Kultur

Wovor die Schweizer Frauenwelt geschützt werden musste

Plakate sollen Aufsehen erregen. Und das tun sie auch – für viele Leute oft zu sehr. Ein Buch widmet sich umstrittenen Schweizer Aushängen von 1883 bis heute. Wir zeigen eine Auswahl.

1/20 Das Polizeidepartement des Kantons Basel-Stadt verweigerte 1930 den Aushang des Ausstellungsplakats, da es die Schuljugend gefährde.

   

Das Buch

Rolf Thalmann: So nicht! Umstrittene Plakate in der Schweiz 1883 - 2009. Verlag hier + jetzt, 256 Seiten, 489 farbige und 39 schwarzweisse Abbildungen, ca. 58 Franken.

Erst kürzlich wurden in der Schweiz zwei Plakate verboten: In der Stadt Basel das Anti-Minarett-Plakat und in Zug eines, das die Existenz Gottes infrage stellte. Es sind die letzten beiden Beispiele, die im Buch von Rolf Thalmann, dem Leiter der Basler Plakatsammlung, aufgeführt sind.

Die Verletzung religiöser Gefühle ist ein häufiger Grund für Beanstandungen – aber längst nicht der häufigste. Die Werbeleute, die sich selbst am liebsten als «die Kreativen» bezeichnen, üben ihre Kreativität vor allem mit dem Entkleiden von Frauen aus. Erst in jüngster Zeit sind Beanstandungen wegen politischen Provokationen in der Überzahl. Dies hat einerseits mit der SVP zu tun, andererseits wohl auch damit, dass nicht mehr jeder nackte Busen für einen Aufschrei sorgt.

«Zum Schutze der Jugend und Frauenwelt»

In dem Buch lässt sich wunderbar schmökern, viele Plakate rufen Erinnerungen wach, sorgen für Schmunzeln oder Erstaunen. Gewisse ästhetische Debatten sind heute kaum mehr nachvollziehbar, zum Beispiel jene über die Plakate der Landesausstellungen, die fast immer von gewissen Leuten als nicht adäquat taxiert wurden.

Was einst «zum Schutze der Jugend und Frauenwelt» oder Ähnlichem verboten werden sollte, erscheint in der Rückschau meist harmlos. Aber nicht alles. Der Benetton-Werbung aus den 1990er-Jahren ist ein eigenes Kapitel gewidmet, der frisch geborene Säugling oder die Abbildung eines zu Tode verurteilten Mannes wühlen noch heute auf.

Wissenschaftlich akribisch werden im Buch lange Plakatverordnungen abgedruckt, im dokumentarischen Teil eine Unmenge von umstrittenen Plakaten aufgeführt und beschrieben. Diese Gründlichkeit geht leider zu Lasten der Bilder, viele der wunderbaren Plakate sind bloss in einem Miniaturformat abgebildet. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.01.2010, 12:26 Uhr

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