Nur der Name zählt, Preise spielen an der Art Basel keine Rolle
Von Feli Schindler. Aktualisiert am 18.06.2011 1 Kommentar
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Es muss wie beim Ausverkauf ausgeschaut haben, als die VIP an der Art Basel am Dienstagmorgen vor den Toren der Halle 2 warteten, bis man ihnen Einlass gewährte. Was heisst da warteten? Unter den Schranken krochen sie durch oder kletterten über die Barrikaden, die Käufer und Sammler, die unter der Kategorie «First Choice» das Vorrecht hatten, bereits um 11 Uhr die Verkaufsstände der Topgaleristen nach den Filetstücken der Kunst abzugrasen. Um Schnäppchen handelt es sich an der grössten und wichtigsten Kunstmesse der Welt aber beileibe nicht, denn Millionenbeträge sind hier an der Tagesordnung.
«Galeristen sind wie Bauern»
Die ganze Crew etwa bei Hauser & Wirth ist sich einig: So gut wie heuer lief es noch nie. Der seit sieben Jahren in London ansässige Iwan Wirth ist schlau und macht auf Understatement. Auf die Frage, wie das Geschäft bis jetzt lief, antwortet er augenzwinkernd: «Galeristen sind wie Bauern. Sie haben immer etwas zu jammern.»
Paul McCarthys pechschwarzer gigantischer Zwerg ging für 2,75 Millionen Dollar an einen Käufer. Und Dasha Zhukova, die Freundin des superreichen russischen Finanztycoons und Sponsors des Chelsea FC, Roman Abramovich, kaufte sich Jason Rhoades’ Neoninstallation, die an der Art Unlimited für Farbtupfer sorgt. Die bunt leuchtenden Wörter – unzweideutige Synonyme des weiblichen Geschlechts – verkaufte Hauser & Wirth für 950'000 Dollar an die reiche Schöne – ein Pappenstiel für Leute ihres Kalibers und Stoff, aus dem sich Boulevardgeschichten stricken lassen.Wer sich weiter in den Hallen umhört, stellt fest, dass die meisten Deals, die in astronomischer Höhe abgeschlossen werden, ohnehin topsecret bleiben.Dass man aber angesichts der hochkarätigen Kunst den Präsentationen sehr viel mehr Sorgfalt als auch schon entgegenbrachte, ist augenfällig. Die Ramschladenästhetik früherer Jahre, auf engem Raum möglichst viel zu zeigen, hat ausgedient. Bei Bruno Bischofberger setzt man beispielsweise ganz unaufgeregt auf schwarzweisses Design.
Teure, traurige Marilyn
Schlagzeilen machte die Galerie aber dann doch mit einem 150-fach auf eine Leinenrolle gedruckten Marilyn-Monroe-Porträt von Andy Warhol. 80 Millionen Dollar kostet das Werk der weltberühmten und unglücklichen Kennedy-Geliebten. «Ein wirklich sehr ernsthaft interessierter Kunde liess die Arbeit vorübergehend reservieren», bestätigt Galerist Tobias Müller den Aufreger des Tages, von dem in der täglichen Kunstpostille «The Art Newspaper» zu lesen war. Verkauft wurde sie dann allerdings doch (noch) nicht.
Über weitere Umstände schweigt des Galeristen Geschäftsinstinkt. Oft komme man nach der Messe wieder ins Gespräch und da sei natürlich Verschwiegenheit oberstes Gebot, sagt Müller. Die farbige und zweite Version der Monroe verkaufte die Galerie übrigens bereits 1997 nach Bilbao zur seinerzeitigen Eröffnung des Guggenheim-Museums. Und strahlen mag Müller ohnehin über das ganze Gesicht. Bis jetzt habe man täglich sehr gute Geschäfte getätigt. Nicht ganz unkritisch fügt er an: «Wenn man bedenkt, was sonst rundherum auf dem Globus geschieht, so muss man allerdings sagen: Wir befinden uns hier drinnen unter der Glasglocke.»
Bei einem ganz Mächtigen, beim global operierenden Larry Gagosian, wo Kunst ohne Namensschild präsentiert wird, weil die Kunden Kenner sein müssen, wird auf Qualität gesetzt: Gursky, Giacometti, Cy Twombly, Serra und Picasso. «Die Leute geben masslos viel Geld aus, aber sie wollen nicht mittelmässige Arbeiten von Big Names, sondern ihre Meisterwerke», sagt Galerist Jona Lueddeckens. «Es lief schon am ersten Tag bombastisch. Wir mussten gleich komplett neu umstellen», erzählt er.Kein Wunder, standen Maurizio Cattelans Securitaswächter auf dem Kopf und verspotteten diese verrückte, verdrehte Welt. Die beiden Publikumslieblinge haben innert kürzester Zeit den Besitzer gewechselt. Zahlen und Preise, wie gesagt, kein Thema. Geblieben ist der Securitaswächter aus Fleisch und Blut, der nun allein über Picassos Frauenporträt (14 Millionen) und Giacomettis filigranen Dackel (3 Millionen) wacht.
Freymond-Guth freut sich
Mark Müller, Leiter der gleichnamigen Zürcher Galerie und vormaliger Lehrmeister von Jona Lueddeckens, gibt sich bescheidener. Für 32'000 Franken habe er eine Wandinstallation von Markus Weggenmann an einen Kunden aus Saudiarabien verkauft. Und die von der Biennale-Künstlerin Christine Streuli auf Wandmuster montierten Kleinformate seien auch gleich für 5000 Franken weggegangen. Und Jean-Claude Freymond-Guth, der Senkrechtstarter aus der Zürcher Off-Szene, freut sich ganz einfach über seinen erstmaligen Auftritt an der Art Unlimited mit dem Schweizer Fotokünstler Stefan Burger. Gute Kunst zu moderaten Preisen.
Ware Kunst und wahre Kunst
Selbst ein kritischer Geist wie Guido Magnaguagno, vormaliger Direktor des Tinguely-Museums und temporäre «Aushilfe» bei Jamileh Weber, bestätigt, dass es in Sachen Ernsthaftigkeit und Respekt gegenüber der Kunst wieder aufwärtsgehe, wenn auch langsam. «Von der Ware Kunst wieder in Richtung wahre Kunst.» Die Kunstmesse sei zwar schon ein gigantischer Wirtschaftsfaktor, an dem Welten aufeinanderprallen: «Am frühen Morgen die Superreichen und am Abend die ausländischen Hilfskräfte, die den Teppich saugen», sagt Magnaguagno, der für einmal nicht nur die Kunst, sondern auch die Nebenschauplätze im Auge behält.
Vorläufiges Fazit dieses Mega-Anlasses am Rheinknie: Die Galeristen reiben sich rundum die Hände, denn die Geschäfte liefen bisher wie geschmiert. Dies bestätigte bereits am Donnerstag die Co-Direktorin der Art Basel, Annette Schönholzer. In einer illustren Runde auf Einladung des Basler Regierungsrates konnte sie bereits positive Bilanz ziehen. Die Art 42, so liess Schönholzer durchblicken, stehe wieder dort, wo sie in den Jahren vor der Finanzkrise gestanden habe. Und, man darf anfügen, es wäre zu wünschen, dass die «wahre Kunst» auch wieder in die Museen zurückfindet, wo sie allen Normalsterblichen zugänglich bleibt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.06.2011, 06:19 Uhr
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