Kultur

Frankenstein im Flechten-Garten

Von Alice Henkes. Aktualisiert am 15.09.2009

Das Centre Pasquart zeigt «Genipulation». Die Schau zeigt Künstlerpositionen zur Genforschung zwischen Faszination und Kritik und verlangt vom Betrachter grosse Konzentration.

Michel Huelin: «Incubateur II» 2006.

© Künstler / artiste

Patricia Piccinini: «Still Life with Stem Cells» (2002).

Patricia Piccinini: «Still Life with Stem Cells» (2002).

Sylvia Hostettler: «Luxflabilis-Requisit 4».

Sylvia Hostettler: «Luxflabilis-Requisit 4».

Informationen

Die Ausstellung im Centre Pasquart dauert bis 22. November.

Sieht so die Zukunft aus? Werden dereinst «Wunderzwitter» oder «Fangende kleine Herzen» unsere Wege kreuzen? Reiner Maria Matysik widmet sich den möglichen Formen künftigen Lebens. Aus Plastilin und PVC formt er «Biofakte», imaginäre Lebewesen, die durch detaillierte Ausarbeitung und bizarre Schönheit berühren. Der deutsche Künstler erfasst seine fantastischen Wesen in einem Katalog, der sie nach Gattungen sortiert und ihre physiologischen Charakteristika beschreibt.

Über dreissig faszinierende «Biofakte» sind in der Ausstellung «Genipulation – Gentechnik und Manipulation in der zeitgenössischen Kunst» präsent. Zu der breit angelegten, überzeugenden Schau im Centre Pasquart hat Direktorin Dolores Denaro 19 internationale Kunstschaffende eingeladen. Die meisten bespielen je einen eigenen Raum mit mehreren Werken und zeigen so, dass naturwissenschaftliche Fragen eine Konstante in ihrer Arbeit bilden. Auch integriert die Schau ältere Arbeiten – einige Werke stammen aus den 1980er-Jahren – und verweist so darauf, dass Genforschung in Gesellschaft und der Kunst seit Langem kontrovers diskutiert wird.

Manipulativ und nützlich

«Heute lernen wir die Sprache, mit der Gott das Lebens geschaffen hat», behauptete der damalige US-Präsident Bill Clinton, als Forscher im Juni 2000 verkündeten, das humane Genom, das Gesamtpaket menschlicher Erbinformationen, sei entschlüsselt. Die Genforschung löst jedoch auch Ängste aus. Nicht umsonst ist Mary Shelleys «Frankenstein» bis heute ein populärer Stoff. Auch «Still Life with Stem Cells» (Stillleben mit Stammzellen) gemahnt an Dr. Frankenstein. Das hyperrealistisch gestaltete Szenario zeigt ein kleines Mädchen im vertrauten Spiel mit formlosen Monstren. Die Arbeit ist Teil einer grösseren Installation, mit der Patricia Piccinini 2003 den australischen Pavillon der Biennale in Venedig bespielte. Die Albtraum-Szene schlägt sich eindrucksvoll doch sehr plakativ auf die Seite der ethischen Forschungskritik.

Einen starken Kontrast bildet die vis-à-vis eingerichtete Videoarbeit von Mirei Lehmann. Die Bieler Künstlerin mit vietnamesischen Wurzeln zeigt in einem kleinen Raum drei Ultraschallaufnahmen weiblicher Brüste und verweist damit auf nützliche Seiten medizinischer Forschung.

Anders als der Titel «Genipulation» vermuten lässt, führt die Schau nicht in eine entsetzlich schöne neue Welt voller Klone und Mutanten, sondern bemüht sich um einen ausgewogenen Blick auf positive wie negative Aspekte der Gen- und Zellforschung. Es lohnt sich, die Saaltexte sehr genau zu studieren, um die künstlerischen Positionen zu verstehen. Einige Kunstschaffende verfügen über eine naturwissenschaftliche Ausbildung, was sie zu fundierten Auseinandersetzungen mit der Genforschung befähigt.

Allerdings führt dieses Fachwissen auch oft zu sehr theoretischen Arbeiten, die den Laien spüren lassen, wie lückenhaft sein Wissen ist.

Pierre-Philippe Freymonds Beitrag etwa erinnert an ein Labor. Der Genfer studierte Genetik, bevor er sich der Kunst zuwandte. Im Zentrum seiner Installation «HeLa» steht ein Mikroskop, durch das man Zellen in Nährlösung sehen kann. Gezüchtet wurden diese Zellen aus Tumorzellen, die der 1951 verstorbenen Krebspatientin Henrietta Lacks entnommen wurden. Mit den sogenannten HeLa-Zellen gelang es dem amerikanischen Ärztepaar George und Margaret Grey erstmals, menschliche Gewebeproben ausserhalb des Körpers zu züchten. Der Polio-Impfstoff konnte durch Forschung an HeLa-Zellen entwickelt werden, die noch heute weltweit in der medizinischen Forschung verwendet werden.

Heimisch aber fremd

Spielerischer, sinnlicher, visuell spannender verbinden sich Kunst und Wissenschaft in der Arbeit «Culture de peau d’artiste», für die das französische Duo Art Orienté objet Zellen aus der eigenen Epidermis auf Lederhautstücke vom Schwein pflanzt und mit Motiven vom Aussterben bedrohter Tiere tätowiert. Die Kulturen aus Künstlerhaut sind, in Formaldehyd konserviert, in Marmeladengläsern zu sehen, die an Hobby-Forschertum im eigenen Keller denken lassen.

Wie Kunst und Naturwissenschaft einander befruchten können, zeigen auch die Arbeiten von Sylvia Hostettler, die formal leicht an Masyks imaginäre Wesen erinnern. Die Berner Künstlerin fertigt aus Wachs vegetative Fantasiegebilde mit urtierhaften Formen. In Biel verwandelt sie einen ganzen Raum mit Objekten und Fotos in einen zauberischen Garten. Fotoprints führen den Betrachter in die geheimnisvolle Welt der Flechten, die in heimischen Wäldern wachsen, doch meist im Unterholz verborgen. In manche Bilder integriert Hostettler ihre fantastischen Wachsobjekte, die sich ganz unauffällig in den unbekannten heimischen Mikrokosmos fügen. (Der Bund)

Erstellt: 15.09.2009, 13:19 Uhr


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