Kultur

«Urinieren Sie grundsätzlich ins Waschbecken»

Erwin Wurm wurde 2007 in Deutschland zum Künstler des Jahres gewählt. Nun hat die Wochenzeitung «Die Zeit» ihn eingeladen, das Feuilleton zu gestalten – mit haarsträubendem Resultat.

1/8 zeit.jpg
Ein Vorschlag: Von Erwin Wurm gestaltetes Feuilleton der «Zeit». Der österreichische Künstler ist sonst für seine Installationen bekannt. Im Folgenden eine Auswahl:

   

Links

Das Format deutscher Zeitungen ist grundsätzlich gross. Für die heutige Ausgabe der «Zeit», bzw. deren Kulturbund, gilt das besonders. Er wurde ganz nach den Vorstellungen des 54-jährigen Wiener Künstlers Erwin Wurm gestaltet. Herausgekommen ist eine «soziale Skulptur», wie die Zeitung schreibt, eine «künstlerische Intervention, die der Bildhauer erarbeitet hat». Und die sieht so aus: Auf zartrosa Zeitungspapier sind 44 brandschwarze Vorschläge abgedruckt. Vorschläge wozu, fragt sich der Leser und merkt bald: zur Provokation.

Kein Vorspiel

«Grundsätzlich kein Vorspiel» lautet etwa der erste, noch einigermassen harmlos. Doch dann wird es fies: «Orientierungslosen Heranwachsenden suggerieren, dass nach Branding und Piercing Amputating der nächste heisse Scheiss sei», schlägt Wurm zum Beispiel vor. Oder: «Sagen Sie einem Kollegen in vertraulich-liebenswürdigem Ton, dass Ihnen seine Frau erzählt habe, dass er keinen mehr hochbekomme – und ob sie irgendwie helfen könnten. Und dass es besser sei, sie würden da einspringen, als dass seine Frau fremdginge». Oder: «In der Schlange an der Supermarktkasse vordrängeln und rufen: «Lassen sie mich durch, meine Familie war in Auschwitz».

Und so geht es weiter. Statt schöngeistiger Abhandlungen widmet sich der Kulturteil ganz dem gelebten Zynismus. Man bleibt ein bisschen ratlos. Amüsiert, ja, entsetzt, ebenfalls, aber vor allem bleibt der Gedanke hängen, dass Ironie so irgendwie nicht funktioniert. Am Ende jedoch steht die Frage: Wie ist das gemeint? «Die provokanten Vorschläge brechen bewusst Tabus und sprechen aus, was mancher nicht einmal zu denken wagt. Sie treiben politische Ideen satirisch auf die Spitze und machen dadurch deutlich, wie krude solche Ideen schon in ihrer vermeintlich normalen, alltäglichen Form sind», interpretiert die Zeit für uns. Da fragt man sich: Will der «Wahnwitzkünstler» (Die Zeit) den Kasper spielen für das Kulturpublikum? Will er die letzten Tabuthemen der Spassgesellschaft ausloten? Und sind sie wirklich tabu?

Rücksichtslos, zynisch, arrogant

Gedruckt sind die Vorschläge in unterschiedlichen Typografien, ohne die Werbung zu berücksichtigen, die einfach über die Vorschläge gelegt wird, sie zum Teil unleserlich und die Aussagen sogar noch stärker macht. Denn wie die Werbung sind auch die Vorschläge allesamt rücksichtslos, zynisch, ignorant.

Nur tabu sind sie nicht - ausser vielleicht beim Kulturpublikum. Daneben gibt es genügend gebildete und wohlhabende Menschen, die diese Vorschläge durchaus ernst nehmen könnten. Zum Beispiel: «Auf die Frage, warum sie einen Geländewagen fahren, antworten: Der Herr gibt den Gerechten». Das tönt wie ein Nachhall der Schweizer Offroader-Diskussion. Diese Klientel dürfte Wurms Satire denn auch mit Achselzucken begegnen, obschon es ja gerade sie anginge. Ironie ist ein fragiles Gebilde, denn auf dem Papier ist nicht mehr entscheidbar, ob eine Aussage nicht doch ernst gemeint war. Vielleicht ging es Wurm ja gerade darum. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.11.2008, 14:31 Uhr

WRITE A COMMENT







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

28 Kommentare

Rico Rosenberger

01.12.2008, 08:36 Uhr
Melden

Das Wurms Kunst funktioniert wie er will zeigen die Kommentare hier, sie will aufruetteln und Diskusionen Anregen. Neu ist die Idee auf keinen fall, aber lustig mit anzusehen wie die Menge immerwieder auf solche Provokationen einsteigt und sich im eigenen unverstaendniss suhlt. Was fuer mich wiederum beweisst das solche Kunst in unserer Gesellschaft von noeten ist. Antworten


helmut rond

30.11.2008, 22:01 Uhr
Melden

diese maßnahme ist eine gute idee! Antworten


sal prost

30.11.2008, 15:59 Uhr
Melden

An Alex Macheswot...whatever Satire ist Kunst. Wenn all das, was Sie nicht verstehen, keine Kunst ist, dann hat der Wurm Recht. Ein linker (weder betroffen, noch Fanatiker). Antworten


Leo Huhler

30.11.2008, 12:25 Uhr
Melden

Nach unten ist die Welt offen. Niveau nach oben ist schwierig zu erreichen. Nach unten ist es einfacher und bringt offensichtlich Geld und Anerkennung. Das ganze spricht für unsere Zeit und die Medien. Antworten


Peter Schneider

29.11.2008, 11:42 Uhr
Melden

Wurm: Nomen est omen. Antworten


Thomas Allmendinger

29.11.2008, 10:32 Uhr
Melden

Besonders originell und neu ist es grade nicht, was dieser Wurm da macht. Einfach die Fortsetzung von dem, was anfangs des 20. Jahrhunderts begann - nicht zuletzt im Zusammenhang mit den Schrecken und Unverständlichkeiten des 1. Weltkriegs - und was man heute "klassische Moderne" nennt. Zum Ausdruck kommt dabei die Ratlosigkeit der Moderne und ihre Alternativ- und Hoffnungslosigkeit, einmal mehr. Antworten


Geertrud Bourgoyne

29.11.2008, 03:59 Uhr
Melden

KUNST? iCH GLAUBE NICHT! Antworten


Markus Roß

28.11.2008, 22:12 Uhr
Melden

"Nur tabu sind sie nicht - ausser vielleicht beim Kulturpublikum." Äh? Ich weiß´ ja nicht, in welchen Kreisen Herr Binswanger so verkehrt, aber ich würde schon sagen, daß die meisten Sprüche einen deutlichen Tabubruch darstellen. Erst Recht in öffentlichen Medien. Ich denke er wollte damit aufzeigen welche Tabus noch existieren und die Scheinheiligkeit des Medienbetriebes offenlegen. Antworten


Immanuel Felder

28.11.2008, 13:15 Uhr
Melden

Ist Kunst ein Vehikel? Der Zeitgeist will Signifikanz. Jünger der Finanzfortuna wollen sie mit Gütesiegel und Versicherungswert. MoralapostelInnen wollen die Glorifizierung ihrer Weltanschauung. Kunst ist doch Streit mit dem Leben und dem Betrachter - der Streit der alle Betroffenen belohnt. Antworten


Werner Hofmann

28.11.2008, 12:37 Uhr
Melden

Einfach super, wie hier linken Betroffenheitsfanatikern vor den Kopf gestossen wird! Und es funktioniert perfekt, wie diverse Reaktionen hier zeigen. Antworten


Boris Nork

28.11.2008, 11:53 Uhr
Melden

Mir gefällt, was Wurm macht. Dass es so ein Geschrei um ihn gibt und sich so viele Leute über seine Kunst aufregen, bestätigt nur sein Werk. Antworten


Dominik Osswald

27.11.2008, 22:45 Uhr
Melden

Wenn Wurm es schafft, sich mit Provokationen zu profilieren, dann ist er der Günstler schlechthin. Denn er nutzt die Gunst von dummen Parasiten des fiktiven intelektuellen Gesellschaftsgeist, in dessen Brühe Leute gross herauskommen, die nichts können. Antworten


Nico Wager

27.11.2008, 21:34 Uhr
Melden

Heute geht scheinbar alles als Kunst durch. Antworten


peter vale almeida

27.11.2008, 20:37 Uhr
Melden

ich uiniere grundsätzlich ins waschbecken. schon seit jahrzehnten. Antworten


K Stricker

27.11.2008, 20:27 Uhr
Melden

Ich finds super!!! endlich wagt mal einer was. Antworten


Peter Waldner

27.11.2008, 18:35 Uhr
Melden

Bei diesen Sprüchen ist jeder Stammtisch in jeder Kneipe ab sofort ein Ort der Kunst! Antworten


Joe Oed

27.11.2008, 18:10 Uhr
Melden

Ich finds einfach nur banal und langweilig... Antworten


Simian Kaiser

27.11.2008, 17:58 Uhr
Melden

Ja, Kunst soll zum Nachdenken anregen, und ja, Kunst soll anecken. Aber: Das kann man gut und schlecht machen. Und schlecht macht man es, wenn das unternehmen so offensichtlich plump ist wie in dieser ZEIT. In dieser Form löst man beim Leser nichts aus - ausser Ablehnung. Und so vergisst Wurm, was ebenfalls elementar ist für Kunst: Sie muss einen etwas angehen. Das tut dieses Feuilleton nicht. Antworten


Mike Soldano

27.11.2008, 17:56 Uhr
Melden

Ich finde weder die gezeigten Werke noch die Zitate aus der Zeit besonders amüsant oder provokant. Im Gegenteil, diese Beispiele sind plump, abgedroschen und schon x-fach gehört, Karnevalshumor halt. Ich denke, jeder durchschnittlich begabte Mensch käme schnell auf originellere Ideen. Ich auf jeden Fall schon, ich könnte das auch mit Beispielen beweisen, nur würde dann mein Beitrag hier gezappt. Antworten


Thomas Brigger

27.11.2008, 17:34 Uhr
Melden

konzeptkunst vom feinsten... wann steigt die schweizer presse auf den schnell davon brausenden wagen auf? Antworten


Pankraz Aeschlimann

27.11.2008, 17:33 Uhr
Melden

Ich sah noch weitere Sprüche in einem Video-Bändli auf der Zeit-Website. Ich finde die "Vorschläge", soweit ich sie gelesen habe, immer provokativ, gelegentlich richtig lustig, meist intelligent - und auf jeden Fall anregend. Das dürfte der Sinn der Übung gewesen sein. Jedenfalls nehme ich mehr mit auf meinen Weg, als wenn ich die Durchschnitts-Kulturseite einer Zeitung lese. Antworten


r zimmermann

27.11.2008, 17:27 Uhr
Melden

Alles hat seine Grenzen. Jemand, der nur mit Provokation auffallen kann und sonst nichts zu bieten hat ist für mich kein Künstler. Antworten


peter huber

27.11.2008, 17:23 Uhr
Melden

papier ist sehr geduldig - zum glück! Antworten


Markus Stutz

27.11.2008, 17:18 Uhr
Melden

Gerne hätt ich diese Zeitung, wirklich genial. Antworten


Aleksandr Machowytc

27.11.2008, 16:57 Uhr
Melden

Wer sowas als Kunst versteht, hat keinen Sinn im Leben. Mehr kann man dazu nicht sagen. Antworten


Susanne Wille

27.11.2008, 16:48 Uhr
Melden

Mir gefällt's – und das sage ich als jemand, der mit Kunst üblicherweise nichts oder nicht sonderlich viel anzufangen weiss. Antworten


k scheidegegr

27.11.2008, 14:51 Uhr
Melden

Ich finds einfach nur klasse. Antworten


Hermann Zgraggen

27.11.2008, 14:38 Uhr
Melden

Wurm hat das geschafft, was heute die Kunst oft nicht mehr bereit ist, zu leisten: Sie provoziert und legt sich gearde mit denen an, von denen der Kunstmarkt doch lebt. Die meisten Künstler sind heute doch nur eher Günstler, die von der Gunst der Reichen leben und selber möglichst reich werden wollen. Kunst soll aber hinterfragen und zum Nachdenken anregen und nicht gefallen und angenehm sein. Antworten



Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre

Lokale Suche

Marktplatz

Bestenlisten

Kino
Kinoeintritte Schweiz

26. Januar 2012- 01. Februar 2012

1.1Intouchables64'262
2.neuThe Descendants18'860
3.2The Girl With The Dragon Tattoo16'439
4.44Jack And Jill16'133
5.32Man On A Ledge13'482
Mehr
Musik
Schweizer Hitparade

19.Dezember 2011 - 25.Dezember 2011

1.221, Adele
2.1Lioness; Hidden Treasures, Amy Winehouse
3.6Christmas, Michael Bublé
4.3Imaginaerum, Nightwish
5.5Made In Germany 1995-2011, Rammstein
Mehr
Bücher
Bestseller

6.Februar 2012 - 12.Februar 2012

1.1Das Alphabethaus, Jussi Adler-Olsen
2.2Aleph, Paulo Coelho
3.3Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand, Jonas Jonasson
4.4Sündige Gier, Sandra Brown
5. WEVom Ende einer Geschichte, Julian Barnes
Mehr