Wie modern sind islamisch geprägte Bildwelten?
Berlin, Martin-Gropius-Bau – Modern ist, was sich westlich gibt: ein gebrochener Blick oder eine aufgesprengte Perspektive, subjektives Erleben oder gegenstandslose Darstellung. Spätestens seit den Avantgarden ist es in den grossen okzidentalen Erzählungen ausnahmslos das Abendland, welches das Patentrecht an der Moderne hält. Dass indes auch eine islamisch geprägte Kultur einen Weg in ein zeitgerechtes Heute weiss, das ist in Anbetracht anwachsender Hysterie für viele unvorstellbar geworden. Genau dies aber versucht zurzeit eine Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau zu zeigen.
Unter dem arabischen Titel «Taswir» («Bild») entlarvt sie nicht nur das europäische Gerede vom sogenannten Orient als eine hausgemachte Chimäre, auch unser sicher geglaubter «Moderne»-Begriff wird noch einmal auf seine Richtigkeit hin abgeklopft. Für dieses Vorhaben haben die beiden Ausstellungskuratoren Hendrik Budde und Almuth Bruckstein Coruh einen luftigen wie sinnlichen, zuweilen aber auch recht gewagten Kunstparcours in Szene gesetzt.
Mehr als 50 Gegenwartskünstler
Über 18 Räume hinweg und gegliedert in drei Hauptfelder (Kalligrafie, Ornament und Miniatur) bringen sie klassische Exponate der islamischen Kunst in einen visuellen Dialog mit zeitgenössischen Positionen aus Malerei, Fotografie oder Installation. Da treffen etwa die Schriftzeichen eines nordafrikanischen Purpurkorans auf die kräftig roten Codes und Linien, welche Pablo Picasso einst über einen grossen Gedichtzyklus Pierre Reverdys gemalt hat; oder es trifft die Ornamentik eines ägyptischen Wasserkrugs des 11. Jahrhunderts auf ein zeitgenössisches Wandbild des Deutsch-Iraners Timo Nasseri.
Die Arbeiten von mehr als 50 Gegenwartskünstlern – von Walid Raad bis zu Rebecca Horn – werden hier in Stellung gebracht, um Altgewohntes neu sehen zu lernen. Das Resultat ist in der Tat erstaunlich: Vieles, was wir allzu schnell als Produkt eines modernen westlichen Denkens bezeichnen würden — von der Abstraktion bis zur Semiotik, von der Verfremdung bis zur Überschreibung –, liesse sich ähnlich auch aus islamischer Tradition herleiten. «Ungewohnte Berührungen» nennt Kuratorin Bruckstein Coruh das, was sie mit ihrer Ausstellung im Sinn hat. Nun sind Berührungen noch keine Umarmungen, keine Übereinkünfte und kein Händedruck. Vieles in dieser Ausstellung bleibt vage, vieles lässt sich nur durch Poesie auflösen. In einer Welt der zunehmenden Verhärtungen aber ist vielleicht gerade dies bitter nötig.
Taswir. Islamische Bildwelten und Moderne. Bis 18. Januar. Katalog 18 Euro. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.11.2009, 04:00 Uhr
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