Zu nett, um wahr zu sein

Heute beginnt die 57. Biennale von Venedig. Die aktuelle Ausgabe will den Fokus weg von der Politik lenken. Ist dies der richtige Zeitpunkt, um auf heile Welt zu machen?

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Es waren Szenen, wie man sie sonst nur von Rock-Konzerten kennt. Oder vom Ausverkauf. Eine fette Menschentraube drängte sich vor dem Eingang des deutschen Pavillons, Smartphones wurden in die Höhe gehalten, und alle paar Minuten ging vorne die Rolljalousie hoch und konnten ein paar Glückliche rein, während dem Rest ein «easy, guys» oder ein «don’t push!» hingeworfen wurde. Wer endlich dran war, hatte gerade noch Zeit, zu realisieren, dass er soeben nicht nur Statist im verrücktesten Spektakel dieser Venedig-Biennale geworden war, sondern auch in einem netten Lehrstück über die Funktionsweise des Kunstbetriebs. Schliesslich standen dort unten in der Menge auch Kuratoren, Museumsleiter, Chefredaktoren, Sammler. Also diejenigen, die entscheiden, wer ganz nach oben kommt in diesem Spiel. Und wer das schafft, der darf machen, was immer er will. Auch wenn dies heisst, seine Förderer stundenlang im Pulk warten zu lassen.

Prügelnder Hofstaat

Diese Carte blanche liegt derzeit bei Anne Imhof (39), Ex-Türsteherin mit Vorliebe für schwarze Outfits. Und sie hat sie genutzt, um im zur Nazizeit erbauten «Germania»-Pavillon einen zweiten Boden aus Glas einzubauen. Auf diesem wandelt man nun ein Meter über dem originalen Sandstein, während man sich Miniperformances von Imhofs blutjungem Hofstaat zu Gemüte führt (sie selbst tritt nie auf, sie choreografiert nur). Der prügelt sich im Zeitlupentempo, fummelt am Smartphone herum, stimmt ein trauriges Lied an oder verrenkt sich spastisch am Boden.

Dabei sind zwei Dinge konstant: Die Gesichter der Darsteller bleiben ausdruckslos, und nach ein paar Minuten ist der Spuk schon wieder vorbei – nur um an anderer Stelle von neuem zu beginnen. Es riecht nach Endzeitstimmung, so viel ist klar. Bloss: Was soll das? Ein Kommentar zur Wohlstandsverwahrlosung? Zur Perspektivlosigkeit? Zur emotionalen Unterforderung im Zeitalter der digitalen Überpräsenz? Alles stimmt und nichts davon. Imhof und ihre geisterhafte Crew liefern bewusst nur die Motive – ein Bild daraus zimmern müssen wir uns selbst. Und das klappt. Und wie! Das Assoziationsdomino läuft sofort los und, in den besten Momenten, ein kalter Schauer über manchen Rücken; man schaut und schaut und vergisst, dass da ja noch Hunderte andere anstehen, die auch noch reinwollen.

Wer ganz nach oben kommt, der darf machen, was immer er will. Auch seine Förderer Stunden warten lassen.

Logisch, ist Anne Imhof eine heisse Kandidatin für den Goldenen Löwen. Denn was sie bietet – nämlich echte Emotion –, ist Mangelware im Kunstbusiness, das zu oft vor allem eben Letzteres ist: Business. Besonders heute, da Qualität über Zahlen bemessen wird. Und ganz besonders in der Lagunenstadt, die sich nur dann um die zeitgenössische Kunst schert, wenn diese ihr die Hotelbetten füllt – was ihr das Kunstvölkchen heimzahlt, indem es, wenn es durch die Canali tuckert, die Köpfe in seine Kataloge steckt und die prachtvollen Palazzi links und rechts keines Blickes würdigt. Liebe sieht anders aus. Aber was solls, früher oder später wird eh Schluss sein: Auf den omnipräsenten Biennale-Infotafeln zeigt eine Markierung auf Hüfthöhe schon mal an, bis wohin im Jahr 2080 der Wasserpegel angestiegen sein dürfte.

Noch aber ist Zeit und alles trocken an dieser Mutter aller Kunstbiennalen, die heuer Christine Macel (48) und Chefkuratorin für Zeitgenössisches am Pariser Centre Pompidou, das Zepter in die Hand gedrückt hat. Es ist erst das dritte Mal in der über 100-jährigen Geschichte der Biennale, dass man den Lead einer Frau überliess (nach «unserer» Bice Curiger 2011 und dem Duo Rosa Martinez/Maria de Corral 2005) – und Macel tat chauvinistischen Stänkerern im Vorfeld den Gefallen und tappte in die Puderfalle, indem sie ihrer Ausgabe den blumigen Titel «VIVA ARTE VIVA» (in Versalien!) verpasste und an Pressekonferenzen Dinge sagte wie, sie wolle uns den «Glauben an die Kunst» wiederbringen, die sie für die «kostbarste Gabe des Menschen» halte.

Tradition und Schamanismus

Dabei geht sie nach einem 9-Punkte-Programm vor. Sprich: Die 11'000 Quadratmeter Ausstellungsfläche wurden in neun Kapitel unterteilt, von denen sich jedes einer anderen künstlerischen Inspirationsquelle widmet. Dazu gehören die Tradition, die Farbe, Freuden und Ängste, aber auch der Schamanismus, das Dionysische und sogar die Unendlichkeit. Konkret sieht das nun so aus, dass man auf viel Handgewobenes und Bodenständiges trifft – etwa auf jene durchnässten Turnschuhe, aus denen Efeu, Farn und sonstige Pflanzen wuchern –, aber auch auf Poetisch-Feinstoffliches wie einen Teppich aus Staub, den ein Mitarbeiter permanent in Form wischen muss. Und immer wieder wird man aufgefordert, selbst kreativ zu werden, etwas zu sticken oder sich in Ernesto Netos riesiges Flechtzelt zu setzen und die bereitliegenden Tamburins zu bearbeiten.

Man wird das Gefühl nicht los, etwas weniger Sinnlichkeit und dafür Kritischeres hätten dem Ganzen gutgetan.

Das ist nett. Bloss wird man das Gefühl nicht los, etwas weniger Sinnlichkeit und dafür Kritischeres hätten dem Ganzen gutgetan. Und wenn es dann doch einmal politisch wird, dann lauern die nächsten Fallstricke: Kunstguru Olafur Eliasson hat sein Projekt «Green Light», das Flüchtlingen Arbeit in einer Designerwerkstatt bietet, nach Venedig transferiert – just an die Stelle im grossen Hauptpavillon, wo Macels Vorgänger Okwui Enwezor vor zwei Jahren aus Marx’ «Kapital» vorlesen liess. Das war gut gemeint, sowohl vom Künstler als auch von der Kuratorin. Blöd nur, dass es ein arg kolonialistisches Bild abgibt, wenn weisse Kunstfans mit dem Smartphone filmen, wie schwarze Arbeiter im Akkord Lampenschirme zusammenbauen.

Eigenbrötlerischer Wurm

Es sind Momente wie dieser, in denen Christine Macels philanthrope Versuchsanordnung ungewollt geradezu schmerzlich präzise Spiegelungen der komplexen Realität zutage fördert. Man hätte der Kuratorin den Triumph im Namen einer menschenfreundlichen Kunst gegönnt, zumal als Kontrastprogramm zur unlängst angelaufenen, kompromisslos verkopften Documenta in Athen. Aber vielleicht ist es der falsche Moment, um auf heile Welt zu machen. Und ist es nicht bitter, dass Macel ausgerechnet in einem Setting scheitert, wo seit je das freundschaftliche Nebeneinander der Nationen architektonisch beschworen wird und in dem die USA, China und Russland, aber auch Grossbritannien, Deutschland und Frankreich nur wenige Schritte trennen?

Dass die friedliche Koexistenz bisweilen schon im Kleinen scheitert, demonstriert der österreichische Länderbeitrag: Da der Starplastiker Erwin Wurm, wie man munkelt, keine Lust hatte, den Pavillon mit seiner Kollegin Brigitte Kowanz zu teilen, wurde für Letztere rasch ein zweiter Ausstellungsraum in den Innenhof gezimmert. Wurm seinerseits hat vor dem Eingang einen 40-Tönner aufgebockt, dessen Fahrerhaus nun nach unten und das Heck gen oben in den Himmel zeigt. Jeder, der will, kann das megalomane Stück erklimmen und die Giardini von oben fotografieren. Oder, wahlweise, hinausrufen: Es lebe die lebendige Kunst! Viva, arte, viva! Wer weiss, vielleicht hilfts. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.05.2017, 18:13 Uhr

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