«Ich bin selber in einem Harem aufgewachsen»
Von Benedikt Rüttimann. Aktualisiert am 17.03.2011 1 Kommentar
Die Künstlerin pendelt zwischen New York und Marrakesch. (Bild: PD)
Lalla Essaydi
Die 54-jährige marokkanische Künstlerin Lalla Essaydi ist in Marrakesch geboren und aufgewachsen. Sie lebte lange Jahre in Saudiarabien. Heute pendelt sie zwischen New York und ihrer Geburtsstadt. Ihre Serie «Les femmes du Maroc» ist noch bis zum 14. Mai in der Zürcher Galerie Edwynn Houk zu sehen. Es sind grossformatige Fotografien, die marokkanische Frauen mit und ohne Schleier zeigen und an die orientalistischen Gemälde des 19. Jahrhunderts erinnern.
Die Frauen, ihre Kleider und die Szenerie überschreibt Essaydi mit Kalligrafie-Sätzen. Die Texte sind autobiografisch. An einer einzigen Aufnahme arbeitet die Fotografin mehrere Monate. (tim)
Galerie Edwynn Houk, Stockerstrasse 33, 8002 Zürich
Die Ausstellung läuft bis 4. September.
Ihr Werk rührt an Tabus in der arabischen Welt. (Bild: Lalla Essaydi)
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Frau Essaydi, in Kairo und Tunis fordern Frauen aktiv mehr Rechte. Sie zeigen uns in Ihren Fotografien dagegen brave, passive arabische Frauen.
Ich habe mit der Serie «Les femmes du Maroc» schon vor Jahren begonnen. Ich setze mich darin mit der Rolle der arabischen Frau in der westlichen Kunst auseinander. Die Bilder gründen auf der orientalistischen Wahrnehmung arabischer Frauen – also auf dem westlichen Blick auf arabische Motive, die in der Kunst des 19. Jahrhunderts so beliebt waren. Dieser Blick lebt noch immer. Zwar hat sich das Bild verschoben: von der schutzbedürftigen Frau, die gerettet werden muss, zur Frau, die unterdrückt wird. Doch arabische Frauen werden noch immer nicht als eigenständige Individuen angesehen. Indem ich die Bilder auf die Frauen reduziere, versuche ich ihnen eine Identität zu geben. Denn sie sind nicht nur schön, sie sind auch eigenständige Personen.
Manche Kritiker behaupten, Ihre Bilder seien genauso orientalistisch.
Um etwas kritisieren zu können, muss ich die Leute dazu bringen, sich mit dieser Kritik auseinanderzusetzen. Ich kritisiere zum Beispiel die Objektivierung der Frau, indem ich das unter Orientalisten beliebte Sujet der Odaliske, der Haremsdienerin, aufnehme, aber völlig übertrieben darstelle. Meine Odaliske wird immer länger. Ich mache sie zu einem Superobjekt. In den Bildern der Orientalisten war die arabische Frau einfach eine westliche sexuelle Fantasie.
Sie meinen den Harem als geheimnisvollen Lustort?
Die Orientalisten transportierten mit ihren Bildern eine Kultur, die nicht existiert. Ich bin selber in einem Harem aufgewachsen. Das ist einfach ein Haus voller Frauen und Kinder, es passieren dieselben Sachen wie in jedem Haushalt. Die Familie ist einfach etwas grösser. Mit dem, was die Orientalisten malten, hatte mein Leben absolut nichts zu tun. Das sind alles Fantasien, die allerdings von vielen Leuten im Westen für wahr gehalten wurden und noch immer werden. Solche Ansichten bekomme ich noch heute von Studenten und Lehrern in den USA zu hören.
Wie reagiert man in den arabischen Ländern auf Ihre Bilder?
Meine Werke werden erst seit kurzem in der arabischen Welt gezeigt. Ich wurde lange völlig ignoriert. Man wusste offenbar nicht, wie man mit meinen Bildern umgehen soll. Man hatte Angst. Ich bin eine Frau, arbeite mit Frauen und kritisiere, wie Frauen behandelt werden. Das ist ein Tabu. Darüber wird in der arabischen Welt praktisch nicht gesprochen. «Les femmes du Maroc» sind die ersten Werke, die ich auch in arabischen Ländern zeigen konnte. Die Rezeption war allerdings frustrierend. Man will nicht hören, was ich zu sagen habe, sondern betont einzig, wie schön doch die Frauen seien. Ich hatte das Gefühl, wie ein Kind behandelt zu werden.
Jetzt scheint sich die arabische Welt aber zu bewegen.
Die Situationen sind sehr verschieden, jedes Land hat andere Traditionen. Ich habe lange in Saudiarabien gelebt, und Sie würden staunen, wie kosmopolitisch und gebildet saudische Frauen sind. Dennoch wollen sie keinen anderen Lebensstil. Das ist ihre Tradition, das ist ihre Religion. Die allermeisten dort wollen keinen Wandel.
Man hört aber auch andere Stimmen.
Das ist eine Generationenfrage. Von den jungen Frauen wird heute erwartet, dass sie eine Schule besuchen, eine Ausbildung machen und dann arbeiten. In meiner Generation war Arbeit ausserhalb des Hauses nicht akzeptiert. Es bedeutete, dass der Mann nicht richtig für die Frau sorgt. Das warf ein schlechtes Licht auf die ganze Familie.
Auch in Marokko gingen viele Frauen auf die Strasse und forderten Reformen.
Ja, auch die Frauen in Marokko wollen Wandel, obwohl sich mein Heimatland in den letzten zehn Jahren bereits stark verändert hat. Frauen können arbeiten, sie sitzen im Parlament, in der Verwaltung. Marokko hat sich stark geöffnet. Es kommen Millionen von Touristen und viele ausländische Investoren. Diese Einflüsse verändern das Land.
Was wird die arabische Revolution den Frauen bringen?
Das ist schwer zu sagen. Auf den Strassen haben wir viele Frauen gesehen, doch in den Gremien, welche jetzt über die Veränderungen entscheiden, sind keine mehr vertreten. Es ist, als ob man sie wieder nach Hause geschickt hätte. Es wird Generationen dauern, bis die Frauen in den arabischen Gesellschaften als wichtiger Teil akzeptiert sein werden.
Behindert der Islam die Gleichstellung der Frau in den arabischen Ländern?
Das ist natürlich eine Frage der Interpretation. Ich finde, der Islam weist den Frauen eine starke Rolle in der Gesellschaft zu. Leider benutzen viele Fundamentalisten den Islam als politische Waffe. Ich bin aber optimistisch, dass diese ganzen Umwälzungen auch in dieser Hinsicht positive Veränderungen auslösen werden. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.03.2011, 08:21 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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