Der Bulle und das Mädchen

Zwei Statuen vor der New Yorker Börse sorgen für Streit und Erheiterung.

Ungleiche Kontrahenten: «Fearless Girl» trotzt dem Wallstreet-Bullen.

Ungleiche Kontrahenten: «Fearless Girl» trotzt dem Wallstreet-Bullen. Bild: Bebeto Matthews/Keystone

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Bill de Blasio hat als Bürgermeister von New York wichtigere Probleme zu lösen als dieses. Aber etwas Typisches für seine Stadt: Es treffen Extreme aufeinander, und der Konflikt gibt weltweit zu reden.

Es geht um zwei Bronzestatuen an der Wallstreet, also in der Nähe der New Yorker Börse. Die eine zeigt einen anstürmenden Bullen, die andere ein Mädchen, das den Bullen unbeeindruckt anschaut. «Charging Bull» heisst die eine Statue, «Fearless Girl» die andere. Der Bull steht seit 1989 da, das Mädchen seit dem Internationalen Frauentag, also dem 8. März. Der Bull verkörpert Männlichkeit, das Mädchen mangelnden Respekt davor.

Kunst versus Marketing

Und das missfällt Arturo di Modica, dem 76-Jährigen sizilianischen Einwanderer, der den Bullen erschaffen und ohne Bewilligung in der Wallstreet deponiert hatte. Er reagierte damit auf den Börsencrash von 1987 und hoffte, seine über 3 Tonnen schwere Skulptur würde ein Erstarken der Börse unterstützen. Die Behörden schafften das Tier nach Queens aus, holten es dann aber zurück, wo es sich als beliebteste Skulptur nach der Freiheitsstatue erwies.

Nur steht jetzt dem «Charging Bull» das «Fearless Girl» gegenüber, von der Bildhauerin Kristen Visbal geschaffen und von einer Investmentbank und einer Werbeagentur finanziert. Er habe nichts gegen Frauen und Mädchen, beteuert di Modica in der «New York Post», dennoch verlange er die Entfernung von «Fearless Girl». Sein Bulle sei ein Symbol für Amerika, Wohlstand und Kraft, sagt er. Womit er impliziert, dass das furchtlose Mädchen sich über diese Werte lustig macht.

Verlängerung für «Fearless Girl»

Unglücklicherweise ist das Mädchen bei den New Yorkern bereits so beliebt wie der Bulle.

Offenbar finden sie, dass es nicht nur die eine Möglichkeit gibt, Kraft zu symbolisieren. Und dass Humor ebenfalls ein amerikanischer Wert ist. Bill de Blasio, der New Yorker Bürgermeister, hat eine typisch politische Zwischenlösung gefunden: Er hat die Bewilligung für «Fearless Girl» um fast ein Jahr verlängert.

«Charging Bull» tobt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2017, 11:34 Uhr

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