Kultur

Und eines Tages hört man den Lärm nicht mehr

Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 21.12.2009 17 Kommentare

Lärm und schlechte Luft sind für viele Menschen in der Schweiz Alltag. Der Fotograf Jean-Pierre Grüter hat Leute besucht, die direkt an der Autobahn wohnen. Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt die eindrücklichsten Bilder.

1/18 In diesem Haus in Luzern wohnt die Familie Tushi.
Jean-Pierre Grüter

   
«Die Leute blenden den Lärm einfach aus»: Jean-Pierre Grüter.

«Die Leute blenden den Lärm einfach aus»: Jean-Pierre Grüter. (Bild: pd)

Stichworte

Wohnort Autobahn

Jean-Pierre Grüter hat 30 Familien oder Einzelpersonen besucht und fotografiert, die direkt an der A 2 zwischen Luzern und Mailand leben. Jede Wohnsituation hat er in drei Fotografien erfasst: das Haus von der Autobahn aus, die Aussicht von der Wohnung auf die Autobahn und die Wohnung drinnen. Im Buch ist zu jeder Wohnsituation ein Gespräch publiziert.

Buch:
Jean-Pierre Grüter: Wohnort Autobahn. Benteli-Verlag, 320 Seiten, ca. 85 Franken.

Ausstellung:
Verkehrshaus Luzern, bis Sommer 2010.

Wie kamen Sie dazu, Wohnungen und Häuser an Autobahnen zu fotografieren?
Das Thema des Projekts ist ja die die Veränderung des Landschaftsbildes durch den Bau der Strassen. Diese werden ohne gestalterische Kriterien einfach in die Landschaft gebaut und vor allem ohne Rücksicht auf die Menschen, welche dort leben. Auf meinen Fahrten in den Süden fragte ich mich jeweils: Wie kann man an einem solchen Ort wohnen? Wie hält man das aus?

Und wie hält man das aus? Die Leute entwickeln erstaunliche Strategien, um sich an die Situation anzupassen. Aber es gibt klare Unterschiede zwischen jenen Leuten, die an die Autobahn gezogen sind und jenen, die seit Generationen irgendwo wohnen und denen eine Autobahn vor die Nase gebaut wurde. Ein Beispiel ist Herr Kemp aus Erstfeld, dem die Autobahn vor den Bauernhof gebaut wurde. Das stört ihn zwar, er ist aber nicht verbittert. Er blendet die Autobahn einfach aus, verdrängt sie und richtet seinen Fokus auf die Natur. Dies erfordert aber einen starken Charakter.

Funktioniert diese Verdrängung auch mit dem Lärm?
Ja, offensichtlich. Das hat mich auch erstaunt. Eine Familie erzählte mir, dass sie nach den Ferien immer zwei, drei Tage stark leide, danach nicht mehr. Sie nehmen den Lärm einfach nicht mehr wahr.

Zieht jemand freiwillig an die Autobahn oder hat das immer ökonomische Gründe?
Das Geld ist fast immer entscheidend. Ein im Buch porträtierter Mann lebt in einem Haus gleich zwischen der Autobahn und der Bahnstrecke. An einer anderen Stelle hätte er sich nie ein solches Haus leisten können. Grundsätzlich gilt: Direkt an die Autobahn zieht niemand freiwillig, aber in die Nähe. Alle wollen einen möglichst guten Anschluss an die Strasse aber keiner will sich ihr direkt aussetzen.

Im Vorwort Ihres Buches beschreiben Sie, dass in den Autobahn-Wohnungen auffallend viele Bilder hängen, als wollten diese von der Aussicht ablenken.
Mein Konzept war, mit dem Triptychon (drei Bilder pro Wohnung/Haus) die Räume transparent zu machen. Man kommt von aussen nach drinnen, vom öffentlichen Raum in den privaten Raum, von einem mobilen zu einem sesshaften, wohnlichen Ort. Die Bilder an den Innenwänden sind wie eine zusätzliche Raumerweiterung. Da sind Heimatbilder aus dem Kosovo, schöne Landschaften, religiöse Bilder, der dauernd laufende Fernseher oder was auch immer. Hier entsteht ein Rückzugsort, meist mit schalldichten Wänden und Bildern aus einer anderen Welt.

Sie sind in die Wohnungen hineingegangen, wie wurden Sie aufgenommen?
Von jenen, die mitgemacht haben sehr gut. Die haben auch viel erzählt. Ich habe aber auch sehr viele Absagen erhalten. Nicht wenige Leute schämen sich für ihre Wohnsituation.

Was war das eindrücklichste Erlebnis bei diesem Projekt?
Dass es schlussendlich eine Sache der Einstellung ist, wie man mit einer von aussen gesehen widerlichen Bedingung umgeht. Das hat mich sehr fasziniert an meinen Besuchen. Kaum jemand hat resigniert, die Leute entwickeln für sich eine eigene Lebensphilosophie. Es ist letztlich ein Frage des Fokus.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.12.2009, 15:10 Uhr

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17 Kommentare

Gilbert Projer

21.12.2009, 15:09 Uhr
Melden

Chapeau Herr Grüter! Gelungene Arbeit (was ich bis jetzt hier auf der tagi- HP sah), einfaches und klares Konzept mit nachhaltiger Wirkung auf seh- und sichtweise! Antworten


Tom Müller

21.12.2009, 15:29 Uhr
Melden

Bild Nr. 8: Meine Mutter wohnt im Hochhaus im Hintergrund. Die Autobahn stört kaum, da es sich um ein konstantes Rauschen handelt. Viel schlimmer sind die quitschenden Züge, die alle paar Minuten vorbeifahren. Aber Autobahnen kann man halt viel besser als 'böse Lärmverursacher' verkaufen. Antworten




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