Kultur

Schön motzen

Ob Stau, Rauchverbot oder kühle Frauen: Ein Künstlerpaar verwandelt gesellschaftlichen Frust in Musik. Von Singapur bis Zürich gründet es Beschwerdechöre. Singen Sie mit.

Protestsongs, einmal anders: Trailer zum Dokumentarfilm über Beschwerdechöre, der bald herauskommt.

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Auch Zürich bekommt einen Beschwerdechor. Wer Lust hat, Teil der weltweiten Chor-Gemeinschaft zu werden, die die häufigsten, seltensten, privatesten oder absurdesten Beschwerden gemeinsam öffentlich aufführt, findet über obigen Link mehr Infos.

Wir Schweizer, das stellen wir immer wieder selbstkritisch fest, sind Weltmeister im Motzen. Oder nicht? Dass auch andere Nationen in dieser Kunst nicht zu unterschätzen sind, beweist das finnisch-deutsche Künstlerpaar Tellervo Kalleinen und Oliver Kochta-Kalleinen. Seit Jahren gründen sie überall auf der Welt «Complaints Choirs» (Beschwerdechöre). Wer möchte, kann hier seinen Ärger und Frust einfach heraus singen.

Um Teilnehmer anzusprechen, schalteten Kochta und Kalleinen Anzeigen und verteilten Flugblätter und Poster. Die Teilnehmer, die sich nicht notwendigerweise durch eine gute Stimme auszeichnen müssen, artikulieren zunächst ihre Sorgen und Nöte: Geldmangel, Stau, Impotenz, idiotische Nachbarn und so weiter. Offensichtliche politische Propaganda wird nicht berücksichtigt. Aus den Klagen wird in Zusammenarbeit mit einem örtlichen Musiker ein einfaches Lied komponiert. Am Ende singen alle lauthals mit und die ursprünglich durchaus ernst gemeinten Beschwerden klingen plötzlich gar nicht mehr so schwer.

Andere Länder, andere Klagen

Genau diese Wirkung wollen die in Helsinki lebenden Künstler mit ihrem Projekt erreichen. «Menschen verbringen sehr viel Zeit damit, sich zu beschweren», finden Tellervo Kalleinen und Oliver Kochta-Kalleinen. «Wir wollten diese negative Energie in etwas Grosses, Kollektives, etwas Lustiges und Kraftvolles umwandeln.»

Der Auftritt der Beschwerdensänger wird aufgenommen, online gestellt (auf Youtube finden sich bereits Dutzende Clips) oder in Ausstellungen präsentiert. Bemerkenswert ist die kulturelle Differenz zwischen den verschiedenen Orten der Beschwerden. Je nach Standort des jeweiligen Complaints Choirs dominieren ironische, kritische oder existenzialistische Töne. In Chicago, so haben die beiden beobachtet, wurde in den über tausend Beschwerden vor allem über den Strassenverkehr geschimpft, in St. Petersburg beklagte man sich nicht etwa über politische Missstände, sondern über Liebe und Gefühle. In Singapur, einem vergleichsweise reglementierten Staat, beschwert man sich über die Mitmenschen, die auf der falschen Seite der Rolltreppe fahren und in Ecken pinkeln – und fordert damit indirekt noch mehr Regulierung.

Beschweren auf hohem Niveau

Gleichwohl sind uns die einzelnen Beschwerden der Teilnehmer wohlvertraut, man kann sich mit den Chören und ihren Teilnehmern identifizieren. Vor allem aber gelingt Kochta und Kalleinen etwas, wonach die Moderne nur zu oft vergeblich suchte: die Verbindung von Kunst und Leben. Der erste Beschwerdechor der Geschichte entstand bereits im November 2006 in Birmingham. Seitdem reisen die Künstler mit ihren Complaints Choirs um die Welt. Beschweren auf hohem Niveau ist kunstfähig geworden.

Die Nachfrage nach den Chören ist gar so hoch, dass Kochta und Kalleinen die Motz-Combos nicht mehr selber leiten können. Stattdessen haben sie eine Website eingerichtet, über die lokale Chöre organisiert und betreut werden – auch in der Schweiz. Basel hat bereits vor zwei Jahren sein Klagelied erhoben (Lärm, Regen, fehlendes Nightlife), Zürich darf nun nachziehen. Das ist spät – aber eine ausgezeichnete Zeit zum Schimpfen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.12.2009, 13:25 Uhr

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