«Diskussion über Kunst braucht ein gewisses Mass an Sensibilität»
Von Peter Haerle. Aktualisiert am 08.09.2010 5 Kommentare
Kulturchef Peter Haerle.
* Der Maler und Plastiker Gottfried Honegger wurde 1917 in Zürich geboren. 1987 wurde er mit dem Zürcher Kunstpreis ausgezeichnet.
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Sehr geehrter Gottfried Honegger
Ihr ungebrochenes Engagement für Kunst ist bewundernswert. Kunst braucht die öffentliche Diskussion. Nicht zuletzt auch darum, weil Sie Kunst immer als öffentlichen und damit auch politischen Auftrag empfunden haben, wurde Ihnen 1987 der Kunstpreis der Stadt Zürich verliehen.
Mit der Art und Weise, wie Sie diese Diskussion führen, habe ich jedoch Mühe. Die Diskussion über Kunst braucht ein gewisses Mass an Wahrhaftigkeit, Sensibilität und Achtsamkeit, Sie aber argumentieren polemisch und populistisch. Das wird Ihnen den Applaus von Menschen einbringen, die überhaupt keine Kunst im öffentlichen Raum wollen, die sie privatisieren und in die Hallen jener verbannen wollen, die es sich leisten können – den Reichen. Damit erreichen Sie das Gegenteil von dem, was Ihnen am Herzen liegt: nämlich, dass Kunst für uns alle da ist. Das ist schade für die Sache.
Aus Ihrem Artikel spricht leider auch Unkenntnis. Sie fragen, wo in Zürich in den letzten fünfzig Jahren «hochklassige» Kunstwerke im öffentlichen Raum realisiert worden sind. Ich antworte Ihnen: Allein in den letzten fünf Jahren hat die Stadt eine ganze Reihe von markanten Werken im öffentlichen Raum realisiert. Auf prominenten Plätzen, am Bellevue und am Paradeplatz, am Limmatplatz und am Lochergut, in Wohnsiedlungen und Schulhäusern sind Werke der namhaften Schweizer Künstler Olivier Mosset, Claudia & Julia Müller, Ugo Rondinone und Erik Steinbrecher sowie von internationalen Kunstgrössen wie Pawel Althamer, Olafur Eliasson, Jenny Holzer, Olaf Nicolai, Julian Opie und Lawrence Weiner realisiert worden – und fast alle nicht temporär, sondern auf Dauer. Ist das nichts?
Sie kritisieren, dass die Künstler des Projekts «zürich transit maritim» anderen, in ihren Augen besseren Künstlern Gelder für ihre Kunst wegnehmen. Das Projekt mit dem Hafenkran ging immerhin als Sieger aus einem öffentlich ausgeschriebenen Wettbewerb hervor, an dem sämtliche Künstlerinnen und Künstler dieser Welt teilnahmeberechtigt waren.
Ebenso unrichtig ist Ihre These, die Stadt habe kein Konzept für Kunst im öffentlichen Raum oder kommuniziere es nicht. Im Gegenteil: Vor knapp vier Jahren hat der Stadtrat eine Arbeitsgruppe zum Thema der Kunst im öffentlichen Raum eingesetzt, die AG KiöR. Sie hat ein Leitbild publiziert, das allen Interessierten zugänglich ist, und betreibt intensive Öffentlichkeitsarbeit. Die AG KiöR besteht – aussergewöhnlich innerhalb einer Stadtverwaltung – aus verwaltungsexternen Kunstexpertinnen und -experten und verwaltungsinternen Personen aus allen Departementen, die mit Kunst im öffentlichen Raum in Berührung kommen. Die Arbeitsgruppe entwickelt Strategien. Ihre hauptsächliche Arbeit bestand bisher darin, an markanten Orten in der Stadt Wettbewerbe aufzugleisen, die zu Werken der Kunst im öffentlichen Raum führen werden. Für Diskussionsstoff sorgen zurzeit die Wettbewerbe, aus denen das Projekt Nagelhaus und das Projekt «zürich transit maritim» als Sieger hervorgegangen sind. Am Anrollen ist auch das Grossprojekt der Europaallee, wo Kunst eine wichtige Rolle spielen soll.
Auch Picasso galt als infantil
Weil diese Prozesse demokratisch abgestützt sind, dauert es etwas länger bis zur Realisierung. Kunst sei nicht demokratisch, höre ich Sie schon antworten. Ich entgegne: In wohlorganisierten Prozessen – und unter Mitsprache der Bevölkerung – möchte die Stadt auch künstlerischen Ideen zum Durchbruch verhelfen, die auf den ersten Blick vielleicht «schwierig» oder (mit Ihrem Wort) infantil wirken. Nun wissen Sie selbst nur zu gut, dass zum Beispiel auch die Kunst von Picasso anfänglich von vielen für infantil gehalten wurde. Kunst ist der gesellschaftlichen Entwicklung meist zwei, drei Schritte voraus. Für die Gesellschaft ist sie ein bedeutendes Instrument, um sich proaktiv mit bevorstehenden Entwicklungen auseinanderzusetzen. Kultur kann und darf, ja sollte sogar Grenzen überschreiten. Sie ist ein gesellschaftliches Testfeld, in dem Grenzverschiebungen erprobt werden können.
Die Dada-Bewegung, die Sie ansprechen, ist das beste Beispiel dafür. Die Sprache von Dada war eine ganz andere als die gewohnt «erwachsene», sie war lautmalerisch und berührte auch andere Sensorien als den Kopf. Sie wirkte infantil. Eben dieses Heraustreten aus dem System und der Logik der Argumente hielt der eigentlichen Absurdität und dem eigentlich Monströsen, dem Ersten Weltkrieg nämlich, den Spiegel vor. Daran, an so beispielhafte Vorgänge kulturellen Wirkens, will die Zürcher Kulturpolitik erinnern, indem sie ein Jubiläum wie hundert Jahre Dada gebührend zur Geltung bringen möchte. Sie will aber nicht nur an Geschichte erinnern, sondern auch neue, gegenwärtige Bewegungen fördern, die dem Geist von Dada verwandt sind.
Die Zürcher Kulturpolitik hat differenzierte Mittel und Prozesse entwickelt, um die vielfältigen Kunstszenen in Zürich entsprechend zu fördern. Sie unterstützt die grossen, traditionellen Institutionen mit internationaler Ausstrahlung wie das Kunsthaus oder das Museum Rietberg. Sie fördert Institutionen, die Kunst unserer Gegenwart zur Diskussion stellen: wie die Kunsthalle, das Haus Konstruktiv oder die Shedhalle. Sie betreibt ein eigenes Haus, das sich der Schweizer und besonders der Zürcher Kunst widmet: das Helmhaus. Neben diesen arrivierten Institutionen fördert die Stadt aber auch den Nachwuchs in alternativen Kunsträumen. Und sie ist nicht nur an der publikumswirksamen Präsentation von Kunst, sondern auch an deren Entstehung interessiert: indem sie Künstlerinnen und Künstlern zahlbare Ateliers zur Verfügung stellt – in Zürich, aber auch, als Horizonterweiterung für Zürcher Künstler, in New York, Paris oder Kunming. Die Stadt vergibt Kunststipendien, die sie alljährlich öffentlich mit einer Ausstellung im Helmhaus zur Diskussion stellt. Sie kauft Werke von Zürcher Kunstschaffenden für ihre Kunstsammlung an. Sie unterstützt Bücher im Bereich der bildenden Kunst. Und sie fördert schliesslich die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Kunst.
Ein Honegger im Stadthaus
Dieses fein aufeinander abgestimmte Paket von Fördermassnahmen hat wesentlich dazu beigetragen, dass Zürich international als eine der führenden Städte im Bereich der bildenden Kunst wahrgenommen wird. So erhält die anfangs erwähnte Arbeitsgruppe für Kunst im öffentlichen Raum Anfragen von Bern bis Südkorea: von Leuten, die sich informieren wollen über dieses neue Instrument der Kunstförderung.
Noch ein Wort zu Ihrer in den Achtzigerjahren in Aussicht gestellten Schenkung der Sammlung von Ihnen und Sybil Albers an die Stadt Zürich, einem weiteren «Skandal», wie Sie sagen. Dazu Folgendes: Der Stadt Zürich werden immer wieder grosszügige Schenkungen angeboten. Was jeweils bei diesen Schenkungen nicht mitgeschenkt wird, sind ein Museum und die Betriebskosten über sagen wir 50 Jahre. Die Kosten für ein neues Museum, das eigens für eine bestimmte Sammlung bereitgestellt und betrieben werden muss, können im Lauf der Jahre und Jahrzehnte den Wert der Sammlung übersteigen. Aus diesem Grund kann die Stadt leider nicht jedes «Geschenk» annehmen. Zürich kann sich nicht für jede private Sammlung ein öffentliches Museum leisten. Was wir aber in Zürich haben, und das ist auch Ihnen und Ihrer Frau zu verdanken, ist ein wunderbares Museum für konstruktive und konkrete Kunst. Dass Ihr Museum in Mouans-Sartoux, das ich schon mehrere Male besucht habe, ein Erfolg ist, freut mich sehr für Sie, und vor allem für die Kunst.
Im Medienzimmer des Stadthauses ist kürzlich Kunst aufgehängt worden, sie soll dazu dienen, die anwesenden Menschen, Journalisten und auch Politiker, zu sensibilisieren. Es ist ein Werk von Ihnen. Sie haben es der Stadt geschenkt. Und wir freuen uns daran . (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.09.2010, 14:28 Uhr
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5 Kommentare
Interessant wie sich der Kulturchef mit einem so langen Antwortschreiben rechtfertigen muss, da ist was faul. Hochklassige grenzüberschreitende Kunst z.B. am Limmatplatz, wie bitte? Das pseudo intellektuelle Projekt Hafenkrahn/ Nagelhaus verschlingen Summen die nicht gerechtfertigt sind, von einem Kulturgremium gewählt, dass noch nie einen Pinsel in der Hand hatte – leider wie unser Kulturchef! Antworten
Guten Tag. Die ganze Diskussion hat kein Ende. Mein Vorschlag ist, dass man den Studenten der ZHdK den Auftrag gibt, den Escherwyss-Platz zu gestalten. Es sollen Rahmenbedingungen aufgestellt werden, den China hat im Escherwyss-Platz gewiss keinen nahrhaltigen Boden. Ich bin sicher, dass die jungen aus Zürich tolle Ideen hätten und wir würden unsere Künstler fördern. Antworten






Ueli Müller
Gottfried Honegger hat in seinem Artikel behauptet, Sophie Taeuber-Arp sei wegen ihrem Mitwirken an Dada-anlässen als Lehrerin der Kunstgewerbeschule entlassen worden. Das stimmt nicht. Im Gegenteil: Sie bekam zur Dadazeit von Direktor Altherr den Auftrag, die Marionetten zum Stück "König Hirsch" zu machen. Sie ist erst viel später zurückgetreten, als sie nach Paris gezogen ist. Antworten