«Es brodelt wieder in der Ukraine»

Journalist und Fotograf Patrick Rohr besuchte die Ukraine nach der Maidan-Revolution. Nun spricht er über die Menschen, die für ihre Überzeugung sterben würden.

Sein Vater wurde erschossen: Wolodymyr jr. will für eine bessere Zukunft in den Kampf ziehen.

Sein Vater wurde erschossen: Wolodymyr jr. will für eine bessere Zukunft in den Kampf ziehen. Bild: Patrick Rohr

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Herr Rohr, nachdem Sie jahrelang beim SRF tätig waren und eine eigene Kommunikationsagentur gegründet haben, schlossen Sie jüngst auch noch eine vierjährige Ausbildung zum Dokumentar- und Porträtfotografen ab. Warum haben Sie noch etwas Neues angefangen?
Ich bin mit dieser Ausbildung zurück zu meinen Wurzeln gegangen. Als Teenager habe ich für den «Walliser Boten» und die «Glarner Nachrichten» fotografiert und geschrieben. Ich wollte immer später als Journalist und Fotograf tätig sein. Jetzt habe ich mir diesen Jugendtraum erfüllt.

Inwiefern unterscheidet sich Ihre bisherige Tätigkeit als Moderator und Berater von der als Dokumentarfotograf?
Interessanterweise sehe ich ganz viele Parallelen. In allen drei Bereichen steht meine Beziehung zu den Menschen im Mittelpunkt. Als Moderator versuche ich mich den Menschen zu nähern und etwas über sie herauszufinden. So ergeht mir das auch als Fotograf. Man entwickelt ganz schnell eine intime Beziehung zu der Person, die auf der anderen Seite der Linse steht.

In Ihrer Abschlussarbeit «Bloody Serious» versuchen Sie die Suche nach der ukrainischen Identität nachzuvollziehen. Warum hat Sie diese Thematik gereizt?
Als 2014 die anfangs friedliche Demonstration in Kiew ausartete und hunderte Menschen durch Schüsse getötet wurden, und die Menschen trotzdem weiter demonstriert haben, hat mich das unglaublich beeindruckt. So etwas kennen wir in einem demokratischen Staat wie der Schweiz nicht. Mich hat das Thema seither nicht mehr losgelassen. Im April 2015 hatte ich dann die Gelegenheit, eine Reise in die Ukraine zu unternehmen. Als ich in Kiew war, beschloss ich zunächst, ein Projekt über die inländischen Flüchtlinge zu machen.

«Die Nationalisten wollen etwas anderes als die Liberalen, die wollen wiederum etwas anderes als die Konservativen.» Patrick Rohr

Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Mithilfe eines Fixers [einer Person, die vor Ort Kontakte vermittelt und Treffen arrangiert] habe ich mich in einem zweiten Schritt im Juli und August auf die Suche nach Menschen gemacht, die bereit sind, für ihre Idee ihres Landes sogar ihr Leben zu verlieren. Mein Fixer, Illa Galka aus Donezk, war selbst Flüchtling im eigenen Land. Er konnte mir viele Kontakte vermitteln und für mich übersetzen.

Waren Sie fasziniert oder abgestossen von der Ukraine?
Weder noch. Aufgewühlt trifft es besser. Man sieht, dass junge Menschen versuchen, einem jungen Staat eine Identität zu geben, und dass alle in eine andere Richtung ziehen. Die Nationalisten wollen etwas anderes als die Liberalen, die wiederum etwas anderes wollen als die Konservativen. Es war mir schnell klar, dass das Land so noch lange nicht zur Ruhe kommen wird.

Irina kam von der Krim nach Kiew und versorgte dort Verwundete und Entkräftete. (Bild: Patrick Rohr)

Sie zeichnen verschiedene Menschentypen in Ihrer Arbeit. Was war dabei Ihr eindrücklichstes Erlebnis?
Am meisten berührt hat mich die Begegnung mit der Familie des verstorbenen Wolodymyr. Dieser wurde am 20. Februar 2014 von einem unbekannten Schützen erschossen, weil er sich dazu entschieden hatte, für sein Land und die Zukunft seiner Kinder zu kämpfen. Als ich die Familie traf, wirkte sie unglaublich gefasst, und der Sohn hat zu mir gesagt, er wolle den Kampf seines Vaters weiterführen.

Gibt es noch Zuversicht bei den Menschen, die Sie vor Ort trafen?
Nach meinem ersten Besuch im April spürte ich eine sehr grosse Resignation. Im Verlaufe meiner Arbeit im Sommer merkte ich aber, dass es brodelt. Vor allem die liberalen Menschen in der Ukraine wollen etwas verändern. Das Land wird noch lange nicht zur Ruhe kommen, entweder es kommt noch mal zu einem Aufstand, oder die Ukraine findet ihre Identität auf einem langen und mühsamen demokratischen Weg.

Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?
Was momentan in der Ukraine passiert, ist eine riesige Katastrophe, und deshalb darf das Thema auch nicht aus den Schlagzeilen verschwinden. Deshalb ist für mich diese Arbeit der Anfang von einem grösseren Projekt. So gesehen kann ich damit noch nicht zufrieden sein. Es ist noch nicht abgeschlossen. Ich will bald jene Personen, die ich getroffen habe, wiedersehen und sie fragen, wie es weitergeht.

Hier geht es zum Fotoblog. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 16.02.2016, 17:53 Uhr)

Stichworte

Poroschenko fordert Rücktritt der Regierung

In der Ukraine ist die seit Ende 2014 amtierende Regierungskoalition tief zerstritten. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat nun wegen einer verfehlten Reformpolitik Regierungschef Arseni Jazenjuk zum Rücktritt aufgefordert.

Der Schritt sei nötig, um das Vertrauen in die prowestliche Führung wiederherzustellen, teilte Präsidentensprecher Swjatoslaw Zegolko am Dienstag in Kiew mit.

Jazenjuk wies den Aufruf in einer ersten Reaktion zurück. «Die Lage ist schwierig, aber es gibt erste Zeichen einer Besserung», sagte er bei seinem etwa 50 Minuten langen Rechenschaftsbericht im Parlament.

Jazenjuk warb im Parlament für seinen Kurs. «Zum ersten Mal in den vergangenen zwei Jahren gab es im dritten und vierten Quartal ein Wirtschaftswachstum», betonte er. «Die Regierung wird ständig kritisiert, und das ist normal. Wir sind das gewohnt.»

Politisches Zweckbündnis

Poroschenkos Partei ist die stärkste im Parlament, dann folgt die von Ministerpräsident Jazenjuk. Beide zusammen bilden die bisherige Regierungskoalition. Jazenjuks Partei warnte vor den Folgen eines Scheiterns des Bündnisses. Dies werde Chaos auslösen, warnte Fraktionschef Maksym Burbak. (sda)

Im Interview: Patrick Rohr

Patrick Rohr (geb. 1968) hatte als Zeitungs- und Radiojournalist gearbeitet, bevor er 1992 als Redaktor und Moderator verschiedener Sendungen («Schweiz aktuell», «Arena», «Quer») zum Schweizer Fernsehen kam. 2007 machte er sich mit einer Agentur für Kommunikationsberatung und Medienproduktionen selbstständig. In den letzten vier Jahren absolvierte er in Amsterdam zudem eine Ausbildung zum Porträt- und Dokumentarfotografen. Wir zeigen hier einen Ausschnitt seiner Abschlussarbeit «Bloody Serious» über Ukrainer, die für eine Veränderung in ihrem Land auch ihr Leben opfern würden. (Bild: Oliver Hochstrasser)

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Fotoblog Im Februar 2014 wurden die Proteste in Kiew blutig niedergeschlagen. Patrick Rohr porträtiert Menschen, die ihr gespaltenes Land verändern – oder an Traditionen festhalten wollen. Zum Blog

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