Menschliche Spuren sind rasch verwischt
Von Daniel Morgenthaler. Aktualisiert am 02.09.2009
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Gute Videokünstler erkennt man daran, dass sie wissen, wo sie zum Schnitt ansetzen müssen. Und zwar nicht nur bei der Filmrolle. Mircea Cantor etwa vermag auch Zeitungspapier so zu zerteilen, dass sich dessen Botschaft dramatisiert – ähnlich wie durch einen rasanten Filmcut. Für eine aktuelle Arbeit hat der 1977 geborene Rumäne aus der Titelkopfzeile der «New York Times» nur ein Wort entfernt: «The New Times» steht nun am Eingang von Cantors Ausstellung «Tracking Happiness» im Kunsthaus Zürich. Es sind ironischerweise exakt diese neuen Zeiten, die Traditionszeitungen wie der «Times» schwer zu schaffen machen: mit dem Internet oder mit einer Krise, die Werbeeinnahmen schrumpfen lässt.
Sonderbare Zeiten sind es ohnehin: Die Schutzengel etwa haben starke Konkurrenz in Form von Überwachungssatelliten erhalten und das Monopol auf den Himmel verloren. So jedenfalls stellt es sich Cantor im winzigen Ölbildchen «Angels and Satellites» von 2008 vor: Fast kindlich naiv malt er darin eine Miniaturerde, die von allerlei technischem und göttlichem Geschmeiss umschwirrt wird und um die herum Engel zum Weltraumschrott degradiert werden.
Eine Sekunde Aufmerksamkeit
Auch Zeit hat in diesen neuen Zeiten fast niemand mehr; entsprechend kurz müssen die Aufmerksamkeitsspannen gehalten werden, will man den Betrachter nicht vergraulen. Cantor führt das beinahe ad absurdum, indem er ein Video mit einer Länge von einer Sekunde zeigt. Kaum hat man den Jungen, der mit einer Schere auf einer Küchenarmatur sitzt, für eine durchschnittliche MTV-Aufmerksamkeitsszene gesehen, ist er auch schon wieder verschwunden. Man reibt sich die Augen und rekonstruiert aus dem erinnerten Bild, dass das Kind soeben versucht hat, einen laufenden Wasserstrahl zu durchschneiden. Der Knabe muss natürlich scheitern, was ihn nicht davon abhält, es im alle paar Sekunden kurz aufscheinenden Video immer von Neuem zu versuchen.
Eine kleine Münchhausiade inszeniert Cantor mit der für die Kunsthausschau neu entstandenen Filmarbeit «Tracking Happiness»: Aus der blendend weissen Leinwand schält die heranzoomende Kamera langsam eine Anzahl von Besen schwingenden, weiss gekleideten Frauen heraus. So aseptisch hell ist der gefilmte, traumartig unendliche Raum, dass vorerst unklar bleibt, weshalb darin noch gewischt werden muss. In filmisch virtuos eingefangenen Close-ups wird jedoch schnell klar: Jede der verwechselbaren Protagonistinnen verwischt jeweils die Spuren, die ihre Vorgängerin im Sand am Boden hinterlässt. Doch während Münchhausen sich noch am eigenen Kragen aus dem Sumpf ziehen konnte, bleiben die Spuren der Letzten in der Reihe unverwischt.
Kein Fussabdruck bleibt
Sobald die Frauen allerdings im Kreis gehen, ist sichergestellt, dass jeder Fussabdruck sich nur für den Bruchteil einer Sekunde in den Sand einprägt. Mit ihren blendend hellen Kleidern könnten die Figuren Platzhalter für Verschiedenes sein: Für Flüchtlinge, von denen oft erwartet wird, dass sie unter sich bleiben und ihre Spuren gleich selber wieder wegwischen; oder für Frauen im alten Rollenschema, die noch immer zu Hause herumbeseln, während es ihnen verwehrt bleibt, im Berufsleben Eindruck zu hinterlassen.
Zur grossen Übersichtsausstellung «Shifting Identities», die letztes Jahr im Kunsthaus stattfand, hatte Cantor noch das Video einer Flagge beigesteuert, die im Negativ gesehen verbrennt, ohne dass man erkannte, um welche Landesfahne es sich handelt. Für seine erste Schweizer Einzelschau zeigt sich der Rumäne (der es sich 2007 leisten konnte, trotz Einladung auf eine Teilnahme an der Biennale Venedig zu verzichten) nun zwar weniger offen politisch. Dennoch hat er die New Times, in denen wir leben, genau im Visier und seziert sie in wenigen, pointierten Bildern. Ganz schmerzfrei bleibt das nicht.
Bis 8. November.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.09.2009, 21:44 Uhr
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