Prophet des digitalen Zeitalters
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 22.02.2012
Das Buch zur Ausstellung: «Warhol – Headlines», München, London, New York, 2012.
Buch: Headlines
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Man kennt ihn als Ikone der Pop-Art. Man kennt seine Siebdrucke von Tomatensuppen und Filmstars, seine Werbegrafiken und die Filme aus seiner berühmten Factory. Tatsächlich aber war Andy Warhol weit mehr als das, nämlich ein Prophet der digitalen Gesellschaft. Kein anderer Künstler des vergangenen Jahrhunderts durchschaute mediale Mechanismen präziser, keiner erkannte so genau, wie sie von der Dynamik ganz normaler Leidenschaften vorangetrieben werden.
Die Konservierung der Zeit
25 Jahre nach dem Tod des Künstlers löst unsere digital geprägte Gesellschaft all das ein, was Warhol in seiner Kunst und in den Inszenierungen um seine Person angelegt hat. Am besten illustrieren lässt sich dies mit dem prophetischen Diktum, dass irgendwann jeder für 15 Minuten werde Weltruhm erlangen können – mit dem Internet und Plattformen wie Youtube oder Sozialen Medien ist dies heute zur Realität geworden. Und der nicht zu stillende Hunger der schnellen Online-Medien nach Sensationen und Instant-Ruhm sorgt dafür, dass immer ein williges Publikum für das Schauspiel bereit steht.
Wie scharf Warhol die mediale Kultur bereits zu den Anfängen seiner Karriere durchschaut hat, ist an seinem Werkkomplex zum Thema Headlines (Schlagzeilen) abzulesen, den die National Gallery of Art in Washington in einer umfangreichen Ausstellung abgebildet hat und die als Buch nun auch auf Deutsch erschienen ist. Dort ist auch die bemerkenswerte Beobachtung zu finden, dass Warhols Hauptthema nicht etwa der Celebrity-Kult war, sondern Zeit. Zeit, die er versuchte zu konservieren beziehungsweise ihr Vergehen festzuhalten. Und das privilegierte Medium dafür war zunächst die Zeitung.
Schon in seinen frühen Jahren als Werbegrafiker beobachtete er Journalisten und Redakteure dabei, wie sie News auswählen, aufbereiten, präsentieren. Zeitungen, so seine Überzeugung, pflegen eine dramatische Art von Erzählkunst, deren Geschichten sich anhand tagesaktueller Ereignisse entwickeln. Von Beginn weg sammelte er Artikel und Schlagzeilen, vornehmlich aus Boulevardblättern, und verarbeitete sie künstlerisch. Dabei wählte er immer wieder ähnliche Artikel aus und reproduzierte sie, mit leichten Abänderungen, ganz ähnlich wie die Marketingindustrie immer wieder dasselbe Produkt mit leichten Neuerungen zu verkaufen versucht. Das Serielle wurde zu seinem Markenzeichen, wobei die Abweichungen und Fehler als Spuren der Individualität zum eigentlichen Inhalt wurden – wie Fehler in der Matrix.
Waren-Status der Information
In den kapp vier Jahrzehnten seines künstlerischen Schaffens dokumentierte Warhol den grossen Wandel der von den Medien zur Nachrichtenübermittlung eingesetzten technologischen Mittel. Besonders faszinierte ihn dabei die Schlagzeile als rhetorische Strategie. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf sich selbst und bringt die Geschichte auf den Punkt. Diese Strategie hat sich durchgehalten, von den Anfängen der Sensationspresse in den Zwanzigerjahren über die Erfindung von Radio und Fernsehen bis zu Mikroblogging-Dienst Twitter, der eigentlich nur aus Schlagzeilen und Links besteht.
Ihn interessierte aber auch der Waren-Status, den eine Information im entsprechenden System bekommt. So setzte er sich auch mit dem Produkte-Status von Informationen auseinander. Er frage sich, formulierte er in einem Interview, wem eine News eigentlich gehöre und ob nicht der Besitzer des Namens in einer Schlagzeile auch als Besitzer der News betrachtet werden müsse. «Wenn die Leute ihre News nicht den News geben würden und jeder seine News für sich behalten würde, dann hätten die News keine News», so sagte er in einem Interview.
Warhols Fokus auf den Journalismus ist insbesondere interessant, weil mit dieser Branche heute eine ähnliche Revolution in Gang ist, wie sie im letzten Jahrhundert in der Warenwelt zu beobachten war: Damals wurde die maschinelle Warenfertigung von der industriellen Massenproduktion abgelöst. Auch News werden heute massenhaft produziert und dezentral verbreitet – die Rolle des Journalisten beschränkt sich zunehmend darauf, die News auszuwählen und einzuordnen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 22.02.2012, 15:42 Uhr
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