Unterwegs mit Kamera und Ausdauer

Seine Bilder des Dalai Lama machten ihn berühmt. Ins Herz trifft der Winterthurer Fotograf Manuel Bauer aber mit der Flucht eines kleinen Mädchens aus Tibet.

Die sechsjährige Yangdol: 1995 mit ihrem Vater auf der Flucht nach Indien.

Die sechsjährige Yangdol: 1995 mit ihrem Vater auf der Flucht nach Indien. Bild: Manuel Bauer

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Zwei winzige Figuren kämpfen sich durch die Einsamkeit gigantischer Berglandschaft. Die kleinere, ein Mädchen, ist eingepackt in zahlreiche Schichten zerschlissener Kleider. Aus dem sonnengegerbten Kindergesicht lugen dunkle, grosse Augen – Blicke, die ans Herz gehen. Die sechsjährige Yangdol aus dem tibetischen Hochland hat für immer Abschied von der Mutter genommen, um an der Hand ihres Vaters Kelsang nach Indien zu flüchten. Die Eltern wollen wie Tausende Tibeter vor ihnen dem Kind eine Zukunft in Freiheit ermöglichen, fern von den Repressalien der chinesischen Invasoren.

1995 begleitete der Winterthurer Fotograf Manuel Bauer im Auftrag der Kulturzeitschrift «du» während 22 Tagen Kelsang und Yangdol auf ihrem beschwerlichen Weg von Lhasa über Nepal nach Dharamsala, dem Sitz des 1959 ebenfalls ins nordindische Exil geflüchteten Dalai Lama.

«Hinlegen und sterben wäre einfacher gewesen in gewissen Momenten», erzählt Bauer. Durst, Erschöpfung, Höhenkrankheit, Erfrierungen, das Übernachten im Freien waren die schlimmsten Hindernisse. Hinzu kam die ständige Gefahr, von chinesischen Grenzsoldaten niedergeschossen zu werden. «Mir lag alles daran, dass die beiden ihr Ziel erreichten», erinnert sich Bauer. Yangdol ist heute 21 Jahre alt und arbeitet als Hausangestellte in Bangalore. Ihre Familie hat sie nie wieder gesehen.

Ohne Sensationslust

Die Bilder dieses unvorstellbaren Kraftaktes, des Fussmarsches über den 5716 Meter hohen Nangpa-Pass zwischen Tibet und Nepal, erinnern nun auch in Buchform an die Flucht. Und es mutet fast surreal an, dass man 15 Jahre später in der heilen Welt eines Fotoateliers dem Menschen gegenübersitzt, der Leib und Leben riskierte, um mit der Flucht eines Mädchens einem ganzen Volk eine Stimme zu geben.

Obwohl er Sensationelles vollbrachte, ist Manuel Bauer alles andere als einer, der den Sensationen hinterherrennt. Der 1966 in Küsnacht geborene und aufgewachsene Sohn eines Grafikers arbeitete nach der Lehre als Fotograf in der Werbebranche. Schnelles Geld und Kommerz waren aber bald nicht mehr seine Sache. Bauer wollte Sinnstiftendes, Nachhaltiges schaffen. «Es mag naiv klingen, aber ich glaube an das Gute, und ich möchte meinen Beitrag zu einer besseren Welt leisten», sagt er. Bauer pflegt den «Concerned Photojournalism», den engagierten Fotojournalismus, weil dieser seiner inneren Überzeugung entspricht.

Eine lange Freundschaft

Dass die Idee von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden ausgerechnet der oberste spirituelle Führer Tibets, der 14. Dalai Lama Tenzin Gyatsho, verkörpert, mochte Zufall sein. Bauer reiste 1990 mit einem befreundeten Journalisten nach Indien, um eine Geschichte über die tibetische Kultur in der Diaspora zu realisieren. Die darauf folgende Fotoausstellung an der Uni Zürich, die der Dalai Lama eröffnen sollte und die wegen einer Bombendrohung abgebrochen werden musste, stand am Anfang einer langen, bis heute andauernden Freundschaft.

In drei Jahren begleitete und fotografierte Bauer mit finanzieller Unterstützung der Winterthurer Volkart-Stiftung auf unzähligen Reisen den ebenso unermüdlich für ein freies Tibet kämpfenden geistigen Führer. Aus einer Auswahl von 75'000 Aufnahmen resultierte schliesslich ein kleines verlegerisches Kunststück: «Unterwegs für den Frieden» ist ein sensibles Zeitdokument, das den weltweit verehrten Friedensnobelpreisträger als Würdenträger darstellt – aber auch als gewöhnlichen Menschen, der isst, meditiert, weint und scherzt.

Interkultureller Brückenbauer

«Ich lernte den Dalai Lama als eine wahrhaftige Persönlichkeit kennen, die Mitgefühl als höchste Stufe buddhistischer Erkenntnis nicht nur unterweist, sondern auch lebt – nicht als Guru.» Dass die Nähe zu Seiner Heiligkeit ihn, den Fotografen, deswegen zum Buddhisten hätte mutieren lassen, stand nie zur Diskussion. Der Winterthurer schmunzelt. «Ich sehe mich als Brückenbauer zwischen den Kulturen. Das bringt mehr, als im Schneidersitz in einem Kloster zu sitzen.»

Das Dalai-Lama-Buch, das den zweifachen Familienvater und seine Mitstreiter fast an den Rand des finanziellen Ruins brachte, zeigt, wie kompromisslos Bauer für eine bessere Welt einsteht. Dass ihm trotz allem der Humor nicht abhandengekommen ist, signalisiert auf dem Fensterbrett des Ateliers ein trompetengoldener Frosch im Lotussitz. Er erinnert daran, dass das Leben ernst, aber nicht tierisch ernst zu nehmen ist.

Montag, 10. 1., 20 Uhr, Maag Music Hall: Gespräch mit Manuel Bauer im Rahmen der Photo 10. Mit Res Strehle, Co-Chefredaktor «Tages-Anzeiger», und Andreas Wilhelm, Bildchef «Tages-Anzeiger». Der TA ist Medienpartner der Photo 10.

Manuel Bauer: Flucht aus Tibet, Limmat- Verlag, Zürich 2009. 200 S., ca. 60 Fr. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.01.2011, 06:23 Uhr)

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In den Händen des spirituellen Führers: Yangdol mit dem Dalai Lama. (Bild: Manuel Bauer)

Manuel Bauer (44): Der Winterthurer Fotograf hat den
Dalai Lama seit 1990 wiederholt begleitet und abgelichtet.

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