Kultur

Ein Sex-Skandal als Kunstprojekt

Von Nina Merli. Aktualisiert am 10.06.2011 10 Kommentare

Vor rund 26 Jahren starb der Zürcher Financier und Unternehmer Artur Bezzola während eines Sexspieles mit zwei Frauen. Sein Neffe rollt nun dieses Kapitel seiner Familiengeschichte künstlerisch auf.

1/5 Rio de Janeiro, 8. 9 1978: Artur Bezzola an seiner Hochzeit mit der Tochter eines reichen brasilianischen Industriellen.

   

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Roland Wagner Bezzola: Der Künstler und Unternehmer umklammert den Ordner mit den Gerichtsakten zum Todesfall Artur Bezzolas. Der Jahre zurückliegende Sex-Skandal wird nun vom Neffen künstlerisch umgesetzt.

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Jörg Kachelmann, Dominique Strauss-Kahn, Silvio Berlusconi und – ganz aktuell – der US-Abgeordnete Anthony Weiner. Sex-Skandale scheinen Hochkonjunktur zu haben. Während der letzte Woche freigesprochene Jörg Kachelmann bereits an einem Buch mit dem Titel «Mannheim» schreibt, wurde vor einigen Wochen am Filmfestival von Cannes über die Verfilmung der DSK-Affäre nachgedacht und in Italien macht derweil das Lied «Bunga Bunga» von Elio e Le Storie Tese die Runde.

Sex-Skandale wirken inspirierend. So auch im Fall des Schweizer Künstlers und Unternehmers Roland Wagner, der neuerdings auch den Mädchennamen seiner Mutter benutzt, Bezzola. Bezzola wie seine Mutter – und sein Onkel und Götti, Dr. Artur Bezzola: Financier, Lebemann, Millionär, ehemaliger Nova-Park-Delegierter und Opfer eines aus dem Ruder gelaufenen Sado-Maso-Sexspieles mit zwei Frauen, das er Ende 1985 mit seinem Leben bezahlte.

Der Stoff, aus dem Skandale sind

«Die tödlichen Sex-Spiele des Goldküsten-Millionärs – zwei Liebes-Sklavinnen verurteilt», titelte der Blick am 19. Mai 1987, nachdem die beiden «Gespielinnen», eine ehemalige Bartänzerin des Zürcher Nachtclubs Terrasse und deren Bekannte zu 18 beziehungsweise 12 Monaten bedingt wegen fahrlässiger Tötung verurteilt wurden.

Der Fall Bezzola war ein gefundenes Fressen für die Boulevard-Presse, bot der Aufstieg und Fall des aus bescheidenen Verhältnissen stammenden Mannes aus dem Engadiner Bergdorf Zernez doch alle Zutaten, die es für einen Skandal braucht: Eine fulminante Karriere in der Finanzbranche mit Stationen in Zürich, Beirut, New York, Jeddah und Rio de Janeiro, sehr viel Geld, teure Autos, eine schwerreiche brasilianische Ex-Frau, eine Vorliebe für Prostituierte, aber auch eine Verlobte aus sehr gutem Zürcher Haus. Und dann das dramatische Ende um fünf Uhr morgens, die Hände auf dem Rücken gebunden, mit einem Nylonseil während eines Sexspieles in der eigenen Villa in Herrliberg von zwei «Liebes-Sklavinnen» stranguliert.

Eine künstlerische Schatzsuche

In der Familie wusste niemand, dass sich der «reiche und erfolgreiche Onkel eine ehemalige Stripperin als Haushälterin und Maitresse in seiner Villa hielt», sagt Roland Wagner Bezzola. Auch wusste man nicht, dass er ein gerngesehener Freier in verschiedenen Zürcher Etablissements war und eine Vorliebe für käufliche Frauen und aussergewöhnliche Liebesspiele hatte. Woher auch? Diese Seite entdeckt Wagner Bezzola eigentlich erst jetzt, knapp 26 Jahre nach dessen Tod, indem er sich für sein aktuelles Kunstprojekt «Die Suche nach den 20 Millionen» Seite um Seite durch einen dicken Ordner voller Gerichtsakten arbeitet.

In trockener Amtsprache liefern die Polizeirapporte eine Momentaufnahme des Unfalltodes. Man erfährt, wo der Aschenbecher stand, wie viele Zigarettenstummel welcher Marke darin enthalten waren, wie viele Kondome herumlagen und wo genau. Wagner Bezzolas Kunstprojekt könnte man als eine «Schatzsuche nach einem beachtlichen Erbbetrag bezeichnen», sagt der Künstler. Denn ein weiteres pikantes Detail im Fall Artur Bezzola ist ein handgeschriebenes Testament, das kurz vor dessen Tod von ihm persönlich verfasst und seinem Anwalt und Willensvollstrecker überreicht worden war. Als Begünstigter der 20 Millionen Franken war – nachdem der «Goldküsten-Millionär» seinen Neffen und Göttibueb enterbt hatte, weil dieser ein Studium an der renommierten Harvard Universität in den Wind schoss – eine Liechtensteiner Stiftung bestimmt worden. Das Kunstprojekt wird via Facebook und eine eigene Webpage im Internet lanciert und verbreitet, wobei die Community die Suche nach dem Geld mitverfolgen kann.

Kunst oder persönliche Verarbeitung?

Per Podcasts, in denen Roland Wagner Bezzola als Erzähler fungiert und teilweise auch in die Rolle seines Onkels schlüpfen wird, soll der Sex-Skandal um Dr. Artur Bezzola Stück für Stück «als eine Art künstlerische Telenovela» aufgerollt werden. Das virtuelle Publikum dieses «Work-in-Progress-Projekts» soll dabei zum Mitdenken animiert werden oder sich auch aktiv melden können. Dies, so der grobe Rahmen, denn «Die Suche nach den 20 Millionen» soll eine eigene Dynamik entwickeln, wobei man die Stossrichtung zum jetzigen Zeitpunkt nicht genau definieren kann.

Für Roland Wagner Bezzola ist das Projekt eine Mischung aus Kunst und persönlicher Verarbeitung, wobei die Grenze sehr dünn gezogen ist: «Vielleicht habe ich die Form des Kunstprojekts gewählt, um den Tod meines Onkels zu verarbeiten? Auf diese Weise kann ich das Thema vertiefen und dennoch eine gewisse Distanz dazu wahren.»

Das ungewöhnliche Projekt, das diesen Herbst starten soll, ist die zweite Episode einer Trilogie über «Ruhm, Reichtum und ewige Liebe», die der Künstler 2009 mit «IBM Manager schwimmt Weltrekord» im Auftrag des Zürcher Cabaret Voltaire lanciert hatte. Allen drei Teilen ist der enge Bezug zur Biografie Roland Wagners eigen, wobei sich Medialisierung und Realität auf unkenntliche Weise verschränken. Alle Handlungen sind dokumentarisch und faktisch belegbar und nicht fiktional. In welcher Form der dritte und letzte Teil der Trilogie, also «ewige Liebe» stattfinden soll, hat Wagner Bezzola noch nicht skizziert. Im Augenblick taucht er in das Leben seines Onkels ein, versucht ganz «nach kriminaltechnischer Manier, wie mein Onkel zu denken», um sich ein besseres Bild von ihm zu machen. Er habe durch dieses Projekt die Schatten- und Lichtseiten seines Onkels erfahren. «Doch», so fasst Wagner Bezzola zusammen, «bleibt mein Onkel für mich weiterhin ein nicht einordnerbarer Mensch».

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.06.2011, 09:48 Uhr

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10 Kommentare

Robert Marek

10.06.2011, 10:25 Uhr
Melden 13 Empfehlung

Ich glaube, dieser "Künstler" - wer hat schon von ihm gehört? - hat nichts zu "verarbeiten". hier geht es doch einzig und allein um publicity und letzlich um geld. clever von ihm.... Antworten


Roman Keifinger

10.06.2011, 12:45 Uhr
Melden 11 Empfehlung

Warum soll das ein Kunstprojekt sein? Er macht einen Podcast mit den Ergebnissen seiner Archivrecherche. Das ist alles. Aber dass er sich selbst viel zu ernst nimmt, sieht man ihm schon auf dem Foto an. Antworten




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