«Sie müssen als Prügelknaben herhalten»

Der Kunsthistoriker Jörg Scheller ist überzeugt, dass Bodybuilding Kunst ist. Er hat jetzt für die Kunsthalle Zürich eine Ausstellung dazu kuratiert.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bodybuilder gelten nicht unbedingt als der geistigen Welt zugetan. Wie macht man eine intelligente ­Ausstellung über Bodybuilding?
Indem man eine Ausstellung mit Bodybuilding, nicht über Bodybuilding macht. Das grösste Missverständnis ist, dass Bodybuilder Fleischberge sind. Die Wahrheit ist: Sie sind Formfleisch. Das sind komplett vergeistigte Körper. Jede Muskelfaser ist willentlich durchformt und einem Ideal angepasst. Es geht um Form und um Formung, da sind wir schon im Bereich der Ästhetik. Und innerhalb dieser Körperästhetik gibt es dann die Hardcore-Variante, die Extrem-Bodybuilder, bei denen auch der kleinste Muskel noch modelliert wird, als ob er ein Marmorstückchen sei. Von dort bis ins Künstleratelier ist es dann nur noch ein kleiner Schritt.

Sie haben über Arnold Schwarzenegger doktoriert. Was war dabei Ihre wichtigste Erkenntnis?
Dass er seit je unterschätzt wird. Dass er viel komplexer, viel raffinierter, viel ironischer ist, als man gemeinhin denkt. Als Arnold Schwarzenegger in den 70er-Jahren seine Karriere lancierte, wurden Bodybuilder-Filme plötzlich von Intellektuellen rezipiert. Schwarzenegger selbst war mit Warhol befreundet, er kennt sich mit Kunst aus und hat selbst ein sehr hybrides Werk geschaffen. Er kann wie Herkules alles verkörpern – vom Rüpel bis zum edlen Helden, vom Kil­ler­roboter bis zum schwangeren Mann – und wirkt trotzdem kohärent. Ein Kunststück, das man hinbekommen muss.

Wohlgeformte Körper sind in der Kunstgeschichte ja nichts Seltenes. Aufgepumpten Körpern aber hängt etwas Negatives an. Der Bodybuilder mit Lollipop in Richard Hamiltons Pop-Art-Schlüsselwerk «Just What Is It That Makes Today’s Homes So Different, So Appealing?» zum ­Beispiel ist eine Witzfigur. Warum?
Dahinter steckt wohl, dass wir Rezipienten gerne von uns denken, wir seien normal. Deshalb brauchen wir etwas, das wir als «nicht normal» definieren können. Solange wir uns einigermassen fit halten, nur ab und zu eine Vitaminpille einwerfen oder ins Solarium gehen, fühlen wir uns normal im Vergleich zu Hardcore-Athleten. Insofern dient uns der Bodybuilder zur Selbstvergewisserung, dass mit uns alles in Ordnung ist. Dahin gehend ist er für mich Avantgarde: Er ist kein Konsenskörper. Er will nicht gefallen, sondern auffallen. Man macht sich mit Bodybuilding keine Freunde, es macht Liebes- und Sexualbeziehungen kompliziert; insofern haben Bodybuilder etwas Mönchisches. Sie kippen aus dem Normalen raus, was uns den Umgang damit erschwert. Und wenn wir mit etwas nicht umgehen ­können, stempeln wir es gern als peinlich ab.

Und wie ist das mit Arno Breker? Die Muskelprotze von Hitlers Hofkünstler wirken heute peinlich pathetisch.
Oberflächlich mag man eine Verbindung zwischen Breker und Bodybuilding erkennen, weil es hier wie dort um Körperkult geht oder ging. Jedoch: Ein Hardcore-Bodybuilder wäre den Nazis in seiner Abnormität nicht genehm gewesen. Und Nazi-Bildhauer wie Breker haben immer nach einem harmonischen Ideal gesucht. Bei Bodybuilding geht es aber genau darum, dieses Ideal zu sprengen. Das heutige Bodybuilding entstand in Nordamerika und ist genuin postmodern – liberal, queer, gegenkulturell, kontrovers. Insofern hat es viel mehr mit der amerikanischen Mentalität zu tun, wonach jeder Herr seines Schicksals ist, als mit dem genetisch festgezurrten Menschenverständnis der Nazis. Hautfarbe hat im Bodybuilding sowieso nie eine Rolle gespielt. Einer der ersten Mr. Olympia war ein Schwarzer aus dem kommunistischen Kuba.

Ihre These ist, dass nicht nur die Darstellung des Körpers Kunst ist, sondern bereits das Formen des eigenen Körpers. Dann wäre Bodybuilding also eine Spielart der Performancekunst?
Es ist kein Zufall, dass Performance- bzw. Body-Art und Bodybuilding im gleichen Zeitraum – den Sechzigern und Siebzigern – gross wurden. Die Hauptkritik der Performancekünstler an klassischen Kunstschaffenden war: Ihr schickt eure Werke vor und versteckt euch dahinter. Demgegenüber stellten sich die Performer selbst ins Rampenlicht und fügten sich sogar Verletzungen zu. Stelarc hängte sich an Fleischerhaken auf, Marina Abramovic haute sich den Rücken blutig. Da ging und geht es ganz explizit darum: Das bin ich auf der Bühne, ich performe mich. Ich kasteie mich vor aller Augen. So gesehen sind Body-Art und Bodybuilding zwei Seiten einer Medaille: Body-Art eher progressiv, Bodybuilding eher konservativ.

Abramovic hat eine ­gesellschaftspolitische Botschaft. Was aber will uns der Bodybuilder sagen?
Du kommst nicht mit einem gegebenen Körper zur Welt, bist kein Readymade, sondern hast die Möglichkeit, dich selbst zu formen. Dabei wurzeln die Bodybuilder tief in der Geisteswissenschaft. 1486 schrieb Giovanni Pico della Mirandola in seiner «Rede über die Würde des Menschen», dass der Mensch ein Chamäleon sei und sich als Bildner seiner selbst zu jeder Gestalt ausformen könne, die er bevorzuge. Er könne zum Gott hochsteigen oder zum Tier hinabsinken. Mit diesem Umbruch im Denken – was ist der Mensch überhaupt? – wird überhaupt erst die Möglichkeit für Bodybuilding gelegt. Das ist der Subtext der gesamten westlichen Moderne und die Grundbotschaft von Bodybuilding: Arbeite an dir. Und dann: Lerne, mit dem unausweichlichen Scheitern umzugehen. Denn am Ende kommt etwas sehr Unoriginelles dabei heraus.

Allerdings entsteht Kunst nicht, weil jemand Lust hat, ein bisschen zu malen. Kunst gründet in einer tiefen Notwenigkeit – sie «muss raus».
Wenn man mit Bodybuildern spricht, macht man oft eine fast religiöse Überzeugung aus, das tun zu müssen, was sie tun. Ein Bodybuilder kann nicht mit Mittelmass umgehen. Er erträgt es nicht, mittelmässig zu sein – also muss er über den Normalzustand hinausgehen. Mehr noch: Er ist ein Künstler, der leiden möchte. Und sein Werk ist ein Körper, der nur durch extreme Disziplin, ja Selbstaufgabe erreichbar ist. Damit stehen Bodybuilder in der Tradition des modernen Kunstschaffenden, der manisch sein muss, über die Stränge schlagen muss, ein Outcast sein muss – und der gerade dadurch fürs bürgerliche Publikum interessant wird.

Bodybuilding entspricht dem männlichen Körperideal. Wie passen weibliche Bodybuilder ins Bild?
Skelettmuskeln sind geschlechtsneutral. Aber es stimmt: Das Bodybuilding der Frauen wird seit je viel kontroverser beurteilt als das der Männer – was mehr über das Publikum als über die Praktizierenden verrät. Bis heute hört man, vor allem von Frauen, den Satz: «Das ist ja keine Frau mehr.» Über Männer heisst es höchstens: «Das ist hässlich.» Unter diesem Gesichtspunkt gehen weibliche Bodybuilder weiter als ihre männlichen Kollegen. Sie transformieren Genderstereotypen am eigenen Körper. Das ist sehr mutig, denn es macht sie zu gesellschaftlichen Aussenseiterinnen. Übrigens haben auch die männlichen Bodybuilder die Geschlechterrollen ins Wanken gebracht. In den 50er-Jahren wurden sie als «Boobybuilders» verunglimpft, weil sie sich einen gewaltigen «Busen» antrainierten, und als effeminiert bezeichnet – eben als Frauen. Schauen Sie sich Arnold Schwarzenegger in den 70er-Jahren an: Wespentaille, Riesenbusen, ganzkörperenthaart. Das ist ein klassisches Pin-up.

Bei dieser Arbeit auf ein bestimmtes Idealbild hin, bei dieser Selbstoptimierung bis zum Exzess ist die plastische Chirurgie nicht weit entfernt.
Absolut. Die plastische Chirurgie ist die logische Weiterführung von Bodybuilding. In dem Moment, da man an die Grenzen seines Körpers stösst, kommt die plastische Chirurgie, kommen Implantate ins Spiel. Interessanterweise haben Bodybuilder aber ein sehr starkes Arbeitsethos. Bei Wettbewerben sind Implantate verboten. Man muss sich die Muskeln erarbeiten. Das steht in der liberalistisch-protestantischen Tradition: Du musst es selber schaffen.

Doping ist nicht tabu?
Doch, natürlich. Aber es wird gedopt, wie in jedem Spitzensport. Das Pech der Bodybuilder ist: Ihnen sieht man es an. Deshalb müssen sie auch als Prügelknaben einer rundum gedopten Gesellschaft herhalten. Banker koksen, Studenten werfen Ritalin ein – und Sie trinken am Morgen sicher auch Kaffee. Wir sind überall so am Limit, dass jeder ständig nach Mittelchen sucht, an seiner Leistung zu hebeln. Nur wahrhaben will es keiner. Bodybuilder führen uns diese unschöne Wahrheit schonungslos vor Augen, und zwar mit dem Vergrösserungsglas. Deswegen schaut man sich das so ungern an: weil man nicht gern in einen Spiegel blickt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.11.2015, 23:50 Uhr

Ausstellung

Der Bodybuilder als Bildhauer

Wann und warum begann der Mensch seinen Körper zu formen, als wäre er Bildhauer und Kunstwerk zugleich? Wo ist der Punkt, an dem das Idealbild ins Groteske kippt?

Mit «Building Modern Bodies. Die Kunst des Bodybuildings» hat Jörg Scheller, Kunsthistoriker und selbst Bodybuilder, für die Kunsthalle Zürich eine Ausstellung geschaffen, die die Geschichte der Kraftkörperkultur erzählt – angefangen bei Versuchen von K­unststudenten bis hin zu Andy Warhol.

Mit Fotos, Plakaten, Filmmaterial (von der frühesten überlieferten Posingkür), lebenden ­Skulpturen und einer Pumpstation, an der man sich selbst versuchen kann. Zur ­Eröffnung (heute, ab 18 Uhr) posiert der Schweizer Bodybuilder Toni Bellaroba im Museum (19.30 Uhr). Die Ausstellung dauert bis zum 7. Februar 2016. (psz)

Der Kunsthistoriker und Philosoph Jörg Scheller(*1979) ist Journalist und ZHDK-Dozent. 2013 kuratierte er den Salon Suisse an der Venedig-Biennale. Er ist zudem Sänger des Metal-Duos Malmzeit.

Artikel zum Thema

In acht Jahren zum Muskelprotz

Job, Essgewohnheiten, Ferien – Lukas Wyler ordnet dem Bodybuilding alles unter. Nun wiegt der einst schmale Zürcher 133 Kilogramm. Er ist in der Profiliga angelangt und macht unbeirrt weiter. Mehr...

Er lebt den ProBro-Lifestyle

Patrick Reiser ist Weltmeister im Natural Bodybuilding, schwärmt für vegane Ernährung und erreicht mit seinem Youtube-Kanal über 83'000 Zuschauer. Mehr...

Der Körper ist die Botschaft

Jörg Scheller ist Kunstwissenschafter, ein enthusiastischer Denker – und Ex-Bodybuilder. Bodybuilding sieht er als Kunstform, die unsere ästhetische, perfektionistische Lebenswelt repräsentiert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Grusel, Grusel: Taranteln krabbeln den Arm einer Frau in Kambodscha hoch, nachdem sie diese eingefangen hat 21. Juni 2017).
(Bild: Samrang Pring) Mehr...