«Kunst unterscheidet sich kaum von einem politischen Manifest»
Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 17.03.2010
«Leicht ironisch»: Der Verkehrsminister und seine Lastwagen. (Bild: Béatrice Devènes)
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Was bestimmt die Kunst in einem Bundesratsbüro: die Person oder das Amt?
Das ist kaum zu trennen. Ein Amt prägt die Persönlichkeit. Aber die Persönlichkeit prägt auch das Amt, sonst wäre es ja egal, wer welche Funktion ausübt.
Immerhin haben Sie in Ihrem Büro zwei Bilder aufgehängt, die mit Ihrem Amt zusammenhängen.
Ich entdeckte diese Lastwagen im «Strapazin». Sie sind die Schlussarbeit einer Schülerin. Ich habe sie ihr für 300 Franken pro Stück abgekauft. Sie gehören einerseits zu meiner Arbeit und wirken doch leicht ironisch, weil ich mich ja für die Verlagerung auf die Schiene einsetze. Das andere Bild ist eine Fotografie der Agentur Keystone vom Zürcher Bahnhof, das ich vergrössert habe. Schon fast ein Gursky.
Bei Ihnen hing einmal der «Holzfäller» von Ferdinand Hodler, viel später war er bei Christoph Blocher. Er definierte das Bild von seinem Amt her. Wie war das bei Ihnen?
Als ich als Infrastrukturminister begann, sah ich im Holzfäller den Inbegriff eines Mannes, der die Welt gestaltet. Kunst ist immer Kommunikation. Beim Holzfäller war das besonders deutlich. Beinahe jeder Besuch begann mit Bemerkungen zu diesem kolossalen Bild, es passe nicht zu mir und Ähnliches. Ich habe ihn ja auch nicht aufgehängt, weil ich ihn bedingungslos schön fand, sondern er hat mich auch gegen den Stachel gereizt. Kunst soll ja auch irritieren.
Was gefällt Ihnen am abstrakten Bild von Mathis Vass hinter dem Pult?
Es heisst «Blow up» und zeigt ein riesig vergrössertes Notizpapier mit Kritzeleien, wie man sie an Sitzungen so macht – also ebenfalls ein Bezug zu meiner Arbeit. Das Bild gefällt mir einfach. Kunst ist nicht nur Irritation, sondern auch Ästhetik, die zum eigenen Wohlbefinden beiträgt, darf also auch gefällig sein. «Warum sind Menschen gewalttätig?» fragte Joseph Beuys: «Weil sie in hässlichen Tapeten aufwachsen.»
Warum, denken Sie, bringen Diktaturen keine gute Kunst hervor?
Sind Sie sicher? Denken wir an Terragni, der für Mussolini baute und den wir heute noch bewundern. Totalitäre Kunst verherrlicht Übermenschliches. Das kommt in einem Regierungsgebäude, einer Allee zum Ausdruck. Das manifestiert Kolonialismus, Herrschaft über andere Menschen. Da ist Kunst einer Demokratie weniger spektakulär. Da zeigt sich aber manchmal auch Durchschnittlichkeit, zu der eine Demokratie immer auch führt, so dass dann gewagtere Projekte, wie der Hafenkran in Zürich, verworfen werden.
Zwischen der Politik und der Kultur kommt es immer wieder zu Konflikten, auch bei uns.
Kunst ist Kommunikation, also nimmt sie Einfluss, bewirkt etwas, verändert oder bestätigt. Dabei gibt es verschiedene Stufen: Je direkter Kunst politische Botschaften vermittelt, desto mehr bedient sie sich politischer Kommunikation, also zum Beispiel Slogans wie von Jenny Holzer. Damit macht sie sich aber auch angreifbar und vor allem: Sie unterscheidet sich kaum von einem politischen Manifest.
Was wäre die Alternative?
Die eigentliche politische Sprengkraft der Kunst zeigt sich erst in dem, was sie beim Betrachter an Neuem auslöst. Das ist aber nicht wie im Billard, wo die Reaktion der anderen Kugel berechnet werden kann. Ein Werk wird zuweilen ganz anders interpretiert, als der Künstler es gewollt hat. Albert Anker zum Beispiel war ein fortschrittlicher Bürger. Er malte die zivile Ehe, lesende Frauen oder die Schule als Fortschritt. Wer mit Anker ein nostalgisches Bauerntum verklärt, macht aus ihm etwas völlig anderes, als er damals war.
Mit Moritz Leuenberger sprach Jean-Martin Büttner
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.03.2010, 21:02 Uhr





