Ein Verlust für China

Von Manuela Kessler. Aktualisiert am 06.04.2011 6 Kommentare

Der verhaftete Künstler Ai Weiwei ist das Gewissen der Nation.

1/12 Provokateur: Künstler Ai Weiwei aus China.
Bild: Keystone

   

Sein Vater stand an der Seite von Mao Zedong, als dieser auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1949 die Volksrepublik China ausrief. Ai Qing war der Vorzeigepoet der Kommunistischen Partei, seine Gedichte waren Pflichtlektüre in den Schulen (und Chinas Präsident Hu Jintao und Premier Wen Jiabao können gewisse noch immer auswendig aufsagen). Das bewahrte ihn nicht davor, Ende der Fünfzigerjahre als Konterrevolutionär gebrandmarkt und in die Wüste Gobi verbannt zu werden.

Nun droht seinem Sohn ein ähnliches Schicksal und droht China erneut eine wichtige Stimme zu verlieren: Ai Weiwei wurde auf dem Pekinger Flughafen verhaftet, nachdem sein Projekt publik geworden war, in London marmorne Nachbildungen der um sein Atelier postierten Überwachungskameras auszustellen. Mit der Installation hätte er dem Regime einmal mehr den Spiegel vorgehalten, wie es niemand sonst in der Volksrepublik wagt.

Nackte Angst

Der 53-Jährige ist eine Ausnahmeerscheinung: Ai Weiwei ist nicht nur der interessanteste Konzeptkünstler Chinas; der Mann, der die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron bei der Realisierung des «Vogelnests», des Nationalstadions für die Olympischen Spiele 2008, beriet. Er ist auch der vielleicht beherzteste Kritiker des repressiven Systems. Einer, der sich für Gerechtigkeit im Alltag und gegen Willkür einsetzt, mit jeder Faser seiner Existenz und mit aller Fantasie des Künstlers. Er ist das Gewissen der Gesellschaft, wenn man so will.

Und diese Stimme versucht das Regime nun mundtot zu machen? Reflexartig hat es auf die Aufrufe zu einer Revolution wie im arabischen Raum falsch reagiert: mit Repression. Dahinter verbirgt sich nackte Angst, die Kontrolle über das Riesenvolk zu verlieren. Die Wirtschaft zeigt Stresssymptome – und die Folgen des Erdbebens in Japan und der Bankenkrise in Südkorea setzen ihr weiter zu. Trotzdem ist die Lage anders als in Libyen oder Tunesien: Das Regime verfolgt einen erfolgreichen Wirtschaftskurs. Die Chinesinnen und Chinesen geniessen wachsenden Wohlstand. Worunter das Regime krankt, ist eine Vertrauenskrise. Und die kann es nur meistern, wenn es die faulen Stellen im System angeht, auf die Ai Weiwei den Finger legt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.04.2011, 08:18 Uhr

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6 Kommentare

Claude Kühne

08.04.2011, 17:03 Uhr
Melden 5 Empfehlung

Nur eine kleine, jedoch nicht unerhebliche Berichtigung: Ai Wei Wei ??? hatte zwar Herzog & de Meuron zu Beginn des Projektes beraten, dieses jedoch später vehement als unadäquat und sozial-ökonomisch untragbar kritisiert, was sich schliesslich auch in der absurd hohen Kostenüberschreitung zeigte. Er verzichtete in der Folge auf seine Teilnahme an der Eröffnungsfeier. Antworten


Nico Scognamiglio

06.04.2011, 08:47 Uhr
Melden 4 Empfehlung

Ich wünsche mir, die Kraft und dein Wille sollen dich immer begleiten Ai Weiwei. In liebe dein Freund Nico Antworten



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