Geschichtsschreibung mit der Kamera

Das Helmhaus Zürich zeigt die vierte Ausgabe der Fotoschau «Welt-Bilder»: melancholische Protokolle vergessener Welten.

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Der Schatz im Silbersee ist längst gehoben und hat wüste Narben in der Landschaft hinterlassen. Der kanadische Fotograf Edward Burtynsky setzt mit seiner Fotografie aus einer australischen Silbermine den Auftakt zur vierten Fotoschau «Welt-Bilder» im Helmhaus. Dabei, so bestätigen die Kuratoren Andreas Fiedler und Simon Maurer, umfasse der Titel des Langzeitprojekts die Welt in Bildern – aber auch die Bildsprache der Künstler sowie deren Weltbild, im Sinne einer gesellschaftspolitischen Haltung. Das bewährte Gespann präsentiert seit 2005 handverlesene Fotokünstler. Was diese betreiben, ist letztlich nichts anderes als eine Geschichtsschreibung in Bildern.

Dass der Auslöser zu den Fotoprojekten oft in persönlicher Betroffenheit oder in der Herkunft der Künstler gründet, schliesst deren Blick fürs Ganze nicht aus. Im Gegenteil: Es braucht nicht immer Katastrophenbilder von Amateuren oder von sensationslüsternen Fotojägern, um den Zustand der Erde zu diagnostizieren. Differenzierte und einfühlsame Analyse, wie sie im Helmhaus gepflegt wird, tut gut und not.

Schmutzige Geschäfte

Zurück zu Burtynsky. Der kanadische Fotograf soll, wie er auch im preisgekrönten Dokumentarfilm «Manufactured Landscapes» von Jennifer Baichwal erzählt, auf einer Autofahrt ein Schlüsselerlebnis gehabt haben. Alles, was ihn in jenem Moment umfing, vom Lenkrad über die Pneus bis hin zum Benzin, liess sich, so die an sich banale Erkenntnis, auf die Gewinnung von Rohöl zurückführen. Daraus entwickelte der Fotograf sein Lebensprojekt: Während dreier Jahrzehnte widmete er sich der Bestandesaufnahme von Abbaugebieten, von Fabrikationsbetrieben und von den Müllhalden der Welt.

Gleich einer Blutspur schlängelt sich etwa auf einer seiner hoch ästhetischen Aufnahmen ein rotes Rinnsal durch die Schwefelfelder einer Industrielandschaft. Der Sohn eines ehemaligen Fliessbandarbeiters beim Autokonzern General Motors zeigt erschreckend schöne Bilder über das schmutzigste Geschäft der Welt: das fatale Business mit den Ressourcen der Natur.

Figuren in Isolationshaft

Beat Streulis Autofahrer am Rotlicht verlieren dagegen wohl kaum Gedanken an die Umwelt: Das zeigen jedenfalls seine herangezoomten Porträts. Die Menschen hinter den Windschutzscheiben wirken wie entpersonifizierte Figuren in selbst gewählter Isolationshaft.

Die Österreicherin Aglaia Konrad verzichtet in ihrer imposanten Fotoinstallation ganz auf Menschen. Nur indirekt verweist sie auf deren Anwesenheit, indem sie Treppenaufgänge aus der Froschperspektive fotografiert und so physisch erlebbar macht, wie die urbane Betonwucht die Menschen erdrückt. Asphaltbilder? Oder Weltbilder einfallsloser Städteplaner?

Verlassene Heugaden

Auf die Spuren ihrer Vorfahren aus dem Bündner Castrisch begibt sich die Preisträgerin der «EWZ-Fotoselection» Ester Vonplon: Sie zeigt in archaischen Aufnahmen verlassene Hütten, die nur noch Fledermäusen Zuflucht bieten, und Heugaden, in denen Geräte vergeblich auf Bauersleute warten. Der Zürcher Fotokünstler Uriel Orlov seinerseits hat die 1988 von einem Erdbeben verwüstete armenische Stadt Leninakan aufgesucht, ihre Bauruinen abgebildet – und sie mit bunten Stoffmustern aus stillgelegten Textilfabriken kombiniert. Die Arbeiten der beiden jungen Schweizer sind melancholische Protokolle vergessener Welten.

Der Brite Darren Almond sucht, ebenso gezielt, Orte des Erinnerns auf. Er fotografiert sie konsequent im Licht des Vollmonds, was zu überraschenden Momenten führt. Oder haben Sie die dank Caspar David Friedrichs Gemälde weltberühmt gewordenen Kreidefelsen auf Rügen schon einmal um Mitternacht besucht? Ein surreales Erlebnis – und eine fantastische Aufnahme.

Erfrischend lebendig wirkt Georg Gatsas’ Fotoserie zu Londons musikalischer Untergrundszene. Der junge Appenzeller läuft in der urbanen Welt künstlerisch zu Hochform auf. Nachbearbeiten, so sagt er, lässt sich aber nur in der Abgeschiedenheit der Heimat – im kleinen Waldstatt bei Herisau.

Bis 13. 11. www.helmhaus.org

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.09.2011, 07:34 Uhr

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