«Die ganze Welt glaubt, dass es solche Cowboys tatsächlich gibt»
Interview Rico Bandle. Aktualisiert am 10.06.2010 2 Kommentare
Hannes Schmid gehört zu den weltweit gefeierten Fotokünstlern. In den 70er-Jahren reiste er durch Afrika und Südostasien und fotografierte Landschaften und Menschen. 1977 bis 1984 begleitete er die grössten Rockstars jener Zeit auf ihren Tourneen, kürzlich wurden die Bilder im Buch «Rockstars» publiziert. Danach war er für Modezeitschriften tätig oder als Formel-1-Fotograf. Von 1993-2003 prägte er mit seinen Bildern den Marlboro-Man. www.hannesschmid.ch
Ausstellung
Hannes Schmid – Never Look Back, Fotostiftung Winterthur, bis 19. September 2010. www.fotostiftung.ch
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Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Ihre grossen Marlboro-Bilder im Museum sehen?
Es ist ein sehr spezieller Moment. 2003 habe ich zu ersten Mal realisiert, dass in diesen Bildern mehr steckt als das, wofür sie ursprünglich geplant waren. Wenn ein Künstler wie Richard Prince meine Bilder aufnimmt, dann muss eine gewisse Substanz dahinter sein.
Als Sie entdeckten, dass Richard Prince Ihre Bilder abfotografierte und unter seinem Namen für Millionenbeträge verkaufte, wollten Sie ihn verklagen. Was ist aus der Klage geworden?
Im ersten Augenblick war ich sehr verärgert und perplex. So etwas geht doch nicht! Ich wollte etwas dagegen unternehmen, merkte aber rasch, dass dies nicht möglich ist oder höchstens verbunden mit einem enormen finanziellen und zeitlichen Aufwand. Es geht um die Grundsatzfrage in der Kunst – der Aneignung eines Werks durch einen andern. Heute beschäftige ich mich mit mir und meinen Werken und nicht mehr mit Richard Prince.
Er hat Ihnen aber die Augen geöffnet.
Ja, die Entdeckung hat meinen künstlerischen Werdegang stark beeinflusst. Prince hat mich dazu inspiriert, meinen eigenen Weg zu gehen und mir gezeigt, dass meine Fotografien, die bisher in Kartonkisten lagerten, Kunst sind. Ohne das wäre das Rockstars-Buch nicht entstanden, ohne das würden auch die Marlboro-Bilder jetzt nicht im Museum hängen. Heute kann ich auch klar abstrahieren: Prince’s Kunst ist nicht meine Kunst. Er hat die Ikonen, den Mythos, die Kraft der Werbung thematisiert.
Ihre Marlboro-Bilder sind in Winterthur nicht als Fotografien, sondern als Ölbilder auf Leinwand ausgestellt. Sehen Sie sich eher als Gestalter denn als Fotograf?
Philipp Moris verlangte von mir ganz explizit keine Fotografie, sondern Kunst. Die Kunst liegt in der kompletten Inszenierung eines Bildes und eines Mythos. Ich bekam sehr viele Freiheiten, natürlich innerhalb eines abgesteckten Rahmens. Mein Vorteil war, dass der Marlboro-Man schon bekannt war. Für mich ging es darum, wie weit kann ich mit meiner künstlerischen Umsetzung gehen? Wie weit ist eine Reduktion möglich, sodass man das Sujet doch noch auf den ersten Blick erkennt? Die eigentliche Abbildung am Schluss, das Foto, hat mich dann weniger interessiert. Wichtig war mir der Weg dahin. Das ist übrigens auch bei meinen anderen Arbeiten der Fall.
Weshalb jetzt die Leinwand?
Da es bei der Fotografie auch ums Reproduzieren geht, habe ich meine eigenen Arbeiten fotorealistisch auf Leinwand reproduziert. Ist das Bild nun immer noch ein Foto? Wenn nein, was ist es dann? Das sind Fragen, die mich bei diesem Projekt beschäftigen.
Sie sprachen vom Weg zum Bild. Wie sah dieser Weg bei den Marlboro-Arbeiten genau aus?
Erst wurde bestimmt, ob es sich um einen Frühlings-, Sommer-, Herbst- oder Wintershoot handeln soll. Dafür musste man wissen, was für ein Bedarf an Bildern besteht. Je nachdem musste das Licht, die Farbe anders sein. Eine Menthol-Zigarette wird mit einer anderen Farbgebung, einem anderen Bild beworben als eine Klassik-Zigarette. Dann habe ich eine Location, einen Standort gesucht. Ich machte verschiedene Vorschläge, was man an welchem Standort machen könnte, musste einer Kommission erklären, was neu an dem Bild war. Erst dann konnte man beginnen.
Die Shootings waren sehr aufwändig, Sie sagten einmal, das Budget sei mit jenem eines kleinen Spielfilms vergleichbar gewesen.
Wenn man ganze Pferdehorden für ein Rodeo brauchte, bedeutete dies einen riesigen Aufwand. Oft musste man Wasser und Heu für die Tiere herantransportieren und Ställe erstellen. Wir hatten ein ganzes Bauteam für temporäre Kulissen dabei, zum Teil waren bis zu hundert Leute an einem Shooting beteiligt.
Der Marlboro-Man kam mit der Verteufelung der Zigaretten in Verruf, lässt Sie dies Ihre Arbeit im Nachhinein aus einem anderen Licht betrachten?
Nein, der Mythos des Marlboro-Man geht weit über die Zigaretten hinaus. Barack Obama meinte letzten Herbst, die US-Bevölkerung müsse sich an seine Grundwerte zurückerinnern – dazu hat man das Bild des Cowboys gezeigt. Diese Figur hat das Selbstverständnis Amerikas, aber auch das Bild, das man sich im Ausland von dem Land macht, stark geprägt.
Dabei handelt es sich um eine Kunstfigur, solche Cowboys gibt es in Wirklichkeit gar nicht.
Ja, das war gerade das Faszinierende an der Arbeit. Die Figur wurde über Jahrzehnte, schon lange vor mir, von Philipp Morris perfekt inszeniert, und auch Hollywood nahm die Figur in unzähligen Western dankbar auf. Dass die gesamte Welt, inklusive der Amerikaner, glaubt, dass es solche Cowboys wirklich gibt, fasziniert mich noch immer. Es ist dieser Mythos, der die Arbeit ausmachte, nicht die Verbindung zum Tabak. Ich sah mich auch nie als Werbefotograf, genauso wenig, wie ich mich zuvor als Modefotograf sah. Mir ging es immer um die Inszenierung.
Aber wenn Sie Ihr Bild dann als riesiges Plakat irgendwo sahen, so hatte dies schon eine Wirkung auf Sie?
Ja, die ganze Welt war meine Galerie, jede Zeitung, egal ob in Indonesien oder irgendwo im Dschungel! Das war schon beeindruckend. Vor allem in Amerika war es gigantisch: Mein Bild, 40 Meter lang am Sunset Boulevard! Schon geil, oder? Aber das wars dann schon. Ich kann mich sehr gut von meinen Bildern lösen.
War es je ein Thema, dass ausgerechnet ein Schweizer diesen US-Mythos so stark mitgestaltete?
Nein. Ich war damals einfach ein gefragter Mann, ich galt als einer, der die perfekte inszenierte Realität erschaffen konnte. Die Tabakindustrie wurde sehr früh auf mich aufmerksam, vor meinem Marlboro-Engagement fotografierte ich ja bereits die Camel-Trophy und den Camel-Man. Ob ich Schweizer war oder nicht, spielte keine Rolle.
Kürzlich veröffentlichten Sie das Rockstars-Buch, jetzt die Ausstellung mit den Marlboro-Bildern. Was folgt als nächstes?
Seit acht Jahren arbeite ich an einem Projekt über eine Chinesische taoistische rituelle Oper, die nur für Götter aufgeführt wird und nicht für Menschen bestimmt ist. bald kann ich mit einem Film darüber beginnen. Der chinesische Meister-Kaligraf Simon Huang ist zurzeit in meinem Atelier und schreibt chinesische Schriftzeichen zu den 138 Schwarz -Weiss-Bildern, die die Geschichte und den Inhalt der Oper erklären. Hierzu zeige ich in St. Moritz am Art Masters im August eine Installation. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 10.06.2010, 11:18 Uhr
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2 Kommentare
Schmid ist ein wahrer Grossmeister seiner Zunft - und hat gerade deshalb seine Seele verkauft. Seine hollywoodreife Hirnwäsche hat Millionen von Menschen in die Tabakfalle gelockt. Diese Niedertracht schmälert die unbestritten herrliche Pracht seiner Bilder leider erheblich. Antworten
Kultur
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Irene Bandle
Es gibt noch Cowboys und Cowgirls. Es gibt sogar High School Rodeo-Meisterschaften (neben anderen). Der Nachwuchs lebt und setzt sich ein, und ist gemaess Experten super. Festgestellt in Buffalo, North Dakota. Gruss aus USA C&I Antworten