Gott Google

Der Kanadier Jon Rafman sammelt Google-Street-View-Aufnahmen und setzt aus den Bildern seine ganz persönliche Sicht auf die Welt zusammen.

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Am Anfang stand der Entdeckerdrang. Jon Rafman, seines Zeichens Künstler und Blogger aus Montreal, sah mit dem Aufkommen von Google (GOOG 594.92 -1.73%) Street View die Gelegenheit gekommen, eine «neue Welt auf eine neue Art und Weise» zu erkunden, zu interpretieren und schliesslich aufzubauen. Er ergriff sie und erschuf mit der Website «9-Eyes» eine in sich geschlossene, parallele Realität als Gegenstück zu unserer.

Beinahe fünf Jahre ist es her, dass Google erstmals eine Armee von Autos mit aufgesetzten Kameraarmen auf die Strassen losliess, um nach eigenen Angaben «die Informationen der Welt zu organisieren und allgemein nutzbar zu machen». Alle zehn bis zwanzig Meter fotografierten die neun an einem Arm installierten Kameras, was immer ihnen vor die Linse kam. Am Computer wurde aus diesen Bildern die typische Panoramasicht zusammengesetzt. Um die Privatsphäre der jeweilig Porträtierten zu schützen, machte Google ihre Gesichter weitgehend unkenntlich.

Mit den Augen einer Maschine

2008, ein Jahr nach der Lancierung des Projekts, begann der ehemalige Philiosophie- und Literaturstudentdamit Rafman, einzelne «Street Views» zu sammeln. Er machte sich dabei nicht nur selbst auf die Suche, sondern bediente sich auch bei Blogs zu diesem Thema. Die Auswahl der seiner Meinung nach aussagekräftigsten Bilder stellte der Künstler in einem Blog zusammen, den er in Anlehnung an die neunäugigen Kameraarme «9-Eyes» nannte. Auf dieser Website präsentiert Rafman seitdem regelmässig seine neuesten Entdeckungen und bietet so einen immer neuen Blick auf die kleinen Begebenheiten des Alltags weltweit.

Rafman erklärt auf der Seite Artfagcity.com, einem Blog über aufstrebende und unterrepräsentierte Künstler, er sei gerade wegen ihrer «amateurhaften Ästhetik» so von den «rohen Bildern» fasziniert. Der neutrale Blick einer Maschine, die nicht von Emotionen getrieben werde, reize ihn ebenso wie die Möglichkeit, «Fragmente der Realität» einzufangen, ohne dabei auf einen Fotografen mit persönlichen Motiven als Mittler angewiesen zu sein.

Diese «rohe» Qualität der Aufnahme bleibt jedoch dem Ausgangsmaterial, den zufälligen Street-View-Bildern, vorbehalten. Denn sobald der Kanadier ein Bild als der Veröffentlichung würdig erachtet, beginnt der kreative Schaffensprozess.

Kunst durch Selektion

In seinem Gastbeitrag auf Art Fag City erklärt Jon Rafman, wie er über die Eignung der einzelnen Fotos entscheidet. Ästhetische Überlegungen würden die Basis seiner Beschlüsse bilden. «Ich achte immer sorgfältig auf formale Aspekte wie die Farbe oder den Bildaufbau.» Davon ausgehend lässt der Kanadier sich von verschiedenen Dingen beeinflussen. So kommt es, dass sich Fragmente entweder aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit bekannten Fotografien, gerade wegen ihrer treffenden Darstellung der Gegenwart oder aber, weil sie schlicht ergreifend sind, auf 9-Eyes.com wiederfinden.

Gemeinsam ist all diesen Aufnahmen die Art ihrer Entstehung. Die stets gleichbleibende Perspektive von der Mitte einer Strasse aus, das obligate Google-Logo und der Kompass in der oberen linken Bildecke machen die Wirkung der Strecke aus. Diese wiederkehrenden Elemente erwecken den Eindruck, bei den Fotos handle es sich lediglich um eine Dokumentation von Strassenszenen ohne künstlerische Hintergedanken. Es ist diese ganz eigene Bildsprache, die den Künstler interessiert.

Totale Autonomie

Für Rafman steht die «ästhetische Erfahrung» im Mittelpunkt. In einem Interview für die Onlineausgabe des Kalaidoscop Magazins erklärte er, Kunst habe zwar die Aufgabe zu reflektieren, sie solle jedoch keine aktive Rolle spielen. «In dem Moment, in dem die Arbeit eines Künstlers offenkundig didaktisch wird, verliert sie ihr wahres kritisches Potenzial.»

Im Namen der «totalen Autonomie» des Künstlers wehrt sich Rafman denn auch gegen Kritiker, die ihm vorwerfen, die Porträtierten – die ohne ihre Einwilligung zum Gegenstand der Kunst wurden – auszubeuten. Zwar bilden «seine» Fotos reale Situationen ab, die Aufnahmen sind im Zusammenhang mit der Website jedoch in erster Linie Teil eines Kunstwerks. Er gehe davon aus, dass Entscheidungen, die auf dem Wunsch nach politischer Korrektheit basieren, unausweichlich zum Verlust dieser Eigenständigkeit führen würden.

Gott Google

Der Widerspruch zwischen Dokumentation und kreativem Akt macht den Reiz der Bildstrecke aus. Eben dieser Widerspruch besteht laut Rafman auch schon im System Street View. Die «von Google eingefangene Welt» erscheine zwar ehrlich, sei jedoch ein von Menschen entworfenes Gebilde, in dem die Suchmaschinen des Unternehmens gottähnliche Züge annähmen. Sie träten als ordnende Instanzen an die Stelle herkömmlicher Institutionen wie zum Beispiel der Kirche.

Diesen Anspruch auf uneingeschränkte Autorität, den Jon Rafman bei Google vermutet, möchte er der Firma streitig machen. Indem er aus der Masse der Bilder wenige Momente aussucht, kommt er den Suchmechanismen zuvor und erinnert den Betrachter an seinen begrenzten, menschlichen Blickwinkel.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt in der anhängenden Bildstrecke eine Auswahl von Rafmans Bildern. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 29.02.2012, 14:04 Uhr)

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