Pipilotti Rist und Thomas Hirschhorn entzücken in London
Von Daniel Morgenthaler, London. Aktualisiert am 22.07.2009
Thomas Hirschhorns Höhlensystem: «Cavemanman», Hayward Gallery. (Bild: 2009, Pro Litteris, Zürich)
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Die Künstler lassen tief blicken. So tief, dass man in deren Gefühlshaushalt schauen oder ihre Gedankengänge ablaufen kann. Die Londoner Hayward Gallery macht sich das zu Nutze: Mit der Ausstellung «Walking in My Mind» setzt sie anhand von zehn spektakulären Installationen zur Operation am lebenden Künstlerkopf an.
Besonders wörtlich ist das bei «Cavemanman» (2002) des Schweizers Thomas Hirschhorn zu verstehen, einem verwinkelten Höhlensystem betretbarer Hirnwindungen. Nach einer typisch englischen Warnung des Museumspersonals, dass der Boden – huch! – uneben sei, läuft man durch schmutzige Fantasien oder den mit Textseiten vollgekleisterten Intellekt eines in politischer Literatur Belesenen – wobei die Bücher zu Sprengstoffgürteln angeordnet sind. Kurz: Hirschhorn macht seinem Ruf als schlechtes Gewissen der heutigen Welt alle Ehre.
Ebenso dunkel, wenn auch poetischer, wird es bei der Japanerin Chiharu Shiota: Mit meterweise Wollfaden hat sie im Raum hängende Roben eingesponnen, bis sie kaum mehr sichtbar sind. Funktioniert so vielleicht der Hirnmechanismus der Verdrängung? Bei einer älteren Arbeit von Pipilotti Rist fliegen einem dann plötzlich auf Wand und Boden projizierte Füsse, Brüste und Hände um die Ohren. Aber heisst das automatisch, dass man hier tiefer in den Geist der körperbesessenen Schweizerin hineinläuft als in Werken anderer Künstler?
Katholische Obsession
Auch der Belgier Francis Alÿs hat eine Obsession, wenn auch eine katholischere: Seit 20 Jahren ergattert er auf Flohmärkten alles, was das ikonische Antlitz der heiligen Fabiola trägt. In der National Portrait Gallery kleidet er nun zwei Räume randvoll mit dem Profil dieser rot bekopftuchten Heiligen des 4. Jahrhunderts aus: ein mitreissender Sog in der Bildersintflut.
Im Gegensatz zu dieser auffälligen Heiligenarmee bleiben die Gemälde des Dänen Per Kirkeby in seiner Retrospektive in der Tate Modern seltsam getarnt; ja sie verstecken sich fast chamäleonartig auf den Wänden, indem sie etwa Holzbretter mimen. Der 71-Jährige ist denn auch weniger von einem bestimmten Motiv als von der Malerei an sich besessen: Noch selten hat man in einem derart begrenzten Farbspektrum so viele technische und bildräumliche Lösungsvorschläge gesehen. Jüngere Maler wie Peter Doig haben augenscheinlich einige davon übernommen.
Markante Einzelschau
Vielleicht am markantesten stülpt aber Richard Long in seiner Einzelschau in der Tate Britain sein Inneres nach aussen: Nach ganz draussen. Während Hirschhorn in seiner Höhle kilometerweise Klebband verlegt, legt der 1945 geborene Brite Meile um Meile in der Landschaft zurück. Und während der Schweizer die Schattenseiten der Zivilisation ausleuchtet, wandert Long auf der Sonnenseite unbefleckter Natur. Neben imposanten Bodenskulpturen aus Natursteinen zeugen Fotografien und karge Beschreibungen von Longs konzeptuell aufgeladener Weltbegehung. «Walking in My Mind» würde hier etwa heissen, dass man Long im Geist durch England nachläuft, um aus jedem Gewässer, dass man antrifft, Wasser zu schöpfen und es ins jeweils nächste zu giessen. So tief wie einige Positionen in der Hayward Gallery lässt das nicht blicken. Dafür umso weiter.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.07.2009, 14:13 Uhr





