Gurlitt-Erbin will um Kunstwerke kämpfen

Cornelius Gurlitt habe sich von einem Nazinetzwerk verfolgt gefühlt, urteilt ein Gutachter. Nun stellt sich die Frage: Konnte er seine Sammlung überhaupt nach Bern vererben?

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Es hatte nach einem gut ausbalancierten Deal ausgesehen: Das Kunstmuseum Bern nimmt Cornelius Gurlitts Erbe an. Das Haus erhält damit die Herrschaft über den «Schwabinger Kunstfund» – mehr als tausend Bilder und Zeichnungen, die der Sammler Gurlitt jahrzehntelang bei sich zu Hause versteckt hatte. Der deutsche Staat finanziert weiterhin die Taskforce, welche die Herkunft der Werke untersucht und feststellt, ob es sich allenfalls um Raubkunst handelt. Bestätigt sich ein Verdacht, geht das Bild an den rechtmässigen Eigentümer. Werke, die zur «entarteten Kunst» gehören, können deutsche Museen als Leihgaben ausstellen. Alles, was laut Presse noch fehlte, war das grüne Licht des Kunstmuseums.

Beim Ausbalancieren der Interessen ging allerdings eine Partei vergessen: die Familie Gurlitt. Ein Cousin und eine Cousine, 95- und 86-jährig, sind Cornelius Gurlitts gesetzliche Erben. Sie hätten die millionenschwere Sammlung erhalten, wenn Cornelius nicht kurz vor seinem Tod ein Testament zugunsten von Bern aufgesetzt hätte.

Testament ungültig?

Nun, wenige Tage vor dem Entscheid des Kunstmuseums, tritt Cousine Uta Werner ins Zentrum des Falls. Sie und ihre Nachkommen haben sich einen Anwalt genommen, und der hat ein Gutachten in Auftrag gegeben. Die Frage: War Cornelius Gurlitt überhaupt imstande, sein ganzes Vermögen dem Berner Kunst­museum zu vermachen? Das Gutachten, verfasst vom deutschen Psychiatrie-Chefarzt und Juristen Helmut Hausner, kommt zum Schluss: nein. «Gurlitt litt bei der Errichtung des Testaments an einer leichtgradigen Demenz, einer schizoiden Persönlichkeitsstörung und einer wahnhaften Störung», heisst es in der Zusammenfassung, die dem TA vorliegt.

Der Gutachter grub sich tief in Gurlitts Vergangenheit, um sich ein Urteil zu bilden. Schon 1962 habe sich dessen Mutter in einem Brief über den «beängstigenden Verfolgungswahn» ihres Sohnes beklagt. Über die Jahrzehnte habe sich bei Gurlitt die Überzeugung durchgesetzt, dass ihn ein «deutsches nationalsozialistisches Netzwerk» verfolge und ihm seine Kunstsammlung wegnehmen wolle. Darum habe er auch das Kunstmuseum als Erben eingesetzt, bilanziert Hausner – um seine Sammlung «dauerhaft und über seinen eigenen Tod hinaus dem Zugriff seiner vermeintlichen Naziverfolger zu entziehen». Aufgrund dieses krankhaften Wahns sei Gurlitts Willensbildung beim Abfassen des Testaments am 9. Januar 2014 aufgehoben gewesen. Oder kürzer: Laut Gutachter ist das Testament ungültig.

Zwei Cousins, sechs Kinder

Das 48-seitige Gutachten ist bereits beim Nachlassgericht München eingetroffen. Noch ist dort aber nichts geschehen. Das Gericht wird die Gültigkeit von Gurlitts Testament erst beurteilen, wenn es dazu einen Grund gibt. Ein Verfahren.

Ein solches könnten Gurlitts gesetzliche Erben starten, also Cousin Dietrich und Cousine Uta – oder ihre sechs Nachkommen, sollte einer der Erben versterben. Es gibt keine Verjährungsfrist: Die Gurlitts könnten jahrelang warten, bis sie ihre Ansprüche geltend machen.

Cornelius’ Cousin Dietrich will dem Vernehmen nach mit dem Fall so wenig wie möglich zu tun haben. Seine Schwester denkt anders: «Meine Klientin erwägt, gegen das Testament vorzugehen», sagt ihr Anwalt Wolfgang Seybold.

Die Frau hatte zu Beginn das Testament ihres Cousins akzeptieren wollen. Laut Seybold hat sie ihre Meinung aber geändert, weil die Leiterin der Gurlitt-Taskforce, Ingeborg Berggreen-Merkel, die deutsche Kulturstaatsministerin Monika Grütters und andere wichtige Köpfe in Deutschland den Erbfall ans Kunstmuseum Bern als «Glücksfall» dargestellt hätten. Das heisse umgekehrt, dass die Gurlitts mit den Kunstwerken nicht verantwortungsvoll hätten umgehen können. Uta Werner fühle sich und ihre Familie deshalb als unseriös abgestempelt. Dagegen wolle sie sich wehren – und auch den entsprechenden Tatbeweis erbringen, indem die Familie das Erbe übernehme und sich um die korrekte Abwicklung kümmere.

Damit droht dem Kunstmuseum Bern ein langwieriger Prozess. Ob es so weit kommt, ist allerdings noch ungewiss: «Zuerst gilt es, mit den Anwälten des Museums das Gespräch zu suchen», sagt Uta Werners Anwalt.

Bei solchen Gesprächen wird Bern mit einem zweiten Gutachten argumentieren können, das bei den Akten liegt. Ein Neurologe, der Gurlitt vor seinem Tod behandelt hatte, kam zum Schluss: Der Mann sei testierfähig.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.11.2014, 22:48 Uhr)

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Timeline

Fall Gurlitt – Was bisher geschah

22. September 2010
Auf einer Zugfahrt von Zürich nach München wird Cornelius Gurlitt kontrolliert. Zollfahnder schöpfen Verdacht, es könnte ein Steuerdelikt vorliegen.

23. September 2011
Das Amtsgericht Augsburg bewilligt einen Durchsuchungs- und Beschlagnahmebeschluss für Gurlitts Münchner Wohnung.

28. Februar 2012
Gurlitts Wohnung in München-Schwabing wird durchsucht. Die Fahnder entdecken rund 1280 wertvolle Kunstwerke. Der Fund wird geheim gehalten, eine Berliner Kunstexpertin mit
der Erforschung der Herkunft beauftragt.

3. November 2013
Das Nachrichtenmagazin «Focus» bringt den Fall an die Öffentlichkeit und sorgt damit für eine Sensation.

11. November 2013
Die ersten 25 Werke werden auf der Plattform Lostart.de veröffentlicht – nach und nach folgen alle weiteren unter Verdacht stehenden Werke. Eine Taskforce wird eingesetzt, sie soll die Herkunft der Bilder erforschen.

19. November 2013
Die Behörden teilen mit, dass Gurlitt Hunderte Bilder zurückbekommen soll, die ihm zweifelsfrei gehören. Den Angaben zufolge scheiterten mehrere Übergabeversuche.

23. Dezember 2013
Es wird bekannt, dass Cornelius Gurlitt unter vorläufige Betreuung gestellt wird.

28. Januar 2014
Die Taskforce gibt bekannt, dass nach einer ersten Sichtung 458 Werke aus Gurlitts Sammlung unter Raubkunstverdacht stehen.

10. Februar 2014
Es wird bekannt, dass mehr als 60 weitere wertvolle Gemälde in Gurlitts Haus in Salzburg gefunden wurden – darunter Werke von Pablo Picasso, Pierre-Auguste Renoir und Claude Monet. Später stellt sich heraus, dass es sich sogar um insgesamt 238 Werke handelt.

7. April 2014
Gurlitts Anwälte unterzeichnen einen Vertrag mit der Bundesregierung, in dem der Kunsthändler sich bereit erklärt, Bilder, bei denen es sich um Nazi-Raubkunst handelt, freiwillig zurückzugeben.

9. April 2014
Die Staatsanwaltschaft Augsburg gibt die beschlagnahmten Bilder nach mehr als zwei Jahren wieder frei.

6. Mai 2014
Cornelius Gurlitt stirbt im Alter von 81 Jahren
in seiner Wohnung in München-Schwabing, ohne seine Kunstsammlung noch einmal gesehen
zu haben.

7. Mai 2014
Laut Testament hat Cornelius Gurlitt seine Sammlung dem Kunstmuseum Bern in der Schweiz vermacht.

19. Mai 2014
Cornelius Gurlitt wird in Düsseldorf im Grab seiner Eltern beigesetzt.

20. Juni 2014
Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät formuliert die Idee eines Museums für Raubkunst – der Bundesrat lehnt Tschäppäts Motion, die Geld für Provenienzforschung fordert, im August ab.

5. September 2014
Im Nachlass von Gurlitt ist nach Angaben der Berliner Taskforce ein weiteres wertvolles Bild gefunden worden: das Bild «Abendliche Landschaft» von Claude Monet.

8. Oktober 2014
Das Kunstmuseum Bern gibt bekannt, dass der Stiftungsrat am 26. November endgültig über Annahme oder Ausschlagung des Gurlitt-Erbes entscheidet. (APA)

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