Kultur

Kindsmissbrauch im Namen der Kunst

Von Berhard Odenhal, Wien. Aktualisiert am 03.06.2010 12 Kommentare

Anlässlich einer grossen Ehrung Otto Muehls in Wien, löst ein Schweizer Dokumentarfilm eine neue Kontroverse um den umstrittenen Künstler aus.

1/8 Auf dem Video sind diverse Kunstaktionen Otto Muehls aus dem Jahr 1967 zu sehen.

   

Erst zum Schluss des Films sieht man das Gesicht des Künstlers. Es ist schmal und faltig, von der Parkinson-Krankheit geprägt. Aber da sind noch die wachen Augen, die den Gesprächspartner fixieren, da ist das verschmitzte Lächeln. Die Jahre im Gefängnis hätten ihm gut getan, sagt der Greis: so viel Ruhe, so viel Gelegenheit zum Malen, «ich möchte die Zeit nicht missen».

Am 16. Juni wird Otto Muehl, einer der bekanntesten und der umstrittenste Künstler Österreichs, 85 Jahre alt. In Wien bekommt er als Geburtstagsgeschenk zwei Ausstellungen: Das Leopoldmuseum eröffnet Mitte Juni eine Ausstellung mit Muehl-Werken aus der eigenen Sammlung. Das Museum für angewandte Kunst (MAK) zeigt die Collage «Apokalypse / Keinen Keks heute» und präsentierte am Dienstag einen Dokumentarfilm des Westschweizer Kunsthistorikers Vincent Juillerat, der Muehl 2008 in dessen Kommune im portugiesischen Faro fünf Tage lang interviewen konnte.

Piss- und Kot-Aktionen

Entstanden ist ein Porträt von Muehl, wie ihn die Wiener Kunstszene sehen will: als nicht gerade fehlerlosen, aber genialen Avantgardisten. Es ist dieses idealisierte Bild, gegen das Hans Schroeder-Rozelle seit Jahren ankämpft. Das autoritäre Verhalten des Künstlers, die Demütigung und der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen dürften nicht ausgeblendet werden, sagt der 55-jährige ehemalige Kommunarde: «Muehl soll nicht sein Leben als Kunstwerk rechtfertigen können. Das sind wir seinen Opfern schuldig.»

Der Film «Becoming Otto» zeigt dieses ungewöhnliche, wilde Leben im Zeitraffer: Muehls Suche nach neuen Formen durch Zerstörung, seine Schlamm- und Blutorgien mit Hermann Nitsch, die Piss- und Kot-Aktionen der «Wiener Aktionisten» an der Universität und in den Siebzigerund Achtzigerjahren die Kommune auf dem Friedrichshof, auf der bis zu 200 Erwachsene, Jugendliche und Kinder Muehls Traum von der freien Sexualität lebten. Für viele endete das Experiment in einem Albtraum.

Regisseur Juillerat hat in den Archiven gegraben und bunte Amateuraufnahmen vom Friedrichshof gefunden, mit nackten Kindern und Erwachsenen, die sich fröhlich mit Muehl in Malfarben und Mehl wälzen. Über die dunkle Seite der Kommune heisst es nur knapp: «Muehl versagte.» 1991 wird Otto Muehl wegen Missbrauchs Minderjähriger, Vergewaltigung und Weitergabe von Drogen zu sieben Jahren Haft verurteilt. Er zeigte vor Gericht keine Reue, hat sich bei den Opfern nie entschuldigt. Für den Zürcher Kunsthistoriker Philip Ursprung, der im Wiener MAK eine Podiumsdiskussion leitete, zeigt der Film Sympathie für Muehl, extreme Verzerrung könne man ihm jedoch nicht vorwerfen. Ursprung sagt danach aber auch, dass Kunsthistoriker die Missbrauchsvorwürfe «nicht ausblenden dürfen».

Otto Muehl hat sich bei seinen Opfern nie entschuldigt

Als das MAK 2003 eine grosse Muehl-Ausstellung plante, gründete Hans Schroeder-Rozelle mit anderen ehemaligen Kommunarden die Gruppe «Re-port», um der «Mystifizierung entgegenzuwirken». Sie stiessen in Wien auf bitteren Widerstand. Dabei hatte die Gruppe Interviews mit Kindern der Kommune gesammelt, die erzählten, wie sie im Alter von 5 und 6 Jahren von Muehl missbraucht worden waren. Heute sagt zwar selbst die Leiterin des Muehl-Archivs, dass Muehl «gescheitert ist». Doch im MAK werden die Verbrechen weiterhin nicht beim Namen genannt.

Einen anderen Weg geht das Leopoldmuseum: Kurator Diethard Leopold suchte den Kontakt zu den Muehl-Kritikern und distanziert sich von bisherigen Ausstellungen, die «einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen haben, was den Umgang mit der Person Otto Muehls betrifft». Ganz leicht tut sich auch das Leopoldmuseum nicht: Die Vorführung von «Becoming Otto» wurde abgelehnt, weil die Beschreibung der Kommune nicht den Tatsachen entspreche. Nach der Präsentation im MAK und einem Gespräch mit dem Schweizer Regisseur will Leopold die Dokumentation aber vielleicht doch zeigen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.06.2010, 14:01 Uhr

12

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

12 Kommentare

philipp glanzmann

02.06.2010, 16:58 Uhr
Melden

toller künstler der macht mal pipi und gaga und die farben sind parat, wenn er es auf die leinwand schmeisst schmeckt es hoffentlich nicht mehr. Antworten


James Lehmann

02.06.2010, 15:01 Uhr
Melden

Ich bin ja offen. Aber ehrlich gesagt wars verlorene Zeit diesen Artikel zu lesen. Antworten




Grandioses Berg-Erleben.

Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.