Wenn das Starre flüssig und das Monumentale poetisch wird

Der amerikanische Konzept- und Landart-Künstler Walter De Maria ist in New York im Alter von 77 Jahren gestorben. Berühmt wurde er vor allem mit seinem «Ligthning Field» in der Wüste von New Mexico.

War 1992 auch im Zürcher Kunsthaus: De Marias Installation «The 2000 Sculpture» im Los Angeles County Museum of Art, 2012/13.

War 1992 auch im Zürcher Kunsthaus: De Marias Installation «The 2000 Sculpture» im Los Angeles County Museum of Art, 2012/13. Bild: Candyandcaviar.com

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400 polierte, 7 Meter hohe Stahlstäbe ragen in der menschenleeren Landschaft von New Mexico in den Himmel. Die Anordnung folgt der genauen Geometrie eines Viereckrasters, der Abständ zwischen den Stäben beträgt 67 Meter, das Feld misst einen Kilometer auf eine Meile. Das ist das «Ligthning Field», das Feld der Blitze. Denn wenn sich dort ein Gewitter entlädt, beginnt ein gewaltiges Naturschauspiel – und wenn die Sonne scheint, blitzt der Stahl je nach Tageszeit oder Witterung anders auf. Im 18. oder 19. Jahrhundert hätte man da wohl vom Erhabenen gesprochen, vom Einbruch einer anderen, die Vorstellung überschreitenden Wirklichkeit.

De Maria schuf das Feld der Blitze in den Jahren 1974 bis 1977. Bereits 1960 hatte der 1935 in Kalifornien geborene Künstler geschrieben, dass die Natur und die Naturkatastrophen vielleicht die höchste Form der Kunst seien. Dabei wäre es falsch, De Maria strikte der Landart, der Konzeptkunst oder minimalistischen Strömungen zuzuordnen; Elemente dieser Positionen sind zwar vorhanden und rücken den Künstler in die Nähe von Richard Long, Richard Serra oder James Turrell. Insofern gehört De Maria zu jener Generation, die den Auf- und Umbruch in den 1960er-Jahren wesentlich prägte. Nicht zufällig war er auch in der Attitüden-Ausstellung präsent, die 1969 in der Kunsthalle Bern stattfand und die nun in der Fondazione Prada in Venedig rekonstruiert wurde (der TA berichtete).

«Das Unsichtbare ist wirklich»

Die Kunst De Marias besteht vor allem darin, Ordnungen zu schaffen, in denen das Wechselnde, auch das Unberechenbare erst in Erscheinung tritt: «Das Unsichtbare ist wirklich», notierte der Künstler einmal, der sich auf John Cage bezog und zusammen in der Bands The Primitives als Drummer mit Lou Reed musikalische Experimente machte. So etwa auch mit seiner «Ocean Music» von 1968, Aufnahmen der regelmässig, immer jedoch ein wenig anders rollenden Meereswellen.

Dass das Unsichtbare wirklich sei, das demonstrierte De Maria 1977 an der Documenta mit seinem «Vertical Earth Kilometer»: Eine Metallstange von einem Kilometer Länge und fünf Zentimetern Durchmesser wurde in den Boden versenkt, nur der Anfang ist in dieser permanenten, minimalistischen Land-Art-Intervention sichtbar. Dem korrespondiert das Werk «The Broken Kilometer» von 1979, bestehend aus 500 zwei Meter langen Stahlstäben, nach genauen konzeptionellen Plänen ausgelegt in einem grossen Raum, im Licht changierend und so äussert lebendig, trotz der Starrheit. Diese Erfahrung lässt sich an der diesjährigen Biennale von Venedig im Arsenale auf andere Weise wieder erleben.

Dort wird De Marias Installation «Apollo’s Ecstasy» aus dem Jahr 1990 wieder gezeigt. Dabei handelt es sich um 20 Bronzestangen, die in regelmässigen Abständen in einer Reihe diagonal in den Raum gelegt sind. Der Titel verweist auf die raffinierte und höchst spannungsvolle Dialektik, die De Marias Werk durchzieht: Apollo steht für das Prinzip von Schönheit und Ordnung, wenn Apollo jedoch wie sein Widerpart Dionysos in Ekstase gerät, dann kippt die Ordnung ins Phänomenale. Die geometrische Grundordnung nämlich wird zur Partitur, in der das wechselnde Licht zu spielen beginnt, in der bei der betrachtenden Bewegung wiederum das Starre gewissermassen flüssig wird – und Dasselbe nie Dasselbe ist.

Einer Art von Prisma

Dasselbe gilt auch für das monumentale Werk «The 2000 Sculpture», die De Maria 1990 und dann wieder zur Jahrtausendewende im Kunsthaus Zürich zeigte und die aktuell im neuen Renzo-Piano-Bau des LACMA Los Angeles ausgestellt ist. Hier ist ein Feld von 10 auf 50 Meter regelmässig in einem Fischgrätmuster mit 2000 Gipselementen ausgelegt. Jedes misst 50 auf 12 Zentimeter, 800 davon sind jedoch im Profil fünf-, 800 sind sieben- und 400 neunseitig. Das klingt beinahe nach Zahlenmystik, ist jedoch durch und durch eine konzeptionelle Ordnung, die darauf zielt, dass die verschiedenen Oberflächen geradezu zu einer Art von Prisma werden, in denen sich das Licht verschieden bricht – und sich eine schier unendliche Farbpalette von Weisstönen ergibt.

So wird das Monumentale poetisch oder, um das mit der deutschen Kunstkritikerin Petra Kipphof prosaischer zu formulieren: Es ist ein «kalkuliertes Wunder». Mit Zürich ist De Maria im Übrigen noch durch ein weiteres Ereignis verbunden: 2001 wurde ihm als erstem Preisträger überhaupt der Roswitha Haftmann-Preis verliehen, der als der höchstdotierte Kunstpreis Europas gilt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 26.07.2013, 15:34 Uhr)

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Trügerische Ordnung: Walter De Maria vor seiner Installation «The Broken Kilometer» 1979 in New York. (Bild: Culturacolectiva.com)

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