«Urinieren Sie grundsätzlich ins Waschbecken»
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 27.11.2008 28 Kommentare
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Das Format deutscher Zeitungen ist grundsätzlich gross. Für die heutige Ausgabe der «Zeit», bzw. deren Kulturbund, gilt das besonders. Er wurde ganz nach den Vorstellungen des 54-jährigen Wiener Künstlers Erwin Wurm gestaltet. Herausgekommen ist eine «soziale Skulptur», wie die Zeitung schreibt, eine «künstlerische Intervention, die der Bildhauer erarbeitet hat». Und die sieht so aus: Auf zartrosa Zeitungspapier sind 44 brandschwarze Vorschläge abgedruckt. Vorschläge wozu, fragt sich der Leser und merkt bald: zur Provokation.
Kein Vorspiel
«Grundsätzlich kein Vorspiel» lautet etwa der erste, noch einigermassen harmlos. Doch dann wird es fies: «Orientierungslosen Heranwachsenden suggerieren, dass nach Branding und Piercing Amputating der nächste heisse Scheiss sei», schlägt Wurm zum Beispiel vor. Oder: «Sagen Sie einem Kollegen in vertraulich-liebenswürdigem Ton, dass Ihnen seine Frau erzählt habe, dass er keinen mehr hochbekomme – und ob sie irgendwie helfen könnten. Und dass es besser sei, sie würden da einspringen, als dass seine Frau fremdginge». Oder: «In der Schlange an der Supermarktkasse vordrängeln und rufen: «Lassen sie mich durch, meine Familie war in Auschwitz».
Und so geht es weiter. Statt schöngeistiger Abhandlungen widmet sich der Kulturteil ganz dem gelebten Zynismus. Man bleibt ein bisschen ratlos. Amüsiert, ja, entsetzt, ebenfalls, aber vor allem bleibt der Gedanke hängen, dass Ironie so irgendwie nicht funktioniert. Am Ende jedoch steht die Frage: Wie ist das gemeint? «Die provokanten Vorschläge brechen bewusst Tabus und sprechen aus, was mancher nicht einmal zu denken wagt. Sie treiben politische Ideen satirisch auf die Spitze und machen dadurch deutlich, wie krude solche Ideen schon in ihrer vermeintlich normalen, alltäglichen Form sind», interpretiert die Zeit für uns. Da fragt man sich: Will der «Wahnwitzkünstler» (Die Zeit) den Kasper spielen für das Kulturpublikum? Will er die letzten Tabuthemen der Spassgesellschaft ausloten? Und sind sie wirklich tabu?
Rücksichtslos, zynisch, arrogant
Gedruckt sind die Vorschläge in unterschiedlichen Typografien, ohne die Werbung zu berücksichtigen, die einfach über die Vorschläge gelegt wird, sie zum Teil unleserlich und die Aussagen sogar noch stärker macht. Denn wie die Werbung sind auch die Vorschläge allesamt rücksichtslos, zynisch, ignorant.
Nur tabu sind sie nicht - ausser vielleicht beim Kulturpublikum. Daneben gibt es genügend gebildete und wohlhabende Menschen, die diese Vorschläge durchaus ernst nehmen könnten. Zum Beispiel: «Auf die Frage, warum sie einen Geländewagen fahren, antworten: Der Herr gibt den Gerechten». Das tönt wie ein Nachhall der Schweizer Offroader-Diskussion. Diese Klientel dürfte Wurms Satire denn auch mit Achselzucken begegnen, obschon es ja gerade sie anginge. Ironie ist ein fragiles Gebilde, denn auf dem Papier ist nicht mehr entscheidbar, ob eine Aussage nicht doch ernst gemeint war. Vielleicht ging es Wurm ja gerade darum. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.11.2008, 14:31 Uhr
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28 Kommentare
Besonders originell und neu ist es grade nicht, was dieser Wurm da macht. Einfach die Fortsetzung von dem, was anfangs des 20. Jahrhunderts begann - nicht zuletzt im Zusammenhang mit den Schrecken und Unverständlichkeiten des 1. Weltkriegs - und was man heute "klassische Moderne" nennt. Zum Ausdruck kommt dabei die Ratlosigkeit der Moderne und ihre Alternativ- und Hoffnungslosigkeit, einmal mehr. Antworten
"Nur tabu sind sie nicht - ausser vielleicht beim Kulturpublikum." Äh? Ich weiß´ ja nicht, in welchen Kreisen Herr Binswanger so verkehrt, aber ich würde schon sagen, daß die meisten Sprüche einen deutlichen Tabubruch darstellen. Erst Recht in öffentlichen Medien. Ich denke er wollte damit aufzeigen welche Tabus noch existieren und die Scheinheiligkeit des Medienbetriebes offenlegen. Antworten
Ist Kunst ein Vehikel? Der Zeitgeist will Signifikanz. Jünger der Finanzfortuna wollen sie mit Gütesiegel und Versicherungswert. MoralapostelInnen wollen die Glorifizierung ihrer Weltanschauung. Kunst ist doch Streit mit dem Leben und dem Betrachter - der Streit der alle Betroffenen belohnt. Antworten
Wenn Wurm es schafft, sich mit Provokationen zu profilieren, dann ist er der Günstler schlechthin. Denn er nutzt die Gunst von dummen Parasiten des fiktiven intelektuellen Gesellschaftsgeist, in dessen Brühe Leute gross herauskommen, die nichts können. Antworten
Ja, Kunst soll zum Nachdenken anregen, und ja, Kunst soll anecken. Aber: Das kann man gut und schlecht machen. Und schlecht macht man es, wenn das unternehmen so offensichtlich plump ist wie in dieser ZEIT. In dieser Form löst man beim Leser nichts aus - ausser Ablehnung. Und so vergisst Wurm, was ebenfalls elementar ist für Kunst: Sie muss einen etwas angehen. Das tut dieses Feuilleton nicht. Antworten
Ich finde weder die gezeigten Werke noch die Zitate aus der Zeit besonders amüsant oder provokant. Im Gegenteil, diese Beispiele sind plump, abgedroschen und schon x-fach gehört, Karnevalshumor halt. Ich denke, jeder durchschnittlich begabte Mensch käme schnell auf originellere Ideen. Ich auf jeden Fall schon, ich könnte das auch mit Beispielen beweisen, nur würde dann mein Beitrag hier gezappt. Antworten
Ich sah noch weitere Sprüche in einem Video-Bändli auf der Zeit-Website. Ich finde die "Vorschläge", soweit ich sie gelesen habe, immer provokativ, gelegentlich richtig lustig, meist intelligent - und auf jeden Fall anregend. Das dürfte der Sinn der Übung gewesen sein. Jedenfalls nehme ich mehr mit auf meinen Weg, als wenn ich die Durchschnitts-Kulturseite einer Zeitung lese. Antworten
Wurm hat das geschafft, was heute die Kunst oft nicht mehr bereit ist, zu leisten: Sie provoziert und legt sich gearde mit denen an, von denen der Kunstmarkt doch lebt. Die meisten Künstler sind heute doch nur eher Günstler, die von der Gunst der Reichen leben und selber möglichst reich werden wollen. Kunst soll aber hinterfragen und zum Nachdenken anregen und nicht gefallen und angenehm sein. Antworten
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Rico Rosenberger
Das Wurms Kunst funktioniert wie er will zeigen die Kommentare hier, sie will aufruetteln und Diskusionen Anregen. Neu ist die Idee auf keinen fall, aber lustig mit anzusehen wie die Menge immerwieder auf solche Provokationen einsteigt und sich im eigenen unverstaendniss suhlt. Was fuer mich wiederum beweisst das solche Kunst in unserer Gesellschaft von noeten ist. Antworten