Dieser Kitsch muss wehtun

Die deutsche Malerin Anne Loch war auf dem besten Weg, ein Star zu werden. Stattdessen zog sie nach Thusis und schuf ein Werk, das im Bündner Kunstmuseum wiederentdeckt wird.

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Schon beim ersten Bild wird klar, dass hier etwas nicht stimmt. Fast drei Meter hoch ist die schmale Leinwand – und darauf ausgebreitet in grellen Farben: Stiefmütterchen. Beinahe hyperrealistisch gemalt, krass herangezoomt, die einzelnen Blüten so gross wie ein Menschenkopf. Links und rechts davon hängen, ebenso überdimensioniert, das Bild eines Adlers, der vor Swimmingpool-blauem Himmel seine Flügel ausbreitet, und ein anderes mit rosa Pfingstrosen. Echt jetzt? Ist dieser Kitsch wirklich ernst gemeint? Das fragt man sich. Schliesslich steht man hier nicht vor dem Postkartenständer eines Kiosks irgendwo im Nirgendwo. Sondern im Bündner Kunstmuseum in Chur, das die erste grosse Einzelausstellung in seinem Neubaukubus ausgerechnet einer Vergessenen widmet: der deutschen Malerin Anne Loch (1946–2014).

Dass man deren plakative Motive heute nicht sofort erkennt und stattdessen «Anne wer?» fragt: Das hat sie sich selbst zuzuschreiben. Denn es hätte auch anders kommen können. Zu Beginn der 80er-Jahre, als die Schulterpolster breiter und die Kunstausstellungen auch in Köln, wo Loch damals lebte, experimenteller wurden, da stellte sie ihre Werke in hippen Proto-Offspaces und Junggalerien aus – gemeinsam mit anderen Newcomern wie Peter Fischli und David Weiss, Jenny Holzer, Cindy Sherman und Rosemarie Trockel.

Besessenes Arbeiten

Nach ein paar Jahren hatte sie freilich genug: vom Vernissagen-Trubel, vom Erfolgsstreben, von den immer gleichen Gesichtern. Sie packte ihre Sachen (viele waren es nicht, Loch hatte nie einen starken Bezug zu materiellen Dingen) und haute ab. Nicht nach Paris, Düsseldorf oder Amsterdam, wo es junge Kulturschaffende für gewöhnlich hinzog. Nein: nach Thusis. Nicht allzu weit entfernt, im malerischen Sils, traf sich die Kölner Kunstszene im Hotel Waldhaus jeweils zum Ausspannen. Anne Loch aber war der karge Durchgangsort lieber.

Dort wunderte man sich über die geheimnisvolle hagere Frau, die sich in der ehemaligen Herberge Alte Krone einrichtete, die wie ein Geist durch den Dorfladen schlich und gelegentlich für ein paar Stunden mit den Alten in der Sonne hockte. Dass sie wie eine Besessene arbeitete, Bild für Bild malte, 500 Stück in insgesamt 14 Jahren, das wussten die wenigsten. Wer Loch besuchte, vor dem versteckte sie ihre Malutensilien penibel – fast so, als wollte sie ein Geheimnis ganz für sich allein behalten. «Oft denke ich», schrieb sie im Juni 1990 in ihr Tagebuch, «ein Psychiater würde ganz viele Gründe haben, warum ich so lebe, wie ich lebe. Aber ausserhalb der Analyse gibt es noch etwas anderes: die Momente der Wahrheit, und die fühlen, das kann nur ich.»

Die Wahrheit, das wahre Leben: Bei Anne Loch hatte das, genau wie ihre Bilder, stets etwas Prekäres, ja Dramatisches. Der Kontakt zu ihren beiden ­Adoptivkindern brach Anfang der 90er-Jahre ab, die Liebe zu einem gewissen J. R. in ihrer Zeit in Thusis verlief heimlich und unglücklich. 2002 verliess sie die Schweiz dann Hals über Kopf, ohne sich von jemandem zu verabschieden. Und als sie 2013 nach einer schweren Krebsdiagnose zurückkehrte und ins Bergell zog, da warf sie unterwegs die Schlüssel ihrer Essener Wohnung aus dem Autofenster.

Wie passen Pfingstrosen, Stiefmütterchen und Adler in dieses Bild? Indem sie eben keine harmlosen Idyllen sind. Allein schon die Formate irritieren. Gnadenlos monumentalisiert Anne Loch alles, was ihr unter den Pinsel kommt. Sie bläst Tiere, Blumen, Früchte, Landschaften auf, bis sie ins Monströse kippen. Zwei Edelweiss bettet sie in eine Kulisse aus schwarzer Lackfarbe, aus der die pelzigen Blüten herausleuchten wie fette weisse Spinnen. Hirsche grasen vor blutigem Rot oder weissem All-Over, als seien sie mithilfe eines Bildbearbeitungstools aus ihrem natürlichen Habitat geschnitten worden.

Die Blüte als Inferno

«Künstliche Paradiese» heisst die Schau in Chur, und das trifft Anne Lochs plastikartige, sterile Ästhetik perfekt. Die 50 aus ihrem Nachlass ausgewählten Bilder sind nur ein Bruchteil ihres Schaffens. Insgesamt umfasst es rund 1400 Werke, von denen sie sich nur trennte, wenn sie dringend Geld brauchte. Die Bilder waren ihr lieb, auch wenn sie ihnen nie einen Titel gönnte, sondern sie nüchtern durchnummerierte. Man muss sie in natura sehen. Geschrumpft auf Kataloggrösse verlieren die Bilder das Bedrohliche und Beissende, das so reizvoll mit ihren Sujets kontrastiert und das dieses Œuvre so stark macht. Loch malte meist nach Fotos, zum Beispiel die Nah­aufnahme einer knallroten Blüte, welche die riesige Leinwand randlos ausfüllt. Schwierig, dabei nicht an einen Höllenschlund zu denken – allerdings an einen, in den man sich gern hinein­stürzen würde: weil doch dieses Inferno so duftend und samtweich erscheint.

Es sind solche Momente der Widersprüchlichkeit, in denen die Frau, die diese Bilder geschaffen hat, für einen Moment greifbar wird. Ihr prächtiger Kitsch muss wehtun, weil er ein Ventil für einen inneren Schmerz war – gar nicht viel anders als bei Ernst Ludwig Kirchner, dessen farbenfrohe Ansichten von Davos und Umgebung einen Stock höher über Lochs Ausstellung hängen. Und es sind solche Momente, die diese Ausstellung, die nichts weniger als eine spektakuläre Wiederentdeckung ist, so sehenswert machen. Der Besuch lässt einen im besten Fall ratlos zurück. Im wahrscheinlicheren aber verlässt man die Schau zutiefst beunruhigt.

Bis 7. Mai. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.04.2017, 18:08 Uhr)

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