Kultur

Fitnessgurus, Schöngeister und Nacktkletterer

Das Zürcher Landesmuseum zeigt eine eindrückliche Ausstellung über die Gesundheitsreform-Bewegung in der Schweiz.

1/6 Strammstehen im hydrotherapeutischen Ganzkörperwickel: Diese Fotografie entstand um 1910 im Zürcher Sanatorium «Lebendige Kraft».
Bircher-Benner-Archiv, Universität Zürich

   

Die Schweiz des Fin de Siècle war ein Experimentierfeld für Gesundheitstheoretiker und -fanatiker, für Naturverehrer und Sonnenanbeter. Sie war ein Eldorado für Ausdruckstänzerinnen und Nacktkletterer, für Naturheiler und Wassertherapeuten. Sie alle erhofften sich Heilung in der Kur und das Seelenheil noch dazu. Die Ausstellung «Zauber Berge. Die Schweiz als Kraftraum und Sanatorium» macht sich auf die Suche nach dem Zeitgeist und der Mentalität dieser prägenden Epoche am Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert. Dabei werden vier «Zauberberge» unter die Lupe genommen: Davos, der Monte Verità, der Zürichberg und Leysin.

Die heile Schweizer Bergwelt, ein Gegenbild zu der um sich greifenden Industrialisierung, stellte einen idealen Nährboden für Experimente mit der Gesundheit dar: die Davoser Höhenluft, die sonnenhellen Terrassen in Leysin, die lieblich-süsse Hanglage in Ascona, der beruhigende Blick über den Zürichsee auf die Alpengipfel. Überall nisteten sich charismatische Reformer ein, die ihre Anhänger davon überzeugten, sich mit Haut und Haaren ihrer neuen Lehre zu verschreiben.

Der heilende Duft der Kuhställe

Während sich manche sektiererisch von konkurrierenden Gruppen abgrenzten, erschien anderen der Ausbruch aus dem rigiden Gesundheitssystem reizvoller als die Einhaltung der Regeln: Hermann Hesse, der auf dem Monte Verità seine Alkoholsucht loswerden wollte, riss immer mal wieder aus, und Thomas Mann packte seinen Koffer in Bircher-Benners Zürcher Sanatorium «Lebendige Kraft» gar nicht erst aus, um jederzeit aus dem «hygienischen Zuchthaus» ausbrechen zu können. Neben diesen Intellektuellen, die eher Stoff für ihre Romane als Heilung suchten, überwogen die treuen Jünger, die etwa im Heinrichsbad bei Herisau «Zimmer zum Einathmen von Kuhstallluft» buchten.

Kurator Felix Graf versammelt in der Schau historische Objekte, welche die Theoriekonstrukte aus dieser bewegten Zeit eindrücklich vor Augen führen: Raffeln, mit denen Max Bircher-Benner sein Müesli zubereitete, Originalliegen aus dem Sanatorium Schatzalp, alte Ricola-Kräuterzucker-Dosen und viele weitere Dokumente der Lebensreform-Bewegung. Der Bogen der Ausstellung ist weit gespannt: Von Hermann Hallers Monumentalsskulptur «Mädchen mit erhobenen Armen» (1939) auf der Landiwiese bis zu den kraftvollen, muskulösen Fitness-Bodys von Werner Kieser. Und da Heilung nicht zuletzt eine Frage des Glaubens ist, bietet die Schau Einblick in eine Praxis, in der Bildung und Einbildung Hand in Hand gingen: Zu sehen sind Fotografien von nackten jungen Skifahrern, die ums Gesäss eine Art Windel tragen und unter freiem Himmel die Schulbank drücken, oder Fotos von kuriosen Wasserdiäten, die wohl alles Mögliche waren, nur nicht gesund. Daneben existierten Therapien, die uns auch heute noch vernünftig erscheinen, insbesondere die Esskuren von Max Bircher-Benner.

Gesundheit ist Luxus

Während man mit einigem Staunen, mitunter gar Befremden das Tun der messianischen Gesundheitsapostel verfolgt, vergisst man leicht, wie stark unsere Gegenwart von dieser Bewegung geprägt ist: Die Bionahrung, auf die wir so grosse Stücke halten, oder die bei uns breit akzeptierten alternativen Heilmethoden haben ihren Ursprung in dieser esoterischen Probephase der vorletzten Jahrhundertwende. Und Gesundheit ist – das geht in unseren Breitengraden schnell vergessen – eine Frage des Luxus: So bezeichnen englische Soziologen die wohlhabenden Wohnquartiere in britischen Städten als «Muesli Belts», wie in einem der zahlreichen, etwas gar kurzen Katalogtexte nachzulesen ist.

Die Schau, die auf intelligente Weise die Alltagsdinge zum Sprechen bringt, führt uns also in eine Vergangenheit, die nach wie vor lebendig ist. Sie lehrt die Kultur- und Mentalitätsgeschichte, ohne dass sich der Besucher belehrt vorkommt. Er muss sich bloss ein wenig Zeit nehmen, um die Stimmen der scheinbar so fernen Dingwelt zu hören.

Die Ausstellung öffnet morgen Freitag und läuft bis Mitte August 2010.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.03.2010, 08:55 Uhr

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