Harald Naegeli: «Ich spraye wieder»
Von Guido Kalberer. Aktualisiert am 11.10.2008 51 Kommentare
Schönberggasse 9, Zürich: Harald Naegeli posiert vor seinem Kunstwerk «Undine».
Artikel zum Thema
Info-Box
«Da zückte der Polizist die Pistole und rief: Ich schiesse»
Heute vor 25 Jahren wurde der Zürcher Sprayer Harald Naegeli in Norddeutschland verhaftet. Wie es dazu kam, beschreibt er gleich selbst.
«Infolge eines Handgemenges mit einem Beamten der Kantonspolizei in Zivil musste ich die Schweiz im Herbst 1981 fluchtartig verlassen. Ich hatte an den Strassenkämpfen mit den aufständischen Jugendlichen vielfach teilgenommen, hauptsächlich als aktionistischer Künstler. Seit 1979 war ich als Sprayer von Zürich aktenkundig. Das Urteil, 9 Monate ohne Bewährung, stand schon fest. Der Einspruch vor der letzten Instanz stand noch offen. Ich liess mich aber nicht einschüchtern.
In deutschen Grossstädten war ich tätig, und in Zürich hatte ich mein Vokabular wieder geändert. Statt der bekannten Strichfiguren (Männchen, Weibchen) zierten nun abstrakte Zeichen – chinesischer/japanischer Kalligrafie ähnlich – mancherorts die Stadt. Man schrieb sie den Jugendlichen zu, nicht mir.
Eben hatte ich wieder eines an eine öde Hauswand angebracht, und bei der Tramhaltestelle an der Nordbrücke ein zweites, als ein schwarzes Automobil auf mich zuschoss. Ein Mann sprang aus dem Wagen, um mich sofort anzugreifen. Er warf mich zu Boden und wollte mich festhalten. Doch hatte ich plötzlich Riesenkräfte, schnellte wie eine Feder wieder auf die Füsse und schlug meinem Gegner die zum Glück fast leere, und damit nicht schwere Spraydose über den Kopf.
Rat- und fassungslos starrten wir uns einige Augenblicke an. Ich muss ihn in die Flucht schlagen und mich dann aus dem Staub machen, dachte ich und wollte ihm noch eins verpassen. Da zückte der Polizist die Pistole und rief: «Kantonspolizei, ich schiesse.» «Du schiesst nicht, blöder Affe», versetzte ich zornig, drehte mich um und rannte davon. Zurückblickend sah ich noch, wie der Mann mein Fahrrad in den Kofferraum seines Wagens lud. Ausser Atem und schweisstriefend gelangte ich zurück in mein Elternhaus, das ich damals mit meinem Bruder H. bewohnte. Jetzt kommt die Polizei, nicht aufmachen, sagte ich ihm und versteckte mich im benachbarten Garten meiner Grossmutter.
In der Tat, gegen ein Uhr früh kam die Polizei und klingelte. Vergebens. Picasso, unser Hund, bellte wütend. Und nachdem sie mit Taschenlampen noch eine Runde um das Haus gedreht hatten, verschwanden sie wieder. So einen Fall hatte ich vorausgesehen. Lange schon hatte ich all mein Geld von der Bank abgehoben, griffbereit lag es mit Reisepass auf meinem Nachttisch. Um sechs Uhr früh fuhr ich zu meinem Vetter nach Bern. Ein Freund von mir arbeitete als Restaurator am Kunstmuseum. «Es gibt nichts mehr zu restaurieren an unserer vergammelten Kultur, ich mache Schluss. Komm mit mir in mein Landhaus nach Italien, dort kannst du eine Weile bleiben», sagte er, und anderen Tags fuhren wir über die Grenze.
Ein zweijähriges Leben im Exil und Untergrund begann, bis der Staat am 27. August 1983 an der Grenze in Puttgarden/Schleswig-Holstein mit inter- nationalem Haftbefehl wieder eine scheinbare Ordnung herstellte.»
Ende der Siebzigerjahre sind Sie nachts durch Zürich gezogen und haben Wände besprüht. Wie sieht der Sprayer von Zürich seine Aktionen im Rückblick?
Mit meinen Strassenzeichnungen und Graffiti habe ich Geschichte gemacht. Wie kein zweiter europäischer Künstler habe ich - im Widerspruch zur bürgerlichen Ordnung - Kunst wertfrei und autonom in die Öffentlichkeit gestellt. Der sanfte, weiche Strich erzeugte auf dem brutalen Beton eine zauberhafte Poesie. Dies machte ich bis in die Neunzigerjahre. Dann habe ich mich zurückgezogen und viele Natur- und Tierzeichnungen gemacht und vor allem meine Konzeption einer Endloszeichnung, die «Urwolke», durchgeführt. Mit zunehmendem Alter sehe ich mich aber wieder stärker als einen politischen Menschen.
Aber Sie sprühen heute keine Hauswände mehr an.
Doch, ich habe wieder angefangen - in Deutschland, wo ich lebe. Und hier kommt es noch - wer weiss.
Was? Werden Sie wieder Strichmännchen an die Zürcher Wände sprayen?
Darüber spreche ich nicht. Ich sage nicht wo, ich sage nicht wann und ich sage nicht wie. Wer Künstler ist, muss auch handeln, nicht nur reflektieren. Ich sehe den Anarchismus als einen unerlässlichen Spiegel unserer Gesellschaft.
Was ist eigentlich so anarchistisch daran, wenn Sie Bettwäsche-Kollektionen mit Ihren Motiven verzieren?
Gar nichts. Das ist Business, wie es in den Museen und Galerien auch betrieben wird. Wer dies macht, ist einfach ein Zudiener und Nutzniesser am etablierten Kunstmarkt und kulturellen Dienstleistungsbetrieb. Darüber zu moralisieren, ist müssig. Indessen lohnt es sich, sich vom Gängelband der Geschäftsleute und Kulturideologen zu emanzipieren!
Und die Bettwäsche?
Brechts «Der Jasager und der Neinsager» gibt darauf die richtige Antwort. Es geht darum, dass man vernünftige und plausible Entscheidungen trifft. Auch der anarchistische Künstler kann sich dafür entscheiden, in einer Galerie auszustellen. Wenn etwas widersprüchlich erscheint, heisst das nicht, dass es unvernünftig ist. Die einzige Magnetnadel in meinem Leben ist die Vernunft - in dieser Hinsicht bin ich der Tradition der Aufklärung verpflichtet. Ein Mann wie ich ist für die Gesellschaft hunderttausendmal nötiger als alle diese ordentlichen Bürger, die weiter nichts tun, als sich irgendeiner Politik oder Ideologie zu unterwerfen. Meine Arbeiten stellen die Frage nach dem Sinn und der Moral im Leben. Das ist mehr, als wenn einer mit Parteifilz und -buch, öffentlichem Geschwätz und Geschäft Karriere machen will.
Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, auf Mauern zu sprayen?
Ich bin stolz darauf, dass meine Strassenzeichnungen die Herolde der späteren Jungendaufstände waren. Mit der bürgerlichen Kunst, die sich in der informellen Zeitsprache ausdrückte, konnten sich die Jugendlichen damals nicht identifizieren. Meine Arbeiten aber boten ihnen ein Beispiel dafür, wie man gegen die bürgerliche Ordnung protestieren kann. Die Revoltierenden waren ja Bürgerssöhne wie ich (mein Vater war ein angesehener Zürcher Arzt, meine Mutter stammte aus Norwegen). Und mein Name ist eine Poesie: Harald (also Herold) Nägeli (Nelke) meint «Blumenbringer». Ich war also ein Blumenbringer, und ich glaube, dass der künstlerische Anarchismus - das heisst der spirituelle, geistige Anarchismus - nur in der kapitalistischen Schweiz entstehen konnte.
Gehörten Sie zur Hausbesetzer-Szene?
Nein. Existenziell wirklich denkwürdige Kunst entsteht aus der Verbindung zweier Elemente: Erstens aus einer ganz bestimmten Individualität und zweitens aus einem zeitgeschichtlichen Kontext. In den 70er-Jahren gab es eine weltweite antiautoritäre Bewegung: in Berlin, in Woodstock, in Zürich. Dieser Aufstand, diese Revolte - es war keine Revolution -, hat sich bei mir potenziert und verdichtet und sich in meiner Kunst als überindividuelle Aussage manifestiert. Es war eine allgemeine gesellschaftliche Stimmung des Widerstands gegen eine erstarrte bürgerliche Ordnung. Das Motto lautete: «Tanzt, tanzt aus der Reihe!» Und eine andere Parole, die mich fesselte, hiess: «Wer begriffen hat und nicht handelt, hat nicht begriffen!» Da sagte ich mir: Warum begreifst du - aber warum handelst du nicht?
Kränkte es Sie, dass Ihre Heimatstadt Ihre Kunstwerke übermalte und vernichtete?
Eine gewisse Enttäuschung, sogar Trauer habe ich schon empfunden. Auf der anderen Seite gehört das Werden und Vergehen zu meiner Kunst. Meine Kunst wollte immer wieder neu diesen Tanz in Gang bringen. Der wirkliche Künstler ist für die Gesellschaft immer ein Störfaktor - aber nur, solange er lebt! Gross und grossartig ist er erst, wenn er tot ist. Typisch ist ja, dass meine Strichzeichnung «Undine» am Deutschen Seminar der Universität Zürich nicht als Kunst dokumentiert ist, sondern bloss als Zeitdokument.
Haben Sie sich mit der Schweiz und Ihrer Heimatstadt Zürich versöhnt?
Nein, ganz und gar nicht.
Das Alter stimmt doch milde.
Keinen Deut. Obwohl ich ein gutmütiger Mensch bin, sehe ich keinen Anlass zur Versöhnung. Mein ganzes Vermögen werde ich Greenpeace und dem schweizerischen Natur- und Tierschutz vermachen. Meine Kunstwerke schenke ich Museen in Deutschland. Einige meiner Graffiti stehen dort bereits unter Denkmalschutz.
Und was bekommt Zürich?
Zürich bekommt nichts. Höchstens noch einen Totentanz. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.10.2008, 22:50 Uhr
Kommentar schreiben
51 Kommentare
Wieder einer der sich selbst viel zu wichtig nimmt! Selber in eine wohlhabende Familie hineingeboren und aufgewachsen und dann auf Anarchist machen!? Er soll doch sein geerbtes Vermögen jetzt, zu seinen Lebzeiten, verschenken, dann würden wir ja sehen wieviel Anarchist in ihm steckt. Zur Abwechslung könnte er ja eines seiner eigenen Häuser mit seiner Kunst bereichern! Ich bezweifle, dass in 500 Jahren noch von ihm gesprochen wird. Im Klartext: Er ist aus der Perspektive der Weltgeschichte, wie wir alle, völlig irrelevant. Antworten
Kultur
Grandioses Berg-Erleben.
Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.






