Stillstand bei 1158 km/h
Von Caspar Schärer, Rapperswil-Jona. Aktualisiert am 27.07.2010 5 Kommentare
Das Buch
Jacqueline Burckhardt, Christian Waldvogel, Jonas Voegeli (Hrsg.): Earth Extremes. Scheidegger & Spiess, Zürich 2010. 500 S., ca. 100 Fr.
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Dass die Erde sich um die eigene Achse dreht und dabei noch eine Bahn um die Sonne zieht, bezweifelt heute kaum mehr jemand. Früher wurde man verbrannt, wenn man dergleichen behauptete, und auch heute noch braucht es einiges an Gehirnarbeit, sich diese Drehbewegungen vorzustellen. Immerhin: Mithilfe von Satelliten können wir nicht nur in die hintersten Winkel des Universums blicken, sondern auch von aussen auf die Oberfläche unserer Erde.
Diese Aussensicht beschäftigt den 39-jährigen Zürcher Künstler Christian Waldvogel seit Jahren. Für Aufsehen sorgte er erstmals 2004, als sein «Globus Cassus» als Schweizer Beitrag an der Architekturbiennale in Venedig gezeigt wurde. «Globus Cassus» ist eine Utopie, eine von innen nach aussen gestülpte neue Erde, die nicht mehr kugelförmig ist, sondern eine dünne Schale mit einem Durchmesser von 85'000 Kilometern und der 45-fachen Oberfläche des «Originals». Die Idee ist kühn und natürlich völlig unrealisierbar, wird aber von Waldvogel mit nüchterner Präzision zeichnerisch umgesetzt.
Viel Aufwand für einen Punkt
Das Weltall hat ihn seither nicht mehr losgelassen. Weitere Projekte folgten, sechs davon zeigt jetzt das Kunst(Zeug)Haus Rapperswil-Jona. Parallel dazu ist im Zürcher Verlag Scheidegger & Spiess ein 500 Seiten schweres Buch erschienen, das die Entstehung der einzelnen Arbeiten ausführlich dokumentiert.
Der Prozess ist umso wichtiger, wenn das Ergebnis eines Projektes selbst lediglich ein heller, belichteter Punkt auf einer Filmplatte ist. Für diesen einen Punkt stieg Waldvogel – nach zweijähriger Planung – in ein zweiplätziges Kampfflugzeug der Schweizer Luftwaffe, kleidete die Glaskuppel des Cockpits bis auf ein kleines Loch mit Folie aus, konstruierte so eine Camera obscura, liess den Piloten auf genauem Westkurs auf exakt 1158 km/h beschleunigen, holte die Filmplatte hervor und belichtete diese im Luftraum zwischen Glarus und Luzern vier Minuten lang.
Erdrotation neutralisiert
Bei dieser Geschwindigkeit neutralisiert man über der Schweiz die Erdrotation; Waldvogel und der Pilot entzogen sich also vier Minuten lang der unaufhaltsamen Drehung des Planeten und standen im Bezug auf die Sonne still. Die Sonne brannte folglich einen einzigen Punkt auf den Film, während die Gegenprobe am Boden bei gleicher Belichtungszeit einen kurzen Streifen ergab. «The Earth Turns Without Me», dieses spektakuläre Projekt, spiegelt Waldvogels Arbeitsweise treffend. Das Missverhältnis zwischen dem technisch-logistischen Aufwand und dem Resultat könnte kaum grösser sein. Zugleich verweist Waldvogel auf die Leistung der Renaissance-Astronomen, die mit einfachen technischen Hilfsmitteln die komplexe Himmelsmechanik entschlüsselten.
Heute, da wir alles zu wissen glauben, muss eine gewaltige Maschinerie in Bewegung gesetzt werden, um mit dem eigenen Körper die Himmelskörper-Mechanik zu begreifen. Aussenstehende können das Abenteuer erst nachvollziehen, wenn der lange Weg zum Ziel mit den konventionellen Mitteln der Fotografie und Bildmontage dokumentiert wird. Waldvogel und Guido Baumgartner, der Kurator der IG Halle, welche die Ausstellung in Rapperswil-Jona organisierte, entschieden sich für das sparsame Erläutern jeder Arbeit mit knappen Texten und einigen Bildern und Grafiken. Daraus entstehen lauter kleine Erzählungen.
Eine verrückte Reise
Die wissenschaftliche Unterfütterung bleibt im Hintergrund – sie ist eine Komponente im waldvogelschen Universum, aber längst nicht die einzige. So reiste er zum Beispiel an einem Silvestertag zum höchsten Punkt der Welt und brachte eine Fotoserie im Stile eines Roadmovies zurück. Der höchste Punkt – das war nicht der Mount Everest, sondern ein Ort am Polarkreis, der, wenn man den Globus von aussen betrachtete, sich «zuoberst» befände. Hier wird eine rational nachvollziehbare Vorstellung Anlass für eine verrückte Reise, die an einen völlig unspektakulären Ort führt. Durch das Projekt aber wird aus einem banalen Stück Welt ein Ort mit kosmischer Bedeutung.
Ausstellung bis 22. August.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.07.2010, 21:56 Uhr
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5 Kommentare
Heinz Butz, sind Sie ganz sicher dass Sie nicht Nörgeli heissen. Tatsächlich gibt es in der Kunst ab und zu Sachen die bei einem Grossteil der Bevölkerung Kopfschütteln verursachen, aber, das ist ja ganz genau auch eine der Aufgaben der Kunst! Nörgeln kann man über Politiker die immer alles negieren oder Konsumenten die immer dem billigsten Anbieter nachrennen. Die Kunst braucht die Freiheit. Antworten
In Zürich soll es gel. eine 2000 Watt-Gesellschaft geben (die Stimmbürger sagten ja). Wenn der gute Herr Waldvogel mit seiner Kampfflugzeug- und Weltall-Kunst weitermacht, müssen dann zur Kompensation 25 Mitbewohner der Stadt das ganze Jahr auf Warmwasser und elektr. Licht verzichten. Es sei nämlich kosmische Pflicht, den Energieverbrauch drastisch zu reduzieren, befand der Zch. Stadtrat. Antworten
Was hat Herr Waldvogel für den Flug mit der Armeemaschine bezahlt und wer hat die Bewilligung zu diesem Flug erteilt? Kann das jeder nachmachen? Ist die Armee jetzt ein Kunstbetrieb oder eine touristische Einrichtung, welche vom Steuerzahler bezahlt wird? Antworten
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Mario Monaro
War ja klar, dass sich Kostensparer und Umweltbeschützer hier zu Wort melden. Das Resultat dieses einen Flugs kann eine Bereicherung für viele Menschen sein. Und zum Umweltschutz: nicht dieser Flug ist das Problem, sondern zum Beispiel die unzähligen überflüssigen Autofahrten von Herrn und Frau Schweizer die gedankenlos und ohne Nutzen für andere Abgase produzieren. Lasst die Kunst leben bitte! Antworten