Kultur

Noch hundert Schuss, dann ist Schluss

Von Martin Halter. Aktualisiert am 26.06.2012 57 Kommentare

Der Fotograf Manfred Hamm will nicht auf digital umstellen. Bald ist sein Kodak-Vorrat aufgebraucht.

Der Künstler mit der toten Technik: Manfred Hamm. (Bild: PD)

Artikel zum Thema

Teilen und kommentieren

Stichworte

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Werbung

Ist es Verstocktheit, Sentimentalität, heroisch-sinnloser Trotz? Oder nur ein Marketinggag für seine Mannheimer Ausstellung über Konzerthäuser? Der renommierte Architekturfotograf Manfred Hamm hat jetzt in einem Interview angekündigt, aufhören zu wollen, wenn sein im Kühlschrank gebunkerter Vorrat an EPD-Y-Filmen von Kodak aufgebraucht ist: noch hundert Schuss, dann ist Schluss.

«Digital ist doch alles eine Sosse»

Kodak ist pleite, und mit der «Digitalknipserei» mag Hamm sich nicht anfreunden. Die «Magie des Raumes» lässt sich nicht verpixeln, und die nachträgliche Bearbeitung im Photoshop ist «Nippes», wenn nicht Betrug und Blasphemie: «Digital ist doch alles eine Sosse.» Hamm steht mit seiner Abneigung nicht allein.

Was sich in der Hobby- und Industriefotografie längst durchgesetzt hat, stösst bei Kunstfotografen immer noch auf Widerstand: Digital ist billig, schreiend bunt, vulgär, hat weder Tiefenschärfe noch feine Körnung, ganz zu schweigen von unwägbaren Qualitäten wie Aura oder Seele. Hamm schwört auf seine alte Plaubel-Plattenkamera, schwere Holzstative und Belichtungszeiten von drei Minuten. Für Schnappschüsse, eilige Touristen, Passanten und Händler ist das zu langsam, und deshalb sind Hamms Räume menschenleer.

Nutzlos, traurig und würdig am Ende

Der 68-jährige Sachse unternahm schon als Kind virtuelle Weltreisen im Atlas. Später reiste er dann wirklich um die Welt, mit den wachen Augen des Ethnologen und Industriearchäologen, für den die Schönheit der Dinge in ihrem Verschwinden liegt. 1981 gelang ihm mit dem Bildband «Tote Technik» der Durchbruch. Die Fotografien von den Schrotthaufen und Ruinen glorreicher Zukunftsentwürfe passten in die Zeit apokalyptischer Fortschrittsskepsis.

Seither fotografiert Hamm magische Räume und kolossale Bauten, die nutzlos, traurig und würdig ihrem Ende (oder ihrer Wiederauferstehung als Industriedenkmal) entgegen dämmern: Markt- und Konzerthallen, Caféhäuser, Börsen und Bahnhöfe, Textilfabriken und Zechen. Seine letzten Filme will er auf die Wunderkammern verwenden. Ausgestopften Vögel und Fabeltierskelette waren im Barock der ganze Stolz exzentrischer Fürsten, Zeugnisse von Aberglaube, höfischer Sammelwut und frühkolonialer Hybris. Heute sind sie nur noch altes Gerümpel, aus der Zeit gefallen und eben darum schön.

Ewiggestriger oder Trendsetter?

Hamms Ankündigung stösst bei Profi- wie Amateurfotografen auf Kritik und Unverständnis: unsinnige Totalverweigerung eines Ewiggestrigen, bestenfalls Nostalgie. Aber Hamm ist kein spätbarockes Fossil. In den Nischen der Tüftler, Perfektionisten und Romantiker halten sich hartnäckig längst totgesagte analoge Techniken; vieles deutet sogar auf einen Trend zur «Reanalogisierung» hin. Die Vinylplatte erlebt gerade eine unerwartete Renaissance. Analoge Uhren und Modelleisenbahnen feiern fröhliche Urständ. Der Geniesser zieht handgemahlenen Kaffee jedem vollautomatisch aufgeschäumten Cappuccino, der Schriftsteller von Welt seine alte Schreibmaschinen jedem Copy-and-Paste-Textverarbeitungsprogramm vor.

Retro ist auch in der Fotografie Kult. Soll die Masse doch digital knipsen, tunen und schönfärben. Der wahre Künstler fotografiert schwarzweiss und ohne automatische Motiverkennung und Fehlerkorrektur. Analoges Handwerk fordert Zeit, Sorgfalt, schöpferisches Innehalten und verbürgt so gerade durch seinen Anachronismus Authentizitäts- und Distinktionsgewinne.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2012, 08:25 Uhr

57

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

57 Kommentare

dominik reinhard

26.06.2012, 09:11 Uhr
Melden 39 Empfehlung 7

Wenn wir uns allen neuen Erungenschaften verschlossen hätten, dann würden wir noch im Fellkleid eine Keule schwingen und Lagerfeuer machen.
Digitalfotorgraphie ist mittlerweile um Längen besser als analog. Man muss nur die Augen und Geist öffnen.
Antworten


Rolf Löber

26.06.2012, 11:27 Uhr
Melden 31 Empfehlung 1

Als Könner auf seinem Gebiet soll es Herr Hamm absolut zugestanden sein, so zu arbeiten, wie er arbeitet. Er beherrscht seine Aufnahme- und Verarbeitungs-Technik in der analogen Welt. Alle Aeusserungen zur heutigen digitalen Profi-Welt sind jedoch von unvollständig bis völlig falsch einzustufen und lassen die Vermutung Gewissheit werden, dass er von digitaler Fotografie absolut nichts versteht. Antworten



Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen

Benegast

Benegast® die erste ganzheitliche Marke für alle Verdauungsprobleme.