«Urinieren Sie grundsätzlich ins Waschbecken»

Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 27.11.2008 28 Kommentare

Erwin Wurm wurde 2007 in Deutschland zum Künstler des Jahres gewählt. Nun hat die Wochenzeitung «Die Zeit» ihn eingeladen, das Feuilleton zu gestalten – mit haarsträubendem Resultat.

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Ein Vorschlag: Von Erwin Wurm gestaltetes Feuilleton der «Zeit». Der österreichische Künstler ist sonst für seine Installationen bekannt. Im Folgenden eine Auswahl:

   

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Das Format deutscher Zeitungen ist grundsätzlich gross. Für die heutige Ausgabe der «Zeit», bzw. deren Kulturbund, gilt das besonders. Er wurde ganz nach den Vorstellungen des 54-jährigen Wiener Künstlers Erwin Wurm gestaltet. Herausgekommen ist eine «soziale Skulptur», wie die Zeitung schreibt, eine «künstlerische Intervention, die der Bildhauer erarbeitet hat». Und die sieht so aus: Auf zartrosa Zeitungspapier sind 44 brandschwarze Vorschläge abgedruckt. Vorschläge wozu, fragt sich der Leser und merkt bald: zur Provokation.

Kein Vorspiel

«Grundsätzlich kein Vorspiel» lautet etwa der erste, noch einigermassen harmlos. Doch dann wird es fies: «Orientierungslosen Heranwachsenden suggerieren, dass nach Branding und Piercing Amputating der nächste heisse Scheiss sei», schlägt Wurm zum Beispiel vor. Oder: «Sagen Sie einem Kollegen in vertraulich-liebenswürdigem Ton, dass Ihnen seine Frau erzählt habe, dass er keinen mehr hochbekomme – und ob sie irgendwie helfen könnten. Und dass es besser sei, sie würden da einspringen, als dass seine Frau fremdginge». Oder: «In der Schlange an der Supermarktkasse vordrängeln und rufen: «Lassen sie mich durch, meine Familie war in Auschwitz».

Und so geht es weiter. Statt schöngeistiger Abhandlungen widmet sich der Kulturteil ganz dem gelebten Zynismus. Man bleibt ein bisschen ratlos. Amüsiert, ja, entsetzt, ebenfalls, aber vor allem bleibt der Gedanke hängen, dass Ironie so irgendwie nicht funktioniert. Am Ende jedoch steht die Frage: Wie ist das gemeint? «Die provokanten Vorschläge brechen bewusst Tabus und sprechen aus, was mancher nicht einmal zu denken wagt. Sie treiben politische Ideen satirisch auf die Spitze und machen dadurch deutlich, wie krude solche Ideen schon in ihrer vermeintlich normalen, alltäglichen Form sind», interpretiert die Zeit für uns. Da fragt man sich: Will der «Wahnwitzkünstler» (Die Zeit) den Kasper spielen für das Kulturpublikum? Will er die letzten Tabuthemen der Spassgesellschaft ausloten? Und sind sie wirklich tabu?

Rücksichtslos, zynisch, arrogant

Gedruckt sind die Vorschläge in unterschiedlichen Typografien, ohne die Werbung zu berücksichtigen, die einfach über die Vorschläge gelegt wird, sie zum Teil unleserlich und die Aussagen sogar noch stärker macht. Denn wie die Werbung sind auch die Vorschläge allesamt rücksichtslos, zynisch, ignorant.

Nur tabu sind sie nicht - ausser vielleicht beim Kulturpublikum. Daneben gibt es genügend gebildete und wohlhabende Menschen, die diese Vorschläge durchaus ernst nehmen könnten. Zum Beispiel: «Auf die Frage, warum sie einen Geländewagen fahren, antworten: Der Herr gibt den Gerechten». Das tönt wie ein Nachhall der Schweizer Offroader-Diskussion. Diese Klientel dürfte Wurms Satire denn auch mit Achselzucken begegnen, obschon es ja gerade sie anginge. Ironie ist ein fragiles Gebilde, denn auf dem Papier ist nicht mehr entscheidbar, ob eine Aussage nicht doch ernst gemeint war. Vielleicht ging es Wurm ja gerade darum. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.11.2008, 14:31 Uhr

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28 Kommentare

r zimmermann

27.11.2008, 17:27 Uhr
Melden

Alles hat seine Grenzen. Jemand, der nur mit Provokation auffallen kann und sonst nichts zu bieten hat ist für mich kein Künstler. Antworten


Aleksandr Machowytc

27.11.2008, 16:57 Uhr
Melden

Wer sowas als Kunst versteht, hat keinen Sinn im Leben. Mehr kann man dazu nicht sagen. Antworten



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