Swinger-Sex im Museum: «Büchel führt die Doppelmoral vor Augen»
Von Martin Ebel. Aktualisiert am 24.02.2010 38 Kommentare
«Das Projekt ist konsequent, kohärent und überlegt»: Pius Knüsel. (Bild: Keystone)
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Swinger-Sex im Museum: Verdient auch solche Kunst staatliche Förderung?
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Herr Knüsel, finanziert die Pro Helvetia «Swingerorgien» in Wien, wie es eine Schlagzeile formuliert?
Es ist genau umgekehrt. Der Swingerclub verlangt Eintritt, und ein Teil dieser Einnahmen fliesst an die Secession, das Ausstellungshaus.
Warum fördern Sie Christoph Büchels Aktion?
Büchel ist einer der bedeutendsten Künstler der Schweiz. Er legt mit seinen Installationen den Finger auf wunde Stellen der Gesellschaft. In diesem Fall macht er Sexualpraktiken öffentlich, die existieren, die wir aber nicht wahrnehmen wollen. Büchel thematisiert ausserdem eine wunde Stelle der Kultur: dass nämlich Kulturinstitutionen sich – häufig durch Vermietungen – immer stärker fremdfinanzieren müssen, um überleben zu können. Genau das findet hier statt.
Trotzdem: Ist die Förderung eines Swingerclubs vereinbar mit dem Leitbild der Pro Helvetia?
Noch mal: Wir fördern nicht den Swingerclub. Das ganze Projekt stand unter dem Arbeitstitel «Volksbad». Christoph Büchel thematisiert «Hygiene», auch im moralisch-gesellschaftlichen Sinn. Der Swingerclub im Untergeschoss ist nur ein kleiner Teil der Ausstellung, die unter anderem eine Kläranlage, Umziehkabinen, ein Fitnessstudio und ein Dampfbad umfasst. Die ganze Installation spielt wie immer bei Büchel mit der Fiktion, mitten im Leben zu sein. Die Pro Helvetia bekennt sich in ihrem Leitbild ausdrücklich zu einer experimentellen Kunst – einer Kunst, die das artikuliert, was die Gesellschaft umtreibt. Das darf auch in provokativer Form stattfinden.
Sie geben 15'000 Franken an diese Aktion. Was finanzieren Sie?
Die 15'000 Franken sind für die Kosten des Künstlers gedacht, also Reisen, Material etc. Sie gehen nicht direkt an Büchel, sondern an die Secession. Das ist eine Institution von hohem internationalem Ansehen. Sie hat den Förderantrag gestellt, sie ist verantwortlich dafür, die Grenzen des Projekts festzulegen.
Stehen Sie zu dem Projekt?
Das Projekt ist konsequent, kohärent und überlegt. Christoph Büchel ist an eine Grenze gegangen, für manche auch darüber hinaus. Er führt der Welt ihre Doppelmoral vor Augen: Wir tolerieren die Realität der Swingerclubs. Nur wenn sie im Museum auftauchen, ist es plötzlich ein Skandal. Das Museum ist heilig – auch das hat etwas mit Hygiene zu tun.
Hätten Sie nach der Hirschhorn-Affäre, die Sie 1 Million Ihres Budgets gekostet hat, nicht vorsichtiger sein müssen?
Natürlich durchdenken wir seit Hirschhorn alle Projekte besonders gründlich. Aber es kann doch nicht sein, dass wir überall, wo es möglicherweise Widerspruch gibt, die Finger davon lassen! Eine Institution wie die Pro Helvetia darf gerade bei gesellschaftlich besonders interessanten Projekten nicht aus Angst abseitsstehen.
Fürchten Sie eine erneute Strafaktion des Parlaments?
Ich höre das Rumoren. Aber wenn eine Aktion wie diese, die niemanden beleidigt, aber gesellschaftlich brisante Fragen stellt, eine Strafaktion nach sich zöge – dann ist wirklich Hopfen und Malz verloren. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.02.2010, 11:23 Uhr
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38 Kommentare
Die Metapher ist absolut genial: Der Künstler muss sich heutzutage prostituieren, damit er seine Projekte überhaupt realisieren kann: bei der Cüpli-Gesellschaft, bei den Boulevardmedien und - wenn es nach der SVP ginge - auch bei den Politikern. Sonst wird den seriösen Schaffern die Aufmerksamkeit versagt, weil sich "Kunstkritik" heute auf TV-/Soaps-Kritiken und andere Lifestylethemen beschränkt. Antworten
Kunst ist immer elitär und hat es zu sein und zu bleiben. Die Arbeit von Büchel finde ich persönlich nicht so gewaltig, aber legitim – eine weitere Version von Duchamp's ready made. Offensichtlich trifft sie aber ins Mark der «Bürger» (wie Toni Brunner), die über «das gesunde Volksempfinden verfügen» – eben wie der Architekt Snozzi einmal sagte: «in ästhetischen dingen hat das Volk nie recht» Antworten
@ Gut, Straessler, Ackeret, Meier etc.: Beim Lesen Ihrer Kommentare fuehlt man sich in die Zeit der sog. Impressionisten zurueckversetzt. Die wurden mit aehnlicher, ja gleicher Haeme ueberzogen, auch von fuehrenden Kritikern. Ganz einfach, weil sie die Kunst nicht verstanden haben (Kunst kommt nicht von Koennen...), den Kuenstlern auch nicht zugehoert haben. Kunstgesch.sollte Pflichtfach sein. Antworten
"Kunst" ist stets eine sehr relative Ansichtssache. Was ist ihr Ziel? Soll sie schmücken? Soll sie "guttun"? Oder soll sie "kritisch" sein? Ist es die Aufgabe von "Kunst", einem - belehrend - etwas "vor Augen zu führen"? Soll sie "klassisch" sein oder "modern", oder beides? Die Doppelmoral jedenfalls ist eine Tatsache, da hat der Künstler Recht. Und sie ist verwerflich. Wozu ist "Kunst" da? Antworten
Und da sind sie wieder, die selbsternannten Grenzensetzer und "Entartete Kunst!"-Ankläger. Durch oberflächliche Sichtweise und einseitige Information ein Urteil zu fällen steht zwar allen frei. Sich offen und mit Neugierde ein Gesamtbild der Installation zu machen, danach einen Schritt zurückzutreten, denken, und erst dann zu urteilen wäre jedoch gescheiter. Antworten
Schön dass es noch Menschen gibt die den Mut haben unere " Doppelmoral " offenzulegen und schon beginnt wieder das grosse Wehklagen ... Kunst soll und darf provokativ sein ansonsten geht uns Entscheidendes verloren . In diesem Sinne Dank an den Künstler wie auch an die Pro Helvetia . B.M. Antworten
@Hadrich: Interessant, wie gut sie das hormonelle Innenleben von Herrn Büchel kennen. Ich find's höchst bedenklich, wie hier anhand von ein/zwei Fotos über ein Werk hergezogen wird, das keiner von Ihnen je gesehen hat! Das war bei Hirschhorn genau dasselbe. Und bitteschön: 15'000 Franken!!! Wir bezahlen für jeden ehemaligen, untätigen Bundesrat mehr - pro Monat versteht sich... Antworten
Auch ich war bisher etwas konsterniert über diese Art Ausstellung im Rahmen eines Museums. Ich muss aber ehrlich bekennen, dass ich nach dem obstehenden Interview mit Pius Knüsel meine Meinung geändert habe. Hat durchaus Vieles für sich, was er sagte! Tabuthemen wollen die Kulturfernen eben nicht sehen, sie wollen sich keinen Spiegel vorhalten lassen. Gehört aber letztlich zur darstellenden Kunst. Antworten
Sie schreiben: "In diesem Fall macht er Sexualpraktiken öffentlich, die existieren, die wir aber nicht wahrnehmen wollen." Wieso genau muss ich diese Sexualpraktiken "wahrnehmen"? Und was ist falsch, dass sich Kulturinstitutionen mit Vermietungen finanzieren? Es gibt wichtigere gesellschaftliche Probleme, um die sich einer der "bedeutendsten Schweizer Künsler" kümmern könnte. Antworten
"Er legt mit seinen Installationen den Finger auf wunde Stellen der Gesellschaft. In diesem Fall macht er Sexualpraktiken öffentlich, die existieren, die wir aber nicht wahrnehmen wollen". Bitte? Als ob heutzutage ein Swingerclubbesuch noch ein Tabu wäre oder solche Orte von der Gesellschaft verdrängt würden. Das ist doch nur eine durchschaubare Rechtfertigung für eine billige Provokation. Antworten
Es ist schmerzlich, dass Steuergeld für solche "Kunstwerke" ausgegeben wird. Andererseits: Solange sich die "Künstler" mit diesen "Kunstwerken" einigermassen durchs Leben schlagen können entlastet das den Staat anderswo, Sozialhilfe und Psychi wären auch nicht gratis. Antworten
@Hadrich. Ja so ist es wohl. Die Psychoanalyse kennt den Befund doch schon lange. Kinder reagieren übrigens instinktiv auch manchmal so. Womit aber nicht gesagt sein soll, dass Hr. Büchel nicht ernsthaft im aktiv zugänglichen Teil seines Gehirns daran glaubt, es sei die Aufgabe des Kulturschaffenden (danke Hr. Cannes für den Hinweis), permanent den Nicht-Kulturschaffenden den Spiegel vorzuhalten Antworten
Von mir aus können diese selbsternannten, allerdings nicht gerade erfolgreichen "Künstler" 101 Swingerclubs eröffnen, aber bitte selber finanzieren und nicht unter dem Deckmäntelchen der Kunst von Steuergeldern bezahlen lassen - das wäre dann die vielzitierte Doppelmoral. Aber eben, wie immer, wenns um eigene Interessen geht wird jede faule Ausrede salonfähig geredet. Antworten
Da regen sich wieder die üblichen Verdächtigen auf. Eigentlich wundert mich das nicht, bei der katastrophalen Kulturförderung in diesem Lande. Die Schweiz verkümmert immer mehr zu einem arbeitswütigen, kalten Land, das immer weniger Platz hat für Kunst, oder Leute die nicht in das klassische Schema passen. Antworten
Kunst darf alles. Provozieren, verstören, irritieren, etc. GEFALLEN muss sie niemandem. Ich denke, dies ist das wichtigste an dieser Installation. Es wird mal wieder bewusst gemacht, dass es mit der Freiheit der Künste nach wie vor nicht zum Besten steht. Offensichtlich glaubt man vor allem bei den Bürgerlichen noch immer, dass Kunst ihren Wertvorstellungen entsprechen muss. Antworten
Herr Knüsel bringts auf den Punkt, auch ich finde die (Medien)Aufregung ein herrliches Beispiel über die existierende Doppelmoral in unserer Gesellschaft, Swinger-Clubs sind nun mal Realität weil anscheinend ein Bedürfnis. Mit der scheinheiligen Erregung stossen sich Kultur & Medien satt, nicht nur (aber vorallem) der Blick, der sich vorab mit solchen Stories gepaart mit Sex-Anzeigen finanziert... Antworten
Glaubt ihr wirklich, dass Büchel den Club einrichtet um auf die Doppelmoral hinzuweisen? Er schiebt diese Thematik als Schutzschild vor sich her. In Tat und Wahrheit 'turnt' ihn das Thema Swingerclub selbst an. Darum scheut er auch den Aufwand nicht. Testosteron lässt grüssen! Da er aber selbst Opfer der Doppelmoral ist, kann er einfach nicht dazu stehen. Antworten
Bei allem Verständnis für das Aufdecken und das kohärente Transportieren sozialer Zustände in das kollektive Bewusstsein der wiener Bevölkerung darf man den gesprochenen Förderbetrag sicher in einen grösseren Kontext stellen und die Frage nach der Relevanz stellen. Hier nämlich muss auch berücksichtigt werden, dass Kunst ja nicht ausschliesslich für gesellschaftliche Eliten geschaffen werden soll Antworten
Wer nennt Christopf Büchel einen Künstler? Künstler kommt von Kunst, die wiederum von Können. Bezeichnen wir diesen Herrn doch einfach als "Kulturschaffenden" - nur um keine Künstler zu beleidigen. Die einzige Kunst, welche Herr Büchel zu beherrschen scheint, ist die, dem Staat Steuergelder für seine "künstlerischen" Grosstaten abzuschwatzen. Antworten
Ist Kunst nur, was der SVP und den Bürgerlichen gefällt? Darf Kunst nicht provozieren, zum Denken anregen, Neues wagen, dynamisch bleiben? Sind wir eigentlich schon wieder so weit, dass gewisse Kreise von "entarteter Kunst" sprechen und dieser dann gefälligst die Fördergelder streichen wollen? Damit Kunst schön linientreu und politisch korrekt bleibt?! Antworten
Etwas übersieht Herr Knüsel: die existierenden Clubs muss ich nicht finanzieren, daher sind mir diese egal. Ganz anders bei diesem Projekt, wo ich das als Steuerzahler finanzieren muss. Grundsätzlich finde ich es etwas simpel, einfach etwas Provokatives im Museum nachzubauen und es dann als Kunst zu betiteln. Antworten
Der "Skandal" ist nicht der Swingerclub, damit haben die meisten Leute wohl überhaupt kein Problem, sondern dass er mit Steuergeldern zumindest mitfinanziert wird. Je nach Lesart (siehe Interview) ist das aber gar nicht der Fall. Allerdings darf gefragt werden, wofür das Geld wirklich eingesetzt wird und ob es nicht unterstützungswürdigere Projekte gäbe. Antworten
Kunst, dass ich nicht lache! Es ist eine Frechheit, so etwas überhaupt Kunst zu nennen. Wer definiert eigentlich, was Kunst ist in der Schweizer-Kunstszene? Wohl nur diejenigen, die nicht mehr wissen, was Kunst ist. Sonst müsste die Definition definitiv anders ausfallen... Antworten
Doppelmoral kann ich nur der Pro Helvetia vorwerfen. Ich habe 2006 ein echtes Schweizer Musical zur Schweizer (Basler) Stadtgeschichte auf die Bühne gebracht: Keine Obszönitäten, keine Sexszenen, kein nihilistisches Kulturgelaber - von Pro Helvetia habe ich keinen Rappen bekommen. Dort - wie fast überall im Kunstbetrieb - spielt nur eines eine Rolle: Beziehungen. Dieses Geplapper ist unerträglich Antworten
Ja was gilt nun, Herr Knüsel? Einerseits sagen Sie, Büchel mache "Sexualpraktiken öffentlich, die existieren, die wir aber nicht wahrnehmen wollen", um kurz daraf festzuhalten, "wie tolerieren die Realität der Swingerclubs". Wenn Sie Büchels Projekt als "konsequent, kohärent und überlegt" bezeichnen, trifft keines dieser Attribute auf Ihr geschwätiges Statement zu. Antworten






Dietmar Gajdos
Dieses "Kunstwerk" ist aus meiner Sicht kein Kunstwerk und auch nicht förderungswürdig. Sicher ist es einmal eine vordringliche Aufgabe der Pro Helvetia bzw. des zuständigen Bundesrates festzulegen, was unter Kunst verstanden wird und damit Förderungsmittel gesprochen werden. Kunstwerke sollten der Nachwelt erhalten bleiben und z.B. zum Nachdenken anregen, nicht aber Themen der Boulevardpresse. Antworten