Einblicke in Herz und Hirn des Kunstkonsumenten
Von Daniel Morgenthaler, St. Gallen. Aktualisiert am 28.06.2009
Kunst lässt einen bisweilen erröten. Nach einem Gang durch das Kunstmuseum St. Gallen hat man nun erstmals rot auf weiss vor Augen – auf einem Computerausdruck –, vor welchem Kunstwerk dies geschieht. Emotion, ein Forschungsprojekt unter der Leitung von Martin Tröndle vom Institut Design- und Kunstforschung der HGK Basel, will nämlich nichts weniger als den Museumsbesuch nach verschiedenen Kriterien, darunter der emotionalen Aktivität, durchleuchten.
Kunstwissen wird getestet
Bevor es aber in die Ausstellung geht, wird mir bei einer Eingangsbefragung auf den Zahn gefühlt: Auf die Frage, wie freundlich ich momentan sei, rutscht mir ein schnippisches «sehr» heraus; von fünf genannten Künstlern kenne ich zwei nur «schlecht». Ein Test? Besucherforscherin Stéphanie Wintzerith winkt ab: «Mit diesen Fragen stellen wir nur fest, in welcher Verfassung und wie kunstaffin die Besucher sind. Das spielt für die Datenauswertung eine Rolle.»
Nun gut. Als Nächstes bekomme ich einen Handschuh übergezogen. Ein darin integriertes Kästchen sendet Töne an Mikrofone im Ausstellungsraum und ermöglicht dadurch ein permanentes Positionstracking des Besuchers. Spätestens ab hier ist nicht mehr an Flucht zu denken. Andere im Handschuh eingenähte Sensoren messen die Durchblutung oder den Herzrhythmus und sammeln so Daten über emotionale oder kognitive Körperaktivitäten – ich werde jetzt von innen her beobachtet. Keine sonderlich angenehme Vorstellung. Mit dem Techno-Accessoire fühle ich mich wie ein Roboter und bewege mich auch ähnlich verkrampft.
Von Monet zu Hodler
Aber egal, also los: Gleich nach dem Eingang in die Schau «11 : 1 (+3) = Elf Sammlungen für ein Museum» hängt ein Monet. Ob Venedig damals wirklich so blau war? Mit solchen Fragen versuche ich meine kognitiven Aktivitäten schon einmal anzukurbeln. Und weshalb hängt ein Selbstbildnis von Hodler über dem Durchgang zum nächsten Raum? Projektleiter Martin Tröndle klärt auf: «Wir versuchen, mit verschiedenen Versuchsanordnungen verschiedene Fragen zu beantworten: Der Hodler etwa ist ein kuratorischer Witz; er schaut genau auf die nackte Frau seines Gemäldes im nächsten Raum. Wir werden die Bilder aber umhängen und hoffen, aufgrund der ermittelten Daten sagen zu können, ob das Publikum solche Witze honoriert – oder gar nicht wahrnimmt.»
Ansprechender sind die Miniaturen, die Nedko Solakov direkt auf die Wände des Museums gezeichnet hat: Zwei Punkte auf der Wand beleidigen sich in Sprechblasen aufs Übelste – das bringt bestimmt Gefühlsaktivität. Ein Blick auf die am Ende des Durchgangs ausgeworfene grafische Datendarstellung zeigt: Tatsächlich steht an entsprechender Stelle ein roter Punkt, ein Zeichen für emotionales Angesprochensein. Ein Gemälde von Josef Albers ist wegen eines wunderschönen türkisen Farbfelds in der Erinnerung geblieben – auch hier ein roter Fleck im Datenblatt. Eines der bekannten Datumsgemälde On Kawaras zeigt den eigenen Geburtstag. Was für ein Zufall! Er schlägt sich aber weder emotional noch kognitiv nieder. Richtig reagieren die Fühler bei einem fiesen Test des Berichterstatters: Trotz konzentrierter Betrachtung des Luftfeuchtigkeitsmessers registrieren sie weder Denken noch Fühlen.
Beobachtung verändert das Verhalten
Trotzdem sind die unmittelbaren Ergebnisse noch wenig aufschlussreich; erst die Nachbearbeitung der gesammelten Datenmengen, die noch bis Januar 2010 laufen wird, und der Vergleich des Verhaltens verschiedener Besucher soll die erhofften tiefgründigen Einblicke in Herz und Hirn des Kunstkonsumenten liefern. Obwohl die Versuchsfragen treffend formuliert sind, ist ungewiss, wie aussagekräftig diese Daten sein werden: Vielleicht erinnert Hodlers Selbstbildnis ja jemanden an einen Verwandten, während die emotionale Aktivität als Reaktion auf den Kuratorenwitz gedeutet wird. Ausserdem verhält man sich unter Beobachtung vermutlich anders als beim selbstvergessenen Ausstellungsbesuch: Würde man vielleicht Werke links liegen lassen, wenn man nicht wüsste, dass für dieses Banausenverhalten nachher ein klarer Beweis vorliegt? Man will ja schliesslich nicht auch noch bei der Auswertung erröten.
Museumsbesucher haben noch bis 19. Juli die Möglichkeit, aktiv am Kunstforschungsprojekt Emotion teilzunehmen.
Die Ausstellung «11 : 1 (+3) = Elf Sammlungen für ein Museum» dauert bis 16.8. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.06.2009, 19:59 Uhr
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