Ein Gefühl der Überlegenheit

Kaum etwas hat unser Verständnis von zeitgenössischer Fotografie mehr geprägt als die sogenannte Düsseldorfer Schule von Bernd und Hilla Becher. Eine Bestandsaufnahme in Frankfurt.

Wo soll man hier anfangen zu schauen? Wo aufhören? Foto: Andreas Gursky (2017, Pro Litteris)

Wo soll man hier anfangen zu schauen? Wo aufhören? Foto: Andreas Gursky (2017, Pro Litteris)

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Bilder spiegeln und prägen ihre Zeit, unsere mehr noch als andere Epochen. Wenn es stimmt, dass wir in einem visuellen Zeitalter leben, dann sind innerhalb unseres Bilderkosmos Fotografien die Leitmedien. Fotos füllen Handys, soziale Medien, einen Grossteil der Zeitschriften; in Kunstbänden und Suchmaschinen bestimmen sie auch noch den alltäglichen Blick auf Gemälde, Skulpturen und Architektur. Der allergrösste Teil aktueller Fotografien will einfach nur wirken, wie auch immer. Da ist es tröstlich, dass sich mit der Düsseldorfer Schule seit den späten Siebzigern eine selbstkritische Art fotografischen Denkens herausgebildet hat. Die berühmte Fotoklasse von Hilla und Bernd Becher liefert das dringend nötige Gegengift zum schnellen Bilderkonsum.

Das Frankfurter Städelmuseum zeigt nun die längst überfällige Bestandsaufnahme dieser so nachdenklichen wie expansiven Fotografie von Künstlern wie Thomas Struth, Andreas Gursky und Candida Höfer. Die Becher-Schüler lassen sich nicht auf einen Nenner bringen, zu unterschiedlich sind ihre Sichtweisen. Tendenzen aber sind auszumachen. Die meisten begehen den Lehrermord, indem sie dem streng Dokumentarischen, auch dem Schwarzweiss der Bechers, abschwören. Was nicht heisst, dass sie sich in poetische Gegenwelten flüchten, im Gegenteil. Sie bezweifeln nur, dass es so etwas wie eine unverfälschte Abbildung von Realitäten geben kann.

Blickregime wie in der Malerei

Am entschiedensten formuliert Andreas Gursky diesen Zweifel – und greift dabei sowohl auf das alte, gemalte Historienbild als auch auf grossflächige Werbeplakate zurück. In Frankfurt ist sein schon 1993 entstandenes Schlüsselwerk «Paris, Montparnasse» zu sehen. Das mehr als vier Meter breite Bild zeigt nichts anderes als eine frontal aufgenommene Wohnblockfassade unter einem schmalen Streifen Himmel. Der Block wird zum geometrischen Raster, der wie in einem Setzkasten Leben ordnet und gruppiert. Und doch lassen sich die Bewohner nicht so einfach normieren, sie hängen mal grüne, mal blaue Vorhänge auf, schalten einen Fernseher an oder schauen aus dem Fenster.

Das menschliche Auge vermag so viel nicht mit einem Blick zu erfassen; und auch keine Kamera könnte mit einem Klick alle diese Details und das ganze Gefüge zeigen. So ist das im Nachhinein bearbeitete Bild aus mehreren Aufnahmen montiert. Es nötigt den Betrachter, sich die Zeit zu nehmen, die Fotografie abzuschreiten. Und es gibt ihm ein merkwürdiges Gefühl der Übersicht und Über­legenheit. Von einem «Blickregime» spricht der Kunsthistoriker Steffen Siegel im Ausstellungskatalog – und erinnert daran, dass diese Art des allumfassenden Betrachtens Vorläufer in der ­Malerei hat.

Denken in Saalgrösse

Einen gewissen Mut muss es in den Achtziger- und Neunzigerjahren erfordert haben, sich von den handhabbaren Formaten des Fotoalbums und Künstlerbuches zu verabschieden und in musealer Saalgrösse zu denken. Die war zwar durch die Arbeit der Bechers selbst angeregt, doch hatten die Lehrer noch viele kleine und mittelgrosse Bilder zu immensen Tableaus verbunden. Jetzt vergrössert Thomas Ruff einzelne Brustporträts von Teenagern beinahe zimmerhoch, und Thomas Struth fotografiert bürgerliche Familien so wandfüllend, als wolle er die Hofmaler absolutistischer Könige übertreffen. Das wäre in der unmittelbaren Nachkriegszeit noch nicht möglich gewesen, da sass der Schrecken über die totalitäre Monumentalität der Nazis noch zu tief. Im ausgehenden 20. Jahrhundert aber brauchte es das Grossformat, um der Masse an dahingeworfenen kleinteiligen Fotos bleibende Bilder entgegenzusetzen, die Konzentration erzwingen.

Das Dokumentarische verloren die Becher-Schüler dabei nie ganz aus dem Blick, auch das zeigt die Ausstellung an Beispielen von Axel Hütte, Tata Ronkholz und Candida Höfer. So viel Realitätsnähe muss sein, wenn die künstlerisch ambitionierte Fotografie zum Leitmedium gehören will, im Museum wie im Rest der Welt.

Bis 13. August. www.staedelmuseum.de (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.06.2017, 18:33 Uhr

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