Im Nebenberuf Zeitzeugin
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Sie war bereits 87 Jahre alt, als im Archiv Arte Verlag Bern ihre Monografie erschien. Ein schön gestalteter, 135 Seiten starker, reich bebilderter Band mit Texten von Inga Vatter-Jensen, Steffan Biffiger und dem im Januar verstorbenen Berner Arzt und Fotografen Peter Friedli.
Ruth Schwob nahm das Buch, das ihr Leben und Werk versammelte, zum Anlass, herumzureisen. Sie gab Lesungen, erzählte aus ihrem Schaffen und ihrer Vergangenheit. So auch in Schwetzingen. Es war eine Rückkehr nach vierzig Jahren. In dem Kleinstädtchen zwischen Heidelberg und Mannheim hatte sie einst das Real-Gymnasium besucht. Hier wuchs sie auf als behütetes Einzelkind.
Jedenfalls bis zum 1. Januar 1933. An diesem Datum begann sich ihr bis dahin unbeschwertes Leben zu verdunkeln. Und das Dunkel wollte nicht mehr aufhören. Noch Jahrzehnte später erinnert sich Ruth Schwob an den Tag. Ein Albtraum, erzählt sie. Er verfolgte sie, riss sie nachts aus dem Schlaf. Ruth Bloch, so ihr Mädchenname, war Jüdin. Das genügte in jener Zeit, dass sich in der Schulbank plötzlich niemand mehr neben sie setzen wollte. Wie eine Aussätzige wurde sie behandelt. Ihre Deutschnoten seien in den Keller gesackt. Zu Aufsatzthemen wie «Blut und Boden» oder «Warum Hitler die Jugend braucht» wusste die Klassenbeste nichts zu schreiben.
Von Paris in die Länggasse
Ruth, die Tochter des jüdischen Lehrers und Kantors Henri Bloch, wurde 1919 geboren. Sie kam als Neunjährige mit ihren Eltern nach Schwetzingen. Angesichts der prekären Entwicklung in Deutschland schickten ihre Eltern sie 1935 in ein Lausanner Pensionat. Von da reiste Ruth weiter zu Verwandten nach Paris, wo sie eine Malschule besuchen konnte.
Mit dem Einmarsch der Deutschen in Paris floh die Familie in die Schweiz. In Bern lernt Ruth Bloch 1942 ihren Mann kennen. Sie lebt in der Länggasse, wird Mutter zweier Töchter und besucht Kurse bei Max von Mühlenen, Fred Stauffer oder Arthur Loosli an der Kunstgewerbeschule Bern.
Blick ins Helle
Sie sei im Nebenberuf Zeitzeugin geworden, sagte die Malerin, wenn immer sie aus ihrem Erinnerungsfundus erzählte. Dieses Zeichen wider das Vergessen trieb Ruth Schwob um. Und sie machte Ausstellungen. Ihre Bilder zeugen davon, dass die Künstlerin, deren Mann früh verstarb, trotz der Schatten über ihrer Vergangenheit, nicht verlernt hatte, das Auge auf das Positive zu richten.
Balance gefunden
In ihrer Malerei besinnt sie sich auf den Spätimpressionismus zurück, der in der Schweizer Malerei bis in die 1950er-Jahre eine grosse Tradition hat. Und sie verstand es, Elemente wie Bildaufbau und Farbkonzepte eigenständig umzusetzen. Sie zeichnete nie vor, sondern malte direkt mit Aquarell- oder Ölfarben und dickem Pinsel. Feinheiten arbeitete sie später heraus. Dass ein Bild eine positive Stimmung vermittelte, das war ihr ein Anliegen.
Ruth Schwob aquarellierte gegenständlich in verhaltenen Farben und mit plastischen Licht-Schatten-Wirkungen. Gerne malte sie Interieurszenen, Frauenporträts, lesende oder schreibende Menschen, Strandszenen, mediterrane Landschaften und Dorfsilhouetten sowie Stillleben in feinen Farbnuancen. Durch die Kunst hat sie die Balance gefunden in ihrem bewegten Leben. Das Hässliche und Grausame in der Welt sehe sie wohl, sagte sie einmal. Doch ihm Raum geben, das möge sie nicht. Am 6. Februar ist Ruth Schwob im Alter von 92 Jahren in Bern gestorben. (Der Bund)
Erstellt: 10.02.2012, 08:13 Uhr
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