Kultur

«Wenn ich mit dem Malen aufhöre, höre ich auf zu leben»

Von Interview: Guido Kalberer. Aktualisiert am 20.02.2009 5 Kommentare

Heute Samstag wird Hans Erni 100 Jahre alt. Die Anerkennung, die er mittlerweile geniesst, lässt ihn die Zeit, in der er verpönt war, nicht vergessen.

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Hans Erni bei der Ausstellungseröffnung im Kunstmuseum Luzern.
Bild: Keystone

   

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Hans Erni im Museum

In Martigny geht am 28. Februar in der Fondation Pierre Gianadda eine umfangreiche Erni-Ausstellung zu Ende (www.gianadda.ch).
Neu ist im Hans-Erni-Museum auf dem Luzerner Verkehrshaus-Gelände die Ausstellung «Begegnungen» mit Ernis Porträts von berühmten Persönlichkeiten und Weggefährten zu sehen (www.hans-erni.ch).
Und schliesslich zeigt das Kunstmuseum Luzern vom 24. Mai bis zum 4. Oktober die grosse Erni-Retrospektive zum 100. Geburtstag, mit besonderem Fokus auf das Frühwerk (www.kunstmuseumluzern.ch).

Herr Erni, wie wird man so alt? Haben Sie etwas Spezielles unternommen?
Nur wenn man jeden Tag etwas Spezielles unternimmt, lebt man. Wenn man das Gewöhnliche weiterlebt, so wie man es immer getan hat, dann lebt man doch gar nicht mehr. Ohne stete Veränderung gibt es kein Leben. Wenn ich mit dem Malen aufhöre, höre ich auf zu leben.

Kunst bedeutet für Sie Leben.
Ja, Kunst ist mein Ausdrucksmittel. Ich weiss nicht, was ich machen würde, wenn ich nicht malen und zeichnen könnte. Früher, als ich noch intensiv Sport betrieben habe, war es anders. Die Luzerner Landhockey-Mannschaft, bei der ich mitspielte, wurde zum Beispiel zweimal Schweizer Meister. Und ein exzellenter Skifahrer war ich auch.

Hat Sie das Alter milder oder radikaler gemacht?
Weder Milde noch Radikalität können meinen Charakter beschreiben. Diese Begriffe spielen bei mir keine Rolle. Alles, was Sie anpacken, steht Ihnen entweder gegnerisch oder sympathisch gegenüber, und beide Positionen sind es vielleicht wert, untersucht zu werden. So kann aus der Opposition eine Lösung resultieren, die Sie innerlich erfüllt. Es geht dabei stets darum, etwas in einem positiven Sinne aufzubauen – etwas, das nicht zum Krieg führt. Der Weg dahin ist das Gespräch, die offene useinandersetzung mit anderen. Diese friedliche Weiterentwicklung führt über These und Antithese zur Synthese.

Eine von Ihnen kuratierte Ausstellung trug den Titel «These, Antithese, Synthese».
Ja, das war in den frühen 30er-Jahren in Luzern, bei einer Ausstellung, an der auch Picasso, den ich aus meiner Pariser Zeit gut kannte, mitgemacht hat. Auch Braque war dabei. Eine grossartige Aufgabe!

Wieso verbinden Sie mit Ihrer Kunst stets eine Botschaft?
Weil ich L’art pour L’art sinnlos finde. Die Kunst hat eine Beziehung zum Menschen wie jede andere Arbeit auch. Meine Arbeit ist eng verbunden mit zahlreichen politischen Manifesten und Plakaten, die sich die Würde des Menschen und den Respekt vor der Natur auf die Fahnen geschrieben haben. Auch auf meinen Bildern kommt diese Botschaft zum Ausdruck.

Soll Kunst friedensstiftend sein?
In meinem Fall ja. Mein Leben begann mit dem Ersten Weltkrieg, und seitdem ist ununterbrochen Krieg irgendwo auf der Welt. Dabei geht es immer um den Kampf der Habenden gegen die Nichthabenden. Das ist grausam.

Sind Sie deshalb Marxist geworden?
Ich war nie Kommunist in einer Partei. Die Statuten einer solchen Vereinigung sind, kaum verfasst, bereits veraltet – alles Lebendige erfüllt sich nur in der steten Überwindung des Bestehenden. Das ist das Prinzip der Veränderung. Insofern hat mich der Marxismus immer interessiert – als ein Ausfluss und eine logische Folge der christlich-jüdischen Ideen.

Sind Sie Patriot?
Ja. Das, was wir mittragen aus der Zeit der Gründung der Eidgenossenschaft und grossartig wiedergegeben ist im «Wilhelm Tell» von Friedrich Schiller, das ist ein überzeugender, schöner Mythos. Diesen Mythos von der Konstruktion der Eidgenossenschaft sollten wir weiter pflegen. So können wir in einer globalisierten Welt standhalten. Dank dieses Mythos – und wir haben nur diesen einen! – haben wir es hierzulande zu einer einzigartigen Originalität gebracht. Welcher Schweizer Autor hätte diesen Mythos beschreiben können? Das ist schlicht ein Wunder.

Eine Art Heilige Schrift der Schweiz?
In gewisser Weise schon, aber Vorsicht: Man sollte eine solche Welt nicht heilig sprechen, sonst verweist sie aufs Jenseits. Mit dem Begriff Heiligkeit gehe ich sehr sparsam um. Das Paradies offenbart sich im Diesseits. Die Natur allein ist dafür der beste Beleg.

Mit Ihrer Kunst hatten Sie Erfolg...
...Moment. Ich wurde 15 bis 20 Jahre überhaupt nicht anerkannt in der Schweiz, auch von den höchsten politischen Stellen nicht. Man denunzierte mich als Linken und Kommunisten. In den 40er- und 50er- Jahren, als ich hierzulande nicht beachtet wurde, haben mich ausgerechnet Museen in den USA ausgestellt. In der Schweiz wurde ich regelrecht boykottiert.

Hat der spätere Ruhm Ihre Kreativität angespornt?
Erfolg hat man nicht, weil man Erfolg sucht.

Macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie Plakate machen oder Bilder malen?
Nein, ich mache keinen Unterschied zwischen Plakaten, Bildern oder Fresken. Alles wird gestaltet aus meinem Innersten heraus – und das unabhängig von der von mir oder anderen gestellten Aufgabe.

Die Beschäftigung mit antiken Motiven prägt Ihr Werk. Was bedeutet Ihnen die Antike?
Die Antike ist die Basis für unsere Menschwerdung. Wer sich nicht mit der griechischen Literatur auseinandersetzt, kann die Gegenwart nicht verstehen. Die Alten Griechen haben sich mit dem Menschen in all seinen Facetten auseinandergesetzt. Hätte George W. Bush die griechische Literatur oder einige ihrer Motive gekannt, dann hätte er den Irak nicht zertrümmern können. Denn nicht Hussein hat er zerstört, sondern ein ganzes Land.

Haben Sie keine Angst vor dem Tod?
Nein. Angst vor dem Tod haben doch nur Menschen, die sich nicht verwirklicht haben in ihrem Leben. Sie nehmen an, dass die Erfüllung in einem jenseitigen Paradies auf sie warte. Schauen Sie aus dem Fenster auf diese Wiese und diesen Wald – die Erfüllung finden Sie doch direkt vor Ihren Augen.

Kommt nichts mehr nach dem Tod. Ist alles schwarz danach?
Wenn Sie Ihr Leben rechtfertigen können in dem, was Sie gemacht haben, dann müssen Sie sich gar keine Gedanken über das Danach machen. Entscheidend ist das, was sie während Ihres Lebens verändert haben. Damit schaffen Sie etwas, was nach Ihrem Tod weiterlebt, und zwar hier auf dieser Erde. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2009, 22:03 Uhr

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5 Kommentare

peter spelt

21.02.2009, 11:55 Uhr
Melden

herzliche gratulation hans erni! warum können menschen wie hans erni nicht politiker werden? weil es ihnen vielleicht an machthunger oder eitelkeit mangelt? stellen wir uns mal eine minute lang die schweiz oder sogar die ganze welt vor, wenn ein mann wie hans erni regieren würde. ich weiss nicht wie es sein würde, aber schlechter als es heute ist, könnte es wohl kaum sein. kreative an die macht Antworten


peter kropp

21.02.2009, 09:38 Uhr
Melden

Alles Gute zu Ihrem 100 -jährigen Wiegenfeste ich wünsche Ihnen nur das beste.Hoffe das Sie noch lange so tolle Bilder malen können.Denn ich bin ein Fan dieser speziellen Kunst.Hatte auch schon das Vergnügen bei einem guten Freund in Allschwil ein Original zu bewundern. Nochmals alles Gute und einen ganz speziellen schönen Tag. Antworten




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