Wort um Wort, Bild um Bild

Robert Crumb, der derbe Altmeister des Comic, hat die Genesis akribisch illustriert. Nicht als Wort Gottes, sondern als Lehrstück menschlicher Schwächen.

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Robert Crumb: Gefeierter Comic-Künstler

Der 66-jährige Illustrator startete seine Karriere 1967 in San Francisco und wurde rasch zu einem Aushängeschild der Flowerpowerbewegung. Unter anderem inspiriert von LSD, schuf er mit Comic-Figuren wie Fritz the Cat und Mr. Natural Ikonen des Anti-Establishments. Das Cover für Janis Joplins Album «Cheap Thrills» stammt aus seiner Feder. Crumb ist bekannt für seinen kruden, teilweise vulgären Stil. Sein späteres Werk enthält jedoch auch Comics über Franz Kafka oder aktuell die Illustration der Genesis. Crumb lebt seit Mitte der 90er-Jahre in Südfrankreich. (TA)

Als Lobpreisung des Schöpfers kann der Schutzumschlag zur Genesis – in der lange erwarteten Umsetzung durch Robert Crumb – nicht verstanden werden. Der Altmeister der US-Comic-Szene zeichnet den Gott des Alten Testamentes in der Gestalt seines Vaters, eines ehemaligen Drilloffiziers des Marinekorps, der seine Familie mit eiserner Härte dirigierte und dem jungen Robert so viel Schrecken einjagte, dass er bis heute Albträume hat. «Ich habe Gott nur einmal in meinen Traum gesehen, aber das reichte», erzählt der inzwischen 66-jährige, spindeldürre Künstler. «Er sah aus wie eine Mischung aus Charlton Heston, John Wayne und Mel Gibson. Wenn das nicht ein fürchterliches Vaterbild ist, das ich herumtrage.»

Ein weiter Weg seit Fritz the Cat

Deshalb kann auch nicht überraschen, dass alle Frauen aus dem ersten Buch der Bibel, von Eva über Rachel bis hin zu Sarah, als üppige, starke Reizfiguren daherkommen; so wie Crumb die Frauen eben schon immer dargestellt hat. «Ich habe mehrmals versucht, Frauen anders zu zeichnen, als schlanke oder als züchtige Mädchen. Aber ich schaffe es nicht. Meine Frauen müssen so aussehen, wie ich sie liebe.» Crumb lacht etwas verlegen und schiebt später eine Erklärung nach. «Ich und ein Genie? Dass ich nicht lache, «eine stark unausgewogene Persönlichkeit» beschreibt mich besser. Einige haben mich schon als Robert «Hardway» Crumb bezeichnet – das trifft es. Ich mache nie Umwege, ich will alles bis zum letzten Punkt kennen und zeichnen.»

Diese Obsession machte Crumb schon Mitte der 60er-Jahre zur Kultfigur des amerikanischen Untergrunds. Bereits als 17-Jähriger erfand er den lüsternen Fritz the Cat, eine Kunstgestalt, die zwei eigene Filme erhalten sollte. Trotzdem blieb Crumb lange Zeit ein Insider unter den Comic-Freaks und der Linken. Dies änderte sich erst 1994 mit einem ernsthaften Dokumentarfilm, in dem der Regisseur Terry Zwigoff den Wurzeln für Crumbs Kreativität nachging. 2000 wartete der Zeichner dann erstmals mit einem Werk auf, das über die Komiksparte hinauswies: Er bebilderte das Leben Franz Kafkas, worauf sich Vorträge, Ausstellungen und Offerten zu häufen begannen. Nebenbei verfertigte er einfühlsame Porträtbilder von Blues-, Jazz- und Folkmusikern der 20er- und 30er-Jahre, einer seiner Lieblings-Epochen der Geschichte.

Den Ausschlag gab das Geld

Die andere Epoche, die ihn seit je faszinierte, ist das alte Mesopotamien, die Geschichte der Sumerer und der Hebräer. Diese Besessenheit wiederum führte ihn zu seinem bislang anspruchsvollsten Projekt: der Bebilderung der Genesis. Die Aufgabe habe ihn seit langem gereizt, erklärte Crumb in San Francisco vor einem gespannt lauschenden Publikum im jüdischen Gemeindezentrum. «Ich weiss nicht, woher meine Faszination für jüdische Figuren rührt», sagt er, «ich bin ja katholisch aufgewachsen. Aber wissen Sie, früher wurde uns nichts über die Bibel gelehrt, wir mussten einfach den Katechismus auswendig lernen und die Zehn Gebote.» Das Publikum nickte.

Die Geschichte von Adam und Eva illustrierte Crumb bereits vor 40 Jahren, in erster Linie wegen der Nacktszenen. In den Skizzenbüchern finden sich Bilder einer sehr verführerischen Eva und eines ebenso angeregten Adam, die so explizit sind, dass sie Crumbs Ruf als notorischen Pornografen für immer festigten. «Das war ein Herumalbern, das mich aber letztlich nicht befriedigte.» Auf Ratschlag von Freunden befasste er sich in der Folge wissenschaftlich akribisch mit der Genesis und ihrer nach Mesopotamien zurückreichenden Erzähltradition. Den Ausschlag gab aber das Geld. Der Verlag W. W. Norton offerierte ihm einen Vorschuss von 250'000 Dollar, und Crumb glaubte, die Arbeit in höchstens anderthalb Jahren abgeschlossen zu haben.

Langes Studium der Entstehungsgeschichte

Daraus wurde nichts. Das Studium der biblischen Entstehungsgeschichte dauerte länger als erwartet. Der seit 18 Jahren im südfranzösischen Exil lebende Crumb hatte grosse Probleme, sich auf den mühseligen, tristen und ihm spirituell unzugänglichen Stoff zu konzentrieren. «Ich habe es meiner Frau Aline zu verdanken, dass ich durchgehalten habe. Sie schickte mich in die Berge ins Exil. Niemand wusste, wo ich war.» Trotzdem dauerte es über vier Jahre, bis er das erste Buch der Bibel auf über 200 Seiten illustriert hatte; und zwar – wie er betont – in der aufwendigen Art der manuellen Tintenfeder, die er schon im Untergrund von San Francisco eingesetzt hatte.

Beinahe penibel wortgetreu

Was Crumb vorlegt, ist eine beinahe penible, keineswegs überbordende Umsetzung der Genesis. Was er nicht liefern konnte und wollte, ist eine religiöse Interpretation der Schöpfungsgeschichte. «Die Genesis ist nur noch als Geschichtsbuch interessant, als ein Blick auf eine Zeit, die vom Stammesdenken, vom Patriarchat, von Sühne und Rache geprägt war.» Die wortgetreue Umsetzung der 50 Kapitel des ersten Buchs der Bibel war für ihn der einzige Weg, das Werk ernst zu nehmen. «Die Genesis gäbe an sich viel schmutzigen und lachhaften Stoff her, aber so einfach wollte ich es mir nicht machen.» Entgegen der Kritik einiger christlicher Fundamentalisten enthält Crumbs Buch, das nun bereits auch auf Deutsch erschienen ist, keine anstössigen Szenen – obwohl das Urwerk voller Vergewaltigungs- und Ehebruchszenen ist. Dafür stellt Crumb alle 58 Nachkommen von Israel mit Namen und Porträt vor; ein irrwitziges, aber gelungenes Unterfangen. Inspirieren liess er sich von alten Hollywood-Streifen und von Fotos aus der südlichen Sahara. Sodom und Gomorrha etwa sind einem Dorf in Mali nachempfunden.

Bereits liegen Anfragen für weitere Bibel-Illustrationen vor; und das Buch Deuteronomium würde ihn auch reizen. Aber: «Ich habe mich mit der Genesis genug zurückhalten müssen», lacht Crumb. «Vielleicht ist es wieder Zeit, mich dem Pornografischen zuzuwenden.»

Robert Crumb: Robert Crumbs Genesis. Carlsen, Hamburg 2009, 228 S., ca. 50 Franken. (Die amerikanische Originalausgabe ist bei W. W. Norton erschienen, ca. 25 Dollar.) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2009, 08:09 Uhr

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