Hintergrund

«Zürich läuft Basel den Rang ab»

Die Kunst 11 Zürich ist eröffnet und zeigt neben teuren, etablierten Namen erfrischend viel junge und vor allem auch bezahlbare Kunst.

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Die Zürcher Kunstmesse Kunst Zürich ist im Vergleich zu europäischen Grossmessen oder auch der Art Basel klein. Doch mit rund 70 nationalen und internationalen Galerien kann sich der kunstinteressierte Messebesucher einen Überblick über die Tendenzen der aktuellen zeitgenössischen Kunst machen – ohne vom Angebot erschlagen zu werden. Und mit Preisen, die nicht selten unter der 10'000-Franken-Grenzen liegen, kann er sich auch das eine oder andere Stück leisten.

Konkurrenz für Basel

Die Kunst Zürich findet bereits zum elften Mal statt. Was vor sechzehn Jahren als kleiner Event begann, hat sich zu einem ernstzunehmenden und etablierten Kunsttermin gewandelt. So beträgt der ausländische Anteil der Galerien laut Evelyne Fenner – Mitgründerin der Messe – rund 50 Prozent. «Der Kunstplatz Zürich ist einer der interessantesten und anspruchsvollsten Europas», sagt sie.

Was ist mit Basel? Die Stadt am Rhein war lange die Kunstmetropole der Schweiz und die Art Basel gilt sogar weltweit als die wichtigste Kunstmesse und lockt alljährlich Tausende von Besuchern an. Doch für Fenner ist klar: «Zürich hat Basel – im Bereich der Galerien – längst den Rang abgelaufen.» Zürich habe eine ausgezeichnete Kunstszene. Und viele der grossen, international arbeitenden Galerien (Gmurzynska, Susanne Kulli oder Haas) seien zu den bereits ansässigen hinzugekommen.

Zum steigenden Interesse im Ausland haben mit Sicherheit auch die Zürcher Kunstsammler beigetragen, die laut Fenner «hervorragend informiert sind» und sowohl sehr gezielt «auf hohem Preisniveau kaufen» als auch mit geschultem Auge nach Neuentdeckungen aus dem jungen Segment suchen. Und davon hat es an der «Kunst Zürich» genug, was die Messe vor allem auch für jüngere Sammler mit kleinerem Budget interessant macht. Nennenswert ist mit Sicherheit die russischstämmige Slava Seidel, die ausschliesslich Sepiatusch-Aquarelle malt und keine Entwurfsskizzen anfertigt.

«Skizzen würden Energie von meinen Arbeiten abziehen», sagt die Künstlerin, die seit einigen Jahren in Deutschland lebt und bereits in einigen, äusserst wichtigen Kunstsammlungen vertreten ist. Was Seidel aus unternehmerischer Sicht zu einer äusserst spannenden Investition macht: Mit Preisen unter 1800 Franken für Aquarell-Zeichnungen auf Papier und rund 5000 Franken für die grösseren Leinwand-Arbeiten liegt die Künstlerin in einem absolut bezahlbaren Bereich, was sich, eben durch ihre Präsenz in renommierten Sammlungen, mit ziemlicher Sicherheit bald ändern wird. Dies erkannten auch mehrere Kunstsammler: Schon am ersten Abend, an der Opening Night für geladene Gäste am Mittwoch, verkaufte Galerist Jörg Heitsch, der die Künstlerin seit ihren Anfängen betreut, vier Bilder.

Spannend sind auch die Arbeiten des polnischen, in Basel lebenden Künstlers Pawel Ferus. Seine am Stand der Galerie Tony Wuethrich ausgestellte Skulptur «Yogi V» – ein auf einem Fundament von Energy-Drinks sitzender, mit Silikon übergossener Buddha – sorgte am Eröffnungsabend für Gesprächsstoff. «Mit Sicherheit ein dankbares Sujet», so Galerist Wuethrich, «das vor allem für viele verschiedene Interpretationen sorgt.» So sahen einige darin vor allem die Schwierigkeit des Zur-Ruhe-Kommens in unserer dermassen hektischen, energiegeladenen Gesellschaft. Andere erkannten im Buddha den Inbegriff einer spirituellen Macht, die in unserer leistungsorientierten Zeit trotzdem die Oberhand behält.

Präzision als Motivation

Doch die «Kunst Zürich» ist keine Newcomer-Messe, sondern hat auch etablierte Künstler im Programm. Die Galerie Andres Thalmann etwa zeigt Werke des koreanischen Künstlers Bahk Seon-ghi, der vor zwei Jahren an der Art Dubai mit seiner knapp drei Meter hohen Kronleuchter-Installation im Eingangsbereich für Furore sorgte. Bahk gestaltet mit Holzkohlestücken, die an Nylonfäden von der Decke hängen, Gegenstände des alltäglichen Lebens oder schlichte geometrische Formen. Die Holzkohle, sein bevorzugtes Arbeitsmaterial, wird für Rituale der Läuterung und Reinigung verwendet, um die Geburt eines Kindes anzukündigen und um böse Geister abzuwehren. An der Kunst Zürich zeigt die Galerie, die den Künstler im Sommer mit einer Einzelausstellung würdigte, übergrosse Wassertropfen, die riesig und schwarz von der Decke hängen.

Ebenfalls Koreaner, allerdings nahezu unbekannt, aber nicht weniger interessant, ist der bei der Cor Galerie präsentierte Hong Songchul. Seine String-Mirror-Installation, bestehend aus sechs Einzelwerken, zeugt von äusserster Präzision. Der Künstler druckt mittels einer äusserst aufwendigen Mischtechnik seine Fotomotive auf aufgezogene, elastische Bänder, die je nach Richtung, aus der sie betrachtet werden, ein anderes Bild erzeugen. Das genaue Vorgehen bei diesem komplizierten Verfahren konnte auch der Galerist nicht genau beschreiben. «Songchul ist ein absoluter Perfektionist, der von der Präzision regelrecht getrieben ist – anders kann man sich diese Genauigkeit nicht erklären.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.11.2011, 16:11 Uhr

Kunst 11 Zürich

Gezeigt werden mehr als 2000 Werke von über 1000 Künstler. Die Veranstalter rechnen mit rund 20'000 Besuchern in den Zürcher ABB-Hallen. Die Kunst 11 Zürich ist bis Sonntag, 20.11. (18 Uhr) geöffnet.

Mehr Infos: www.kunstzuerich.ch

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