Mama, meine Muse

Am kommenden Sonntag ist Muttertag. Der ideale Zeitpunkt, sich anzusehen, wie berühmte Künstler ihre Mütter dargestellt haben.

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Banksy: «Anarchist mit Mutter», ca. 2009

Auch ein Chaot braucht Liebe und etwas Gutes zwischen die Zähne, weiss jene Mutter, die in diesem wunderbaren Werk von Banksy ihrem Junior zärtlich die Vermummung zurechtzupft; zu ihren Füssen steht schon der Znüni bereit. Womit der britische Übersprayer mal wieder einen fundamentalen Gedanken auf den Punkt brachte und gleichzeitig ein Sujet kreierte, das tausendfach durchs Netz spukt. Der klandestine Künstler, der seine Schablonen-Tags auf Wände rund um den Globus verteilt, hat ein regelrechtes Graffiti-Imperium aufgebaut, Merchandisingartikel und Filme inklusive. Unlängst eröffnete gar das erste Banksy-Hotel in Bethlehem. Seine Mutter muss sehr stolz sein. Blöd nur, dass sie damit nicht angeben kann: Schliesslich darf keiner wissen, wer Banksy ist. Vielleicht glaubt Mama Banksy ja selbst, ihr Sohn sei ein langweiliger Bürogummi? Andererseits ist kürzlich ein Graffito in Köln aufgetaucht, auf dem eine prominente Lady die Mutterschaft Banksys für sich postuliert: niemand Geringerer als «Englands Rose» Lady Di.

Erwin Wurm: «Mutter» (2014)

Seine Mutter, verriet der österreichische Bildhauer-Witzbold Erwin Wurm dem «Zeit-Magazin», sei eine sehr warme Person gewesen. Macht Sinn, wenn man sich ihr «Porträt» ansieht: eine 168-cm-grosse Bettflasche in Schnürschuhen. «Den Haussegen hat sie durch Liebe im Gleichgewicht gehalten», so der Künstler – was bei den Wurms offenbar einem Fulltime-Job gleichkam, weil Klein Erwin nach eigener Einschätzung ein ziemlicher Rotzlöffel war und sich obendrein später für eine Kreativkarriere entschied. Dem Vater, einem Polizisten, war das nicht geheuer: «Er starb sehr schnell.» Womit er verpasste, wie der Junior Kunstprofessor in Wien wurde, die Red Hot Chili Peppers zu einem Videoclip inspirierte und, als vorläufige Krönung seiner Laufbahn, eine Replik des Elternhauses, auf ein Sechstel seiner ursprünglichen Breite zusammengepresst, an der Venedig-Biennale zeigte. Die Mama aber bekam das alles nicht nur mit, sondern wurde vom Sohn in den letzten Jahren ihres Lebens auch hingebungsvoll gepflegt.

Louise Bourgeois: «Maman», 1999

Für arachnophobe Muttersöhnchen ist Louise Bourgeois’ bekannteste Skulptur garantiert nichts. Der zehn Meter hohe, acht Tonnen schwere Brocken von einer Spinne, in dessen Hinterleib sich weisse Marmoreier türmen, hat von seiner 2010 verstorbenen Schöpferin den psychoanalytisch aufgeladenen Namen «Maman» erhalten. Das Monster ist eine eigenwillige Liebeserklärung an Bourgeois’ Mutter, die als Restauratorin antiker Tapisserien tatsächlich einen beträchtlichen Teil ihres Lebens mit Weben zubrachte – und, so gut es ging, die kleine Louise vor den Attacken des sadistischen Vaters beschützte. Nicht ohne Schalk hat die französisch-amerikanische Künstlerin noch mit 88 Jahren eine bronzene Übermutti erschaffen, die aussieht, als könne sie jede Bedrohung im Nu zu einem kompakten Päckchen verschnüren. Kein Wunder, befindet sich das eindrückliche Vieh seither auf Welttournee: Dutzendfach repliziert, hat «Maman» ihre mächtigen Beine schon vor dem Guggenheim-Museum in Bilbao oder vor der Londoner Tate Modern ausgebreitet – und im Sommer 2011 auf dem Zürcher Bürkliplatz.

David Hockney: «Mother 1», 1985

Die meisten Mutter-Kind-Beziehungen sind von Hochs und Tiefs gezeichnet. Komplexer, als auf den ersten Blick ersichtlich. So gesehen, hatte David Hockney, Englands letzter lebender Grosser des vergangenen Kunstjahrhunderts, absolut recht, als er das Foto seiner Mutter Laura vervielfältigte, zerstückelte und wieder zusammenfügte. Das war in den 80ern, Hockney hatte gerade Picasso wieder- und die Computer-Bildbearbeitung neu entdeckt, und so wurde Laura kurzerhand kubistisch verschachtelt. Die nahm es locker; es war ja nicht das erste Mal, dass ihr David sie zum Sujet machte. Ihrem schlohweissen Haupt begegnet man in seinem Werk regelmässig: mal gemalt, mal fotografiert – und stets amüsiert ob dem Junior, der sich da ins Zeug legt . . . und damit Millionen verdient.

James McNeill Whistler: «Porträt der Mutter des Künstlers», 1871

Ursprünglich hätte sie auf dem Bild stehen sollen. Doch Anna Matilda McNeill war, als ihr Sohn sie malte, schon 67. Also zog sie es vor, sich zu setzen. Und das, obwohl sie nicht mal ahnen konnte, was die Popkultur dereinst alles mit ihr anstellen würde: Ulknudel Mr. Bean verpasste ihr im gleichnamigen Kinofilm ein neues Gesicht; bei einer Episode der «Simpsons» missbraucht der fiese Milliardär Burns sie als Bogenzielscheibe; im «Batman» von 1989 bespritzt Jack Nicholson alias Joker sie mit Farbe. Warum gerade die fromme Anna immer wieder herhalten musste? Vielleicht, weil sie in ihrem Häubchen und dem würdevollen «Arrangement in Grau und Schwarz» (wie das Bild ursprünglich hiess) als personifizierte Strenge provoziert. Vielleicht aber auch, weil ihre rosigen Wangen verraten, dass sie auch mal fünfe gerade sein lassen und den «flamboyanten» Lebensstil ihres Sohnes tolerieren konnte. Stolz war sie ohnehin auf ihn: Schliesslich war sie es gewesen, die sein Talent erkannt und den neunjährigen Knirps an der Kunstschule eingeschrieben hatte.

Robert Melee: «High Life», 2002

Will man wirklich, dass die eigene Mutti so aussieht? Robert Melee (* 1966) offenbar schon. Der New Yorker Künstler setzt seine Mutter Rose seit den 90ern immer wieder auf ziemlich verrückte Art und Weise in Szene, wobei er nicht nur hinter der Foto- bzw. Filmkamera steht, sondern seine «Mommy» auch kostümiert und schminkt. Man muss Rose dafür bewundern, wie geduldig sie diese Prozedur über sich ergehen lässt. Mehr noch: Offenbar hat sie selbst grossen Spass daran – und ist sich dabei nicht zu schade, für ein Bild auch mal die Hüllen fallen zu lassen und im öffentlichen Raum zu posieren. Robert Melee erzählt in einem Interview: «Wenn ich Mutter die fertigen Arbeiten zeige, kommentiert sie diese wie ein Produzent. ‹Auf diesem hier sind die Beine toll› oder ‹Dieses hier wird sich prima verkaufen!› Je durchgeknallter ein Bild, desto grösser ihre Freude.» Wittert hier jemand unverarbeitete Mutter-Sohn-Konflikte? Aber sicher! Andererseits sollte man nie die familientherapeutische Wirkung kreativer Zusammenarbeit unterschätzen.

Andy Warhol: «Julia Warhol», 1974

Es gibt ein Foto von Andy Warhol, auf dem man ihm am Küchentisch seiner Mutter sitzen und selig eine Schale Cornflakes auslöffeln sieht. Julia, die Mama, steht lächelnd über ihrem Jüngsten, der schon längst zum Star avanciert war. Auch dank ihr: Sie war es gewesen, die das kränkelnde Kind im Armenviertel von Pittsburgh, Pennsylvania, mit Comics, Zeichenpapier und Büchsensuppe versorgt hatte; sie, die zu ihm nach New York gezogen war, als der Erfolg ihn zu erdrücken drohte, um seinen Haushalt zu schmeissen. Andy machte nie einen Hehl daraus, dass er «Mama’s Boy» war. Im Gegenteil: Er trug stolz dasselbe Brillenmodell wie sie, liess seine Illustrationen von ihrer geschwungenen Handschrift untertiteln und teilte ihre Liebe für Katzen, Engel und Handarbeit. 1974, zwei Jahre nach Julias Tod, stilisierte er ihr gütiges Gesicht zur Ikone: In königliches Rot und himmlisches Blau getaucht, steht Julia wie eine poppige Madonna gleichberechtigt (wenn auch nicht ganz so oft reproduziert) neben Warhols Jahrhundertfiguren wie Marilyn Monroe, Mao und Elvis Presley.

Ragnar Kjartansson: «Me and My Mother», seit 2000

Familientraditionen sind eine schöne Sache. Wenn auch, bisweilen, ziemlich abgedreht. Der Isländer Ragnar Kjartansson zum Beispiel trifft sich alle fünf Jahre mit seiner Mutter, um sich von ihr anspucken zu lassen. Beide werfen sich dafür in Schale, und das Ganze wird auf Video festgehalten. Seit 2000 ist so schon ein hübsches Spuckfilm-Quartett zusammengekommen; wenn alles nach Plan läuft, steht 2020 die fünfte Runde an. «Wir machen weiter, bis einer von uns tot ist», erklärt Kjartansson. Ein Memento mori, also? Definitiv. Ein bisschen mütterliche Rache für jugendliche Frechheiten wird auch mit im Spiel sein, darf vermutet werden. Mutter Guðrún hat übrigens einen Trick, wie sie die Spuckerei mit Verve über die Bühne bringt: Als gelernte Schauspielerin, erzählte sie dem deutschen «Art»-Magazin, stelle sie sich vor, dass nicht ihr Sohn vor ihr stehe, sondern «einer dieser Businesstypen, die Island die Finanzkrise eingebrockt» hätten. Im Sinne von «Komm du mir erst mal heim . . .» verwandle sie sich so in die Mutter der Nation.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.05.2017, 23:12 Uhr)

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