Kultur

Teheran, das Model und die Schweiz

Von Rico Bandle. Aktualisiert am 27.10.2010 4 Kommentare

Das grösste Werk in der Zürcher Picasso-Ausstellung ist eine Leihgabe aus Teheran. Hat Micheline Calmy-Reys berühmter Kopftuchbesuch etwas damit zu tun?

1/21 Das entblösste Model im Besitz der Islamischen Republik: Picassos «Der Maler und sein Model» (Le peintre et son modèle), 1927.
© 2010 ProLitteris, Zürich

   

Stolzer Leihgeber: Mahmoud Shalooei, Direktor des Museums für zeitgenössische Kunst in Teheran, vor seinem Picasso im Kunsthaus Zürich. (Bild: Rico Bandle)

Islamisches Land mit grosser westlicher Kunst: Einblick ins Museum für zeitgenössische Kunst in Teheran. (Bild: Keystone )

Stichworte

Das Werk hängt an prominentester Stelle in der grossen Picasso-Ausstellung im Zürcher Kunsthaus, als einziges Bild an der hintersten Wand. «Der Maler und sein Model» sei ein Höhepunkt der Ausstellung, schreibt das Zürcher Kunsthaus stolz; es war bei der ersten Zürcher Picasso-Ausstellung 1932 das grösste Gemälde und ist es auch jetzt wieder. Der Unterschied zu damals: Heute gehört das Bild mit den enthüllten Brüsten am Kopf des Models der Islamischen Republik Iran.

Das Gemälde in die Schweiz zu bringen, war nicht ganz einfach. «Wir mussten über die Botschaften in Teheran und Bern gehen, was eher aussergewöhnlich ist», sagt Kunsthaus-Direktor Christoph Becker. Obwohl das Kunsthaus auf die Hilfe der Behörden angewiesen war, sei die Leihgabe nie ein Politikum geworden. «Ich weiss nicht, ob in Deutschland eine solche Leihgabe möglich gewesen wäre. Ob man mit Staaten, die unsere Werthaltung nicht unbedingt vertreten, in dieser Art zusammenarbeiten darf und soll, erachte ich aber als eine spannende Frage.»

Calmy-Rey nicht beteiligt

Die Schweiz spielt im Iran bei der wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Vermittlung mit dem Westen eine zentrale Rolle, dies sei wohl mitverantwortlich dafür gewesen, dass die Leihgabe dermassen problemlos über die Bühne sei, so Becker. Micheline Calmy-Reys berühmter Kopftuchbesuch 2008 bei Präsident Mahmoud Ahmadinejad habe keine Rolle gespielt. «Damals wussten wir noch nicht, dass wir dieses Bild wollen. Zudem war es bereits im Jahr 2005 in der Schweiz für eine Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen», so Becker.

Bei der Ausstellungseröffnung vor zwei Wochen war eine Delegation aus dem Iran zugegen. Mahmoud Shalooei, Direktor des Museums für zeitgenössische Kunst in Teheran, erklärte gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet was für eine Freude es für ihn sei, das Werk der Schweiz ausleihen zu dürfen. «Das Bild war bei uns gerade ausgestellt, dort wo es hing, klafft nun ein Loch», sagt er. Im Gespräch hält er sich strikt an die offizielle Sprachregelung. Den Schah zu erwähnen ist tabu, man spricht von der «Zeit vor der Revolution». Ist es kein Problem, ein solch wertvolles Bild einem westlichen Land auszuleihen? «Wir sind für eine Zusammenarbeit mit allen Ländern offen, die ehrlich mit uns zusammenarbeiten.» Würden Sie also auch ein Bild in die USA ausleihen? «Ja, aber die sind nicht ehrlich zu uns. Iran hat den USA einmal zwei antike Werke ausgeliehen, die kamen nicht zurück. Die haben die Verträge nicht eingehalten.»

Westliche Kunst im Gottesstaat

In der Kunstwelt werden wertvolle Bilder in der Regel nur dann ausgeliehen, wenn dem Leihgeber im Gegenzug ebenfalls eine Leihgabe in Aussicht gestellt wird. Geld sei in diesem Fall keines geflossen. «Wir bezahlen grundsätzlich keine Leihgebühr», sagt Christoph Becker. Allerdings ist bekannt, dass sich insbesondere russische Museen mit Leihgaben in den Westen finanzieren. Becker hat dem Teheraner Museum keine direkte Gegenleihgabe zur Verfügung gestellt, aber das Angebot unterbreitet, die Kooperation auszuweiten, auch mit zusätzlichen Leihgaben. Wann und in welcher Form die Kooperation stattfinden wird, ist noch nicht bekannt.

Eine Kooperation mit Teheran ist für das Kunsthaus verlockend. Die dort ausgestellten Werke stammen grösstenteils aus der riesigen Sammlung des Schah. «Das ist ein Paradoxon in dem Land, dass es sich mit dieser westlichen Kunst vom verhassten Schah brüstet», so der Kunsthausdirektor, der noch nie in Teheran war, aber unbedingt bald hin möchte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.10.2010, 13:41 Uhr

4

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

4 Kommentare

Rima Kaufmann

27.10.2010, 13:48 Uhr
Melden

Das finde ich ganz toll, dass diese Leihgabe hier her fand. Wir sollten wenn immer möglich, das Gute mit anderen Ländern teilen und uns nicht vom Schlechten trennen lassen. Antworten


Stefan Flüeler

27.10.2010, 18:55 Uhr
Melden

Es ist ist natürlich wunderbar, auf einmal Werke grosser Künstler zu sehen, welch im Westen kaum oder noch nie gezeigt wurden. Ebenso interessant wie Kunstsammlungen des Schah fände ich jedoch zeitgenössische Kunst des Iran, zB die dort hoch entwickelte Kalligraphie, auch die Steinhauerei. Es wäre eine prima Sache, wenn das Kunsthaus einmal einen repräsentativen Querschnitt daraus zeigen könnte. Antworten




Grandioses Berg-Erleben.

Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.