, was sie ohnehin schon kennen.

Klangmöbel und Kannibalen

Konkret heisst das, dass man nicht viel «Konventionelles» in Form von Malerei und Skulptur erwarten darf. Performativ solls werden. Diskursiv. Partizipativ. Und natürlich: politisch. Viel mediale Aufmerksamkeit erhielt schon im Vorfeld die argentinische Künstlerin Marta Minujín, der man verbotene Bücher schicken konnte, aus denen sie nun in Kassel einen Parthenon-Nachbau errichten will. Nicht greif-, sondern nur hörbar sind dagegen die Werke von Nevin Alada: Die Wahlberlinerin baut Möbel zu Musikinstrumenten um, auf denen Profimusiker Konzerte geben werden. Das britisch-französische Duo Véréna Paravel & Lucien Castaing-Taylor steht – mit Dokumentarfilmen zum Beispiel über kannibalistische Frauenmorde – für ein Kunstkino der krassen Art. Und das indigene US-Kollektiv Postcommodity, das schon mit lustig bunten Kunststoffelementen die Grenze zwischen Mexiko und den USA markierte, dürfte wieder leichtfüssige Bilder für Schwerwiegendes finden.

Vielleicht will Szymczyk mit dieser Documenta weniger eine Ausstellung zeigen als einen soziokulturellen Wetterballon steigen lassen, zur Messung des politischen Klimas; verankert im sicheren Kasseler Boden und getragen von der brandheissen Luft über Athen. Etwas in der Art einer «subversiven Veranstaltung in einem Punkschuppen» prognostiziert das Kunstmagazin «Art», was «entweder befreiend wirken oder scheitern» dürfte. Oder beides. Die Berlin Biennale 2008, die Szymczyk mitkuratierte, war für die, die sie nicht nur konsumieren, sondern verstehen wollten, jedenfalls ziemlich anstrengend. Anderseits: Uns dem Unverständlichen auszusetzen, sei ja gerade der Witz an der Kunst. Sagt Szymczyk. Wo er recht hat ...

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.04.2017, 18:45 Uhr

Documenta

Aktuelle Kunst - seit 1955

Als der Kunstprofessor und Designer Arnold Bode 1955 die erste Documenta in Kassel organisierte – der Name trägt die lateinischen Worte «docere» (lehren) und «mens» (Geist) in sich –, war die Schau als Dokumentation der neueren Kunst angelegt, die dem deutschen Publikum während der Zeit des Nationalsozialismus nicht zugänglich gewesen war. Angelehnt an die Ausstellungsdauer, auch «Museum der 100 Tage» genannt, präsentiert die von wechselnden Kuratoren betreute Documenta seither alle vier bis fünf Jahre einen Querschnitt durch das aktuelle internationale Kunstschaffen. Die Documenta 14, die am Samstag in Athen eröffnet wird (bis 16.7., Kassel: 10.6.–17.9.), ist die erste, die an zwei Orten stattfindet. Unter den fast 50 Locations, die in Athen bespielt werden, ist auch das 15 Jahre lang von einer Brauerei zum Kunsthaus umgebaute, bisher seiner Eröffnung harrende Nationalmuseum für Zeitgenössische Kunst(EMST). (psz)

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