Die Kunst der Hypnose

Der in Zürich geborene Wiener Peter Wechsler erschafft seine Grossformate in akribischer Linienarbeit mit dem Stift oder der Feder. Jetzt zeigt das Zürcher Kunsthaus eine Auswahl seines Werks.

Einladung zum Meditieren: Wer Wechslers Bilder lange genug betrachtet, dem öffnen sich Parallelwelten. Bild: Peter Wechsler, WVZ Nr. XVIII, 03.III.–X.2004, © 2016 Pro Litteris, Zürich

Einladung zum Meditieren: Wer Wechslers Bilder lange genug betrachtet, dem öffnen sich Parallelwelten. Bild: Peter Wechsler, WVZ Nr. XVIII, 03.III.–X.2004, © 2016 Pro Litteris, Zürich

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Fifty Shades of Grey? Schon. Aber anders, als Sie denken. Wer derzeit ins Kabinett im Erdgeschoss des Kunsthauses Zürich tritt, in die erste Schweizer Ausstellung des Zürcher Wahl-Wieners Peter Wechsler, der bekommt so ziemlich jede ­Nuance zwischen Schwarz und Weiss vorgesetzt – auf Papier, in Form von Bleistift- und Tuschezeichnungen. Das klingt unspektakulär, ist aber geradezu erschütternd aufregend. Zumindest ist es das für ein Publikum, das sich gewohnt ist, visuelle Stimulanzien im Sekundentakt durchzuswipen.

Hier nun lässt man das Smartphone schön in der Tasche und richtet den Blick auf ein Werk nach Wahl, und zwar für mindestens 30 Sekunden. Was dann passiert, kann man zwar beschreiben. Aber eigentlich muss man es erlebt haben, um es zu begreifen: Die Linien auf dem Papier beginnen, sich zu bewegen. Es sind extrem viele, extrem dicht gesetzte; Wechsler arbeitet manchmal ein ganzes Jahr an einem einzigen Bild. Manche Linien schieben sich einem entgegen, andere sinken in die Bildtiefe. Und dann tut sich dort plötzlich eine Parallelwelt auf, von der man meint, man könne sie mit nur einem Schritt durch die Bildoberfläche betreten. Ist es eine wild wuchernde Wiese, mit Hunderten von Pusteblumen, die sich sanft im Wind wiegen? Oder Asphalt im Neonlicht, auf den schwere Regentropfen prasseln?

Eine Landschaft!

Beides stimmt – und nichts von alledem. Das Paradoxe an dieser Kunst ist nämlich, dass sich ihr Schöpfer nie viel aus figurativen Motiven gemacht hat. Peter Wechsler ist durch und durch ein Abstrakter. Er ist 1951 in Zürich geboren und aufgewachsen in der Blütezeit von Max Bill & Co. – und glaubt an das Vermächtnis der Minimal Art und an das Konstruktiv-Konzeptuelle.

Trotzdem lässt Wechsler es sich bis heute nicht nehmen, in die langen Reihen seiner Arbeiten «ohne Titel», in die Aberhunderte von nummerierten Blättern gelegentlich auch einmal etwas «Landschaftliches» (1976), eine «Leere» (2013) oder gar «Kafkas Himmel» (1970) einzustreuen. Darum stört es ihn auch nicht weiter, wenn jemand in seinen Liniengeflechten Pusteblumen oder Regen erkennen will. Wichtig ist allein, dass sich der Betrachter auf dieses visuelle Fokussierspiel einlässt. Und dabei alle verfügbaren Sinne einsetzt.

Nicht nur die Augen also, sondern auch den Geruchs-, den Geschmacks- und Hörsinn. Und tatsächlich: Wer lange genug vor diesen Zeichnungen steht – sie können gerne mal einen Meter hoch und zwei Meter breit sein –, der wird früher oder später in einen tranceartigen Zustand verfallen, in dem das Gehirn das Gesehene in alle Richtungen weiterdenkt, in dem es passende Gerüche und Klänge beisteuert. Man kennt das von den Gemälden Mark Rothkos; hier funktioniert es ganz ähnlich, einfach in Schwarzweiss. Hypnose? Vielleicht. Jedenfalls will man, je länger man vor diesen Bildern steht, umso mehr davon. Zumal jede der Zeichnungen, so sehr sie sich auf den ersten Blick ähneln, eine kleine Überraschung bereithält. Eine rote Grundierung zum Beispiel, die von den Bleistiftstrichen zwar gänzlich verdeckt wird, die aber sanft darunter hervorschimmert, so als lodere ein Brand.

Kurator Bernhard von Waldkirch hat zu dem einen Wechsler-Bild, das vor einigen Jahren für die Kunsthaus-Sammlung angekauft wurde, nun ein paar Dutzend Leihgaben zusammengetragen. Die Schau trägt den Titel «Kleinteilig wächst die Welt zusammen», und an manchen Blättern lässt sich wirklich schön nachvollziehen, wie Wechsler Striche, Linien, Punkte sukzessive zu seinen charakteristischen Geflechten verbindet – und wo das Ganze seinen Ursprung hatte: Schade, liegen die aufgeschlagenen Skizzenbücher des Teenagers Wechsler hinter Glas und kann man sie nicht durchblättern. Wer weiss, vielleicht lässt sich der Kurator ja an den Führungen dazu überreden.

Und sonst hält man sich eben an die Grossformate: Bilder, vor denen man zur Ruhe findet, vor denen man meditieren könnte – und die das Smartphone komplett vergessen lassen.

Bis 22. 1. Katalog ca. 30 Fr. Führungen: 27. 11., 16 Uhr; 10. 12., 16 Uhr; 7. 1., 11 Uhr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2016, 18:15 Uhr

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