«Wir lesen hier einen doppeldeutigen Code»

Die Frisur der neuen Miss Schweiz Dominique Rinderknecht gibt zu reden. Für Kulturwissenschaftler Ralf Junkerjürgen ist der Look ein cleveres Spiel mit einer feministischen Tradition.

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Herr Junkerjürgen, nach der Wahl rief die Mutter der neuen Miss Schweiz in die Kameras, dass die Kür einer Kurzhaarträgerin beweise, dass die Schweiz «nicht verkrustet und nicht konservativ» sei. Woher kommt diese Einschätzung?
Das kommt nicht überraschend. Rinderknechts Frisur ist tatsächlich Ausdruck einer progressiven Haltung, denn Kurzhaarfrisur und weibliche Selbstbestimmung gehören eng zusammen. Seit Aufkommen des Feminismus zu Ende des 19. Jahrhunderts symbolisiert die weibliche Kurzhaarfrisur die Opposition gegen ein traditionelles Rollenverständnis.

Wie zeigt sich dieser Konflikt?
In der christlichen Tradition – genauer gesagt im Korintherbrief – ist festgehalten, dass eine geschlechtspezifische Haartracht zu pflegen sei, dass lange Haare «für Männer eine Schande, für Frauen hingegen eine Ehre» seien. Frauen hatten schön zu sein, das Haar wurde so zum Inbegriff der Frauenschönheit. Es wurde nur abgeschnitten, um Frauen zu bestrafen oder zu stigmatisieren. Mit der Ausbildung der bürgerlichen Gesellschaft nach 1800 kam es dann zu einer besonders starken Rollenprägung, unter deren Einfluss wir letztlich heute noch stehen.

Und was taten die Feministinnen?
Sie stellten ihren Intellekt radikal über ihr Äusseres und entledigten sich deshalb – als erste Frauen der Geschichte – aus eigenem Antrieb der Haare. Simone de Beauvoir behauptete in «Le deuxième sexe», dass man «nicht als Frau geboren, sondern zur Frau gemacht wird»: Frauen mit langen Haaren erklärten sich daher mit den althergebrachten patriarchalen Strukturen einverstanden.

Entspricht Rinderknecht also dem beauvoirschen Typus der modernen, selbstbestimmten, kurzhaarigen Frau?
Ziemlich genau: Sie schnitt beim Wissenstest von allen Kandidaten am besten ab, studiert, will sich für soziale Anliegen einsetzen und tritt mit einem deutlich älteren Partner mit Migrationshintergrund auf: Das passt alles zusammen.

Reüssiert hat sie nun aber ausgerechnet im wichtigsten Schönheitswettbewerb des Landes – paradox.
Ja, wir lesen hier einen doppeldeutigen Code. Denn sie entspricht ja auch dem medialen Schönheitsideal der blonden Schauspielerin; Monroes Karriere begann ebenfalls erst, als sie sich die Haare blondierte. Es ist wohl diese teilweise, leichte Provokation, die Rinderknecht für ein grosses Publikum erst interessant macht. Sie entspricht dem Schönheitsideal und signalisiert zugleich Selbstbestimmung – eine spannende Mischung aus Anpassung und Abweichung.

Rindknechts Kurzhaartyp ist seit einigen Monaten gehäuft anzutreffen. Handelt es sich um eine Art domestizierter Punk?
Die Frisur war in den 1980ern bereits en vogue, nicht zufällig während der zweiten Welle des Feminismus. Sie kam dann aus der Mode und kann nun wieder innovativ verwendet werden. Heute ist die Frisur nicht mehr spezifisch ein Ausdruck des Feminismus, sondern von Modernität. Rinderknecht signalisiert, dass sie eine gleichberechtigte Gesellschaft vertritt, die Diversität zulässt, aber keinem radikalen Feminismus das Wort redet.

In Ihrer Arbeit beschäftigen Sie sich mit der filmischen Bedeutung von Körpern im Generellen und von Haaren im Speziellen. Welche cineastischen Kurzhaarfrisuren erscheinen Ihnen besonders interessant?
Im Mainstreamkino sind Kurzhaarfrisuren bei Schauspielerinnen eher selten. Auffällig ist, dass weibliche Kurzhaarfrisuren oder kahlgeschorene Frauen in Science-Fiction-Produktionen besonders häufig vorkommen. In diesen Filmen geht es ja nicht zufällig um utopische Gesellschaftsentwürfe. In den 1980ern gab es eine Welle von kurzhaarigen Darstellerinnen wie Sigourney Weaver, Brigitte Nielsen, Grace Jones oder später Demi Moore in «G.I. Jane», die allesamt an eher martialische Rollen gebunden waren und im Kontext weiblicher Unabhängigkeit zu verstehen sind.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 10.06.2013, 15:16 Uhr)

Ralf Junkerjürgen (*1969) ist Professor für Romanische Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Literarische Körperdarstellung und Unterhaltungsforschung.

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