Kultur

Die rätselhaften Inserate des D. R.

In den Jahren 1971 und 72 veröffentlichte der Künstler Dieter Roth im «Luzerner Stadtanzeiger» unzählige kleine Inserate. Die Aktion musste nach Protesten abgebrochen werden, wie ein Buch zeigt.

1/5 Zwischen 1971 und 1972 veröffentlichte Dieter Roth im «Anzeiger Stadt Luzern und Umgebung» eine Reihe von Kleinanzeigen.

   

Das Buch

Dieter Roth: «Inserate/Advertisements». Zweisprachig deutsch/englisch. Edizioni Periferia. 156 Seiten, 19,80 Franken.

Der Ort war ungewöhnlich. Inmitten von alltäglichen Anzeigen für Busreisen, Frisierangeboten und Linderungsmitteln gegen Verstopfung schaltete Dieter Roth 1971/1972 im Luzerner Stadtanzeiger eine Inserateserie, die viele ratlos stimmte.

«Tränen» nannte er seine poetischen Miniaturen, die zusammengenommen über 220 Folgen hinweg ein Poem ergeben sollten. «Das Tränenmeer» liest sich gesamthaft wie die freie Variation einer begrenzten Motivpalette: Tränen, Stein, Meer, Schiff, Worte, Sprache, Weisheit, Weinen und so weiter.

Tränen der Poesie ...

An Gertrude Stein erinnernd, kümmerte sich der verspielte Roth nicht um landläufige Logik, wie die Verse 7 - 9 zeigen: «Ein Stein ist ein Stein. / Ein Stein ist kein Stein. / Eine Träne ist kein Stein.» Nicht nur deswegen verrieten solche Sätze im Kontext des Gratisanzeigers eine wilde Freiheit.

Die Inserateseiten seien, merkte Roth selbst an, «ein grosser Schrotthaufen. Da hab ich gedacht, da steck ich so eine kleine Träne noch hinein.» Sie würden, auch wenn sie im Meer der Anzeigen fast untergingen, die Leser auf der ihrer Suche nach wohlfeilen Angeboten durchaus zu verwirren.

... im Meer der Anzeigen

Ungewollt erzeugten Roths Interventionen auch komische Begegnungen der zufälligen Art, etwa am 5. Juli 1971. Eine Zürcher «Kredit Bank» wirbt für Abhilfe bei Geldbedarf - ein leidiges Geschäft bis heute. Gleich unten anschliessend antwortet Roths Inserat darauf schlicht: «Das Tränenmeer».

Die Veröffentlichung dieses Poems in Buchform beschreibt ein kleines Stück Gesellschaftsgeschichte. Aus heutiger Optik wirken die Inserate aus jener Gründerzeit des Wirtschaftsbooms seltsam unaufdringlich und blass. Sie kommen im Meer der Anzeigen fast ohne Bilder aus, und seltene erotische Momente strahlen einen geradezu prüden Reiz aus. Vor allem fällt auf, dass die ganze globalisierte Einheitsware fehlt. Als Anbieter überwiegen lokale Kleinbetriebe.

Ein Störfaktor

Ursprünglich wollte Dieter Roth 220 «Tränen» inserieren. Überraschenderweise kam es nicht dazu, denn der «Luzerner Stadtanzeiger » stoppte die Inserate nach 130 Folgen von sich aus. Angeblich sollen Leser dagegen protestiert haben. Sie fühlten sich gestört, oder empfanden die poetischen Sätze als Aggression. Auf jeden Fall schienen diese Sand ins Getriebe zu streuen. Es entstand ein kleiner Skandal, der ohne Wirkung blieb. Auf einfache Weise demonstrierte Dieter Roth, wie wenig geistige Freiheit die Ökonomie damals vertrug.

Das hat sich geändert. Heute gibt sich die Werbung kreativ, locker und aufgeschlossen. Doch eine Botschaft, die für nichts wirbt, irritiert noch immer. Roths Inserateaktion hackte die humorlose Realität auf subtile Weise und ohne grosses Aufheben: It just happened. (rb/sda)

Erstellt: 19.02.2010, 10:54 Uhr

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